VISION 20006/2002
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Gott wird die Kultur des Todes besiegen

Artikel drucken Gespräch mit Father Reilly, durch dessen Wirken zahllosen Abtreibungskliniken geschlossen wurden

Seit mehr als zehn Jahren steht F. Philipp Reilly in New York vor Abtreibungskliniken als Zeuge der Liebe Jesu, der durch ihn und seine Mitarbeiter bereits unzählige Kinder gerettet hat. Wir haben mit ihm über seine Erfahrungen gesprochen.

Was sind die wichtigsten Lehren, die sie aus ihrem langjährigen Einsatz für das Leben Ungeborener ziehen konnten?

Father Philip Reilly: Daß die Kultur des Lebens nicht allein durch menschliche Anstrengungen überwunden werden kann. Ich illustriere Ihnen das an einem Beispiel: Mitarbeiter von mir waren mit der U-Bahn unterwegs. In den Waggons waren Plakate von Planned Parenthood, die das ganze Programm der Kultur des Todes anpriesen. Meine Leute haben mich gefragt: “Sollen wir sie runterreißen?" “Was bringt es?", war meine Antwort. “Sie werden andere anbringen. Ich frage Euch: nehmen Euch die Plakate für die Abtreibung ein? - Natürlich nicht! Ihr richtet Euch nach Prinzipien aus. Der Grund dafür: Ihr habt Euch bekehrt."

Sobald jemand bekehrt, von etwas überzeugt ist, spielt es keine Rolle mehr für ihn, was man ihm einzureden versucht. Da können Milliarden in die Werbung, in die gezielte Manipulation investiert werden, die Menschen wären bereit, für die Wahrheit zu sterben.

Da muß uns klar sein: Wir können mit unseren Gegnern keinen Krieg auf der Ebene von Umfragen, von Werbung führen. Uns geht es um Bekehrung. Und sobald jemand bekehrt ist, haben wir gewonnen.

Worum es mir geht: Ursprünglich hatten wir in der Auseinandersetzung allein das physische Leben im Blick. Wer “pro life" war, versuchte das physische Leben anderer zu retten und sich gegen jene zu stellen, die für die Tötung eintraten. In Wahrheit kann man aber nicht pro life sein und sich gleichzeitig im Kampf gegen die Menschen in der Kultur des Todes profilieren.

Wir müssen das Geschehen mit den Augen Gottes zu betrachten versuchen. Und da müssen Sie wissen: Gott ist niemandes Feind. Gott liebt alles, was Er geschaffen hat. Er möchte, daß all diese jungen Leute, die da schreien: “Das ist mein Recht, das ist mein Bauch!", in den Himmel kommen. Er ist dafür gestorben, daß all diese Menschen dorthin kommen. Er will, daß sie ewiges Leben haben.

Daher muß jeder, der pro life ist, einen viel weiteren Horizont haben: Wir müssen die Grundhaltung Gottes annehmen lernen. Wir müssen zur Abtreibungsklinik gehen in der Haltung: Die Leute dort sind nicht meine Feinde, ich will mein Leben für sie einsetzen, so wie Jesus das getan hat, ich will für sie Zeuge der Liebe Gottes dort sein, ich will, daß sie gerettet werden. Und das kann man nur in der Kraft Gottes tun, das geht nur, wenn der Heilige Geist durch uns wirkt. Und daher die Bedeutung der Eucharistie: Gott gibt uns eine neue Fähigkeit, die Welt zu lieben: “Ich will, daß ihr eure Feinde liebt!"

Das ist etwas anderes als ein humanitärer Einsatz. Ohne die Kraft Gottes kann man seine Feinde, den anderen, der in keiner Weise liebenswert ist, nicht lieben. Und wenn nun die anderen diese Liebe spüren, wo eigentlich Ärger und Ablehnung zu erwarten wären, dann fragen sie sich: Welcher Geist bewegt diese Leute? Und dann fühlen sie sich zu diesem Geist hingezogen. Es bringt nichts, wenn wir unseren armen Geist gegen den armen Geist der anderen einsetzen. Das bringt Konfrontation. Da spielt sich alles auf einem zu niedrigen Niveau ab. Es geht um die Öffnung für die Dimension Gottes.

Meine Antwort also: Ich habe begriffen, daß es sich beim Einsatz für das Leben um ein übernatürliches, ein Werk Gottes handelt. Es geht um das ewige Leben der Menschen. Und sie sind nicht unsere Feinde. Wir wollen, daß Christus durch uns für sie gegenwärtig wird. Auf diese Weise bringen wir sie heraus aus der Kultur des Todes, hinein in die Kultur des Lebens.

Sollte nun einer unserer Leser Sie fragen: “Father Reilly, was kann ich tun, um die Kultur des Lebens voranzubringen?" - was würden Sie ihm antworten?

Reilly: Meine erste Antwort: Sei heilig! Pro life - das sind die heiligen Menschen. Und das Zweitwichtigste ist: beten. Und dann sage ich: Es gibt nichts in der Welt, das wichtiger für das Leben ist, als für die eigene Familie dazusein. Also: Kümmert Euch um Eure Kinder!

Es ist ganz wichtig, nicht die Familie, die ganz normalen Verantwortungen zu vernachlässigen. Gerade dazu wollen wir doch die Leute, die mit Abtreibung konfrontiert sind, bringen: Ein ganz normales Familienleben zu führen, Kinder großzuziehen. Das will Gott ja. Daher dürfen wir die eigene Familie nicht vernachlässigen, um das Anliegen des Lebens voranzubringen. Also: Tut das Naheliegende. Nimm die Verantwortungen ernst, die Du übernommen hast. Und sei heilig!

Wenn Du darüber hinaus Zeit hast, um Dich an Aktionen zu beteiligen, dann ist das sehr wichtig. Die Welt braucht Zeugen. Denn in der heutigen Auseinandersetzung um die ungeborenen Kinder ist das Opfer unsichtbar. Sie haben keine Stimme, keinen Namen, sie können sich nicht wehren. Wäre die Ungerechtigkeit ganz offenkundig, wäre alles viel einfacher. Die Opfer sind auf uns angewiesen. Wir müssen die Opfer also sichtbar machen. Und das tun wir vor der Abtreibungsklinik. Deswegen sind unsere Gegner so lautstark gegen uns aufgebracht.

Also noch einmal: Sei heilig, nimm Deine Verantwortungen wahr, führ' ein positives Leben, und - wenn Du Zeit hast - nimm an Aktionen teil, die der Gesellschaft das Opfer ins Bewußtsein rufen. Das ist enorm wichtig. Heute sterben täglich Menschen, kleine Menschen - wir müssen versuchen, ihnen zu helfen. Es geht nicht vorrangig um Gesetzesänderung - auch wenn das gut wäre. Es geht also um direkte Aktionen, die friedlich und im Gebet stattfinden, um das Opfer sichtbar zu machen. Und ich sage Ihnen: Das rettet viele Leben.

Viele Leute verlieren heute jede Hoffnung, wenn sie sehen, was alles den Bach runter geht. Was können Sie sagen, damit sie neue Hoffnung fassen?

Reilly: Sie kennen die Geschichte im Alten Testament von Josephs Brüdern, die ihn in die Sklaverei verkauft haben. Als sie später in Ägypten entdecken, daß ihr Gegenüber ihr Bruder Joseph ist, klagen sie: “Was haben wir nur getan!" Aber da stellt Joseph die Dinge ins rechte Licht: “Hättet Ihr das nicht getan, könnte ich jetzt nicht das ganze Volk vor dem Hungertod retten." Oder denken Sie an Thomas Morus, der enthauptet wurde: Seine Familie redet ihm gut zu, doch das Papier zu unterschreiben, damit er freigeht. Und er sagt darauf: “Eines der wichtigsten Dinge, die Gott in meinem Leben gewirkt hat - ich muß Ihm dafür danken -, ist meine Einkerkerung. Ich bin nämlich überzeugt: Was immer auch geschehen wird, es ist zum Guten." Gott macht aus allem etwas Gutes.

Der heilige Johannes vom Kreuz sagt: “Wo keine Liebe ist, bring' Du Liebe ein - und Du wirst Liebe finden." Klagen bringt keine Liebe hervor.

Die Kultur des Todes ist ein unfaßbares Übel. Aber treten wir einen Schritt zurück: Gott würde dieses Übel nicht zulassen, wenn nicht etwas ganz unfaßbar Gutes aus all dem Elend herauskommen würde. Das erfordert allerdings unseren Einsatz: Gegen jede Hoffnung zu hoffen in der Überzeugung, daß etwas unvorstellbar Gutes dabei herauskommen wird.

Schauen Sie: Ich reise rund um die Welt und sehe, was hier in Wien an Gutem geschieht. Aber ebenso geht es mir in Australien, in New York, El Paso, in England... : Menschen, die sich heroisch und selbstlos einsetzen. Das bringt eine enorme Großzügigkeit, ein tiefes Gebetsleben, viel Güte hervor. Und vor allem: Immer mehr Menschen aus der Kultur des Todes schließen sich uns an. Hier werden große Siege gefeiert.

Das ärgste Übel, das die Welt je erlebt hat, geschah an dem Tag, als Gott gekreuzigt wurde. Und das größte Geschenk wurde der Welt zuteil an eben jenem Tag, an dem Gott gekreuzigt wurde. Gott hat eine unbegreifliche Fähigkeit, das ärgste Übel zum Werkzeug der Rettung der Welt zu machen.

Können Sie uns eine Geschichte von jemandem erzählen, der aus der Kultur des Todes in die Kultur des Lebens übergewechselt ist?

Reilly: Da gäbe es viel zu erzählen. Lassen Sie mich folgendes vorausschicken: Jeder, der als Abtreiber arbeitet, kommt irgendwann einmal zu der Einsicht: Was ich da tue, ist falsch. Und dann wird das alles für ihn zur Hölle. Dann sehen sich die Leute um. Die Menschen rund um sie sind einfach blind, leben in der Finsternis. Und von uns, den Leuten, die vor der Klinik stehen, nehmen sie an, wir würden sie hassen, weil sie ja Babykiller sind. Zu uns könnten sie ihrer Meinung nach also auch nicht gehen. Und so verzweifeln viele von ihnen, bringen sich langsam um: Ausschweifungen, Alkohol, Selbstmorde. Die Abtreiber haben eine enorm hohe Selbstmordrate. Oder: Sie verbeißen sich ins Töten.

Wir müssen uns also klar machen: Diese Menschen brauchen Hilfe. Da sie jeden Tag an uns vorbeikommen, sollten sie spüren, daß wir sie lieben. Dabei kann in ihnen langsam Hoffnung aufkeimen, ein Licht aufleuchten.

Lassen Sie mich nun ein ganz außergewöhnliches Beispiel einer solchen Umkehr erzählen: An einem Tag waren 80 Frauen an mir vorbei in die Klinik gegangen und bis zwei Uhr Nachmittag hatten sich 37 (!) von ihnen für das Leben ihrer Kinder entschieden.

Um zwei Uhr kommt daraufhin ein Arzt, der in der Klinik arbeitet, heraus und auf mich zu: “Monsignore, darf ich mit Ihnen reden?" (Ich bin zu den Ärzten immer höflich, rede sie mit Doktor an...) Ich darauf: “Ja, Herr Doktor." “Sie sollen der Erste sein, dem ich das sage: Von dieser Stunde an will ich nichts mehr mit Abtreibungen zu tun haben." Ich antworte ihm: “Herr Doktor, darf ich Sie segnen?" “Ich bin aber Jude. Ich weiß nicht, ob Sie das dürfen." “Wenn Sie es mir erlauben, kann ich es." Er erlaubt es mir und ich sage: “Ich segne Dich im Namen des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs. Gott ruft Dich, ein Apostel des Lebens zu sein. Du wirst ein besonderes Werkzeug in den Händen Gottes sein."

Er schaut mich an. “Sie haben recht," sagt er, dreht sich um und geht zurück in die Klinik.

Dort ruft er alle Leute zusammen, um ihnen zu sagen: “Ihr müßt mit diesem Töten aufhören! Unbedingt!" Dann verläßt er die Klinik, steigt ins Auto - und hat nie wieder abgetrieben. Daran sieht man: Es geht nicht darum, vor der Klinik zu schreien und zu brüllen, sondern der Macht des Heiligen Geistes Raum zu geben.

95 Prozent der Frauen, die sich für das Leben entscheiden, gehen zuerst in die Klinik - und kommen erst dann mit dem Kind heraus. Wir behandeln sie freundlich. Wir werden nicht ärgerlich oder angespannt, auch wenn sie hineingehen. Im Gegenteil, das spornt unsere Liebe, unsere Freundlichkeit, unser Gebet an. Wenn sie wieder herauskommen, haben sie keine Angst, auf uns zuzugehen. Wir sind dann auch die ersten, die ihre Freude, daß sie das Kind behalten haben, mit ihnen teilen. Wir segnen sie. Wie herrlich ist das! Ihre Gesichter, ursprünglich angespannt, werden wunderschön.

Wir haben erlebt, daß hunderte Menschen, die im Abtreibungsgeschäft tätig waren, das aufgegeben haben. Einmal ist eine Frau herausgekommen und hat mir gesagt: “Endlich verlasse ich diese Hölle!" Es passieren also dauernd Wunder. Eine Person, die in der Abtreibungsindustrie tätig war, ist jetzt eine der besten Straßenberaterinnen in den USA.

Das Gespräch führten Alexa und Christof Gaspari.

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