VISION 20006/2002
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Es gibt Heilung nach Abtreibung

Artikel drucken Erfahrungen mit dem “Post Abortion Syndrome" (Von Rosa Stummer)

Typischerweise leiden Frauen, die eine Abtreibung hatten, unter einem Komplex von Symptomen, die unter dem Namen “Post Abortion Syndrome" (PAS) zusammengefaßt sind. Es kann sehr viele Gesichter und Verläufe haben und ist wissenschaftlich sehr gut erforscht.

Um zur richtigen Therapie zu gelangen, muß man folgendes wissen: Der Mensch ist eine Einheit aus Körper, Psyche und Geist. Wenn der Geist krank oder verletzt ist, so wirkt sich das auch auf die Psyche und den Körper aus. Ein Beispiel: Wenn eine Frau ihr Kind abtreibt, leidet sie unter Schuldgefühlen. Diese liegen im geistlichen Bereich.

Nun bekommt sie Schlafstörungen im Gefolge dieser Schuldgefühle, die somit auf die Psyche wirken. Durch die Schlafstörungen wiederum wird sie nervös und unausgeglichen. Dauert dieser Zustand längere Zeit an, so kann sie auch körperlich krank werden. Unter diesem Blickpunkt liegt die Ursache des PAS im geistlichen Bereich, nicht im körperlichen. Das ist sehr wichtig für die Therapie.

Welches sind nun die Symptome von PAS? Körperliche Folgeerscheinungen: Manche Frauen erkranken Jahrzehnte nach ihrer Abtreibung an Krebs. Viele bekommen nach Abtreibungen Brustkrebs. Dieser Zusammenhang ist wissenschaftlich sehr gut erforscht. Auch mit psychosomatischen Folgeerscheinungen kommen viele zum Arzt. Sie werden untersucht und oft als hysterisch hingestellt, weil man nichts findet. Dabei leiden sie aber sehr: an Migräne, Durchschlafstörungen, Albträumen, Unterleibsschmerzen...

Wenn man aber die Ursache nicht kennt oder sie leugnet, kann man der Frau - auch als Arzt - nicht helfen.

Die häufigsten Folgeerscheinungen sind psychisch: Angstzustände, Stimmungsschwankungen, Unausgeglichenheit, das Gefühl, nur mehr zu funktionieren, das Gefühl emotionaler Abgestorbenheit, autoaggressives Verhalten wie etwa Trinken. Oft folgen einer Abtreibung auch Beziehungsstörungen: Wenn die Frucht der Liebe zerstört wird, ist auch die Liebe zerstört.

Die Schulmedizin kann diesen Frauen keine Heilung bieten, sondern nur die Symptome mildern: Schmerz- oder Schlafmittel geben, aber die eigentliche Therapie muß im Geistlichen liegen.

Die Therapie für den körperlichen Bereich ist dem Arzt anvertraut. Der psychische Bereich dem Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater. Der geistliche Bereich aber braucht die Medizin der Kirche, den priesterlichen Dienst. Da das PAS hier seine Wurzeln hat, kann es, ohne daß der geistliche Bereich geheilt wird, auch zu keiner vollkommenen Heilung von PAS kommen.

Wie aber ist Heilung möglich? Welche Schritte führen dazu?

Ursache für die Erkrankung sind die unbewältigte Schuld und der unbewältigte Verlust des Kindes. Der erste Schritt der Heilung ist daher die Konfrontation mit dem Tod des Kindes und der eigenen Schuld. Ohne dieses “in sich Gehen" gibt es keine Heilung. Es ist nötig, auch wenn es sehr schmerzhaft ist. Man muß die Frauen dazu ermutigen.

Was da zu geschehen hat, ist mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn vergleichbar. Wie er, als er am Schweinetrog sitzt und alles in seinem Leben durchgebracht hat, haben Frauen, die abgetrieben haben, ihr ganzes geistliches Leben durchgebracht. Sie sind ganz unten.

Aber der verlorene Sohn geht in sich. Er erkennt: “Ich habe mich versündigt gegen den Vater im Himmel." Da ist also ein ganz wichtiger Punkt: Man muß die Frauen zu dieser Erkenntnis führen, zur Reue.

Der verlorene Sohn entscheidet sich nun, zum Vater zu gehen. Und da sind wir bei einem weiteren wichtigen Punkt: Man muß die Frauen zu einer guten Beichtkatechese führen, ihnen das Evangelium von der Vergebung der Sünden verkünden.

Es hilft den Frauen nicht, wenn ihnen gesagt wird: In deiner Situation war es verständlich, daß du abgetrieben hast. Du mußt da keine Schuldgefühle haben. Dagegen hilft es, ihnen zu sagen: Ja, es war Schuld, schwere Schuld. Aber es gibt jemanden, der dich von deiner Schuld erlöst hat. Zwar sind der Widerstand und die Angst vor der Beichte oft sehr groß, aber dieser Schritt ist für die Betroffenen sehr wichtig, und sie sind nachher sehr dankbar, wenn man sie dort hinführt.

Ist eine Beichte aus Gründen der Konfession nicht möglich, so versuchen wir es mit dem Gebet. Hier geschehen oft Wunder. Vielen Frauen fällt es schwer, zum Vater zu gehen, weil sie ein falsches Bild vom Vater haben, daher muß man es ihnen Schritt für Schritt vormachen, ihnen vorbeten, wie man sich bei Ihm entschuldigt. All das ist ganz wichtig für die Aufarbeitung.

Der nächste Punkt ist die Versöhnung. Hier liegt eigentlich die Hauptarbeit, denn diese Versöhnung muß umfassend sein. Erst dann wird die Frau den Frieden finden. Diese Versöhnung geschieht in mehreren Schritten:

* Versöhnung mit Gott: Beichte oder - wenn nötig - im Gebet Gott um Verzeihung bitten.

* Versöhnung mit dem Kind: Diese Versöhnung ist die notwendige Ergänzung zur Beichte, denn deutlicher als durch eine Abtreibung kann man es nicht sagen: Ich will mit dir nichts zu tun haben. In der Beichte erhalten wir also die Vergebung der Schuld. Die Beziehung zum Kind - sie war als Folge der Sünde unterbrochen - muß aber erst wieder hergestellt werden. Das ist ein unverzichtbarer Teil auf dem Weg zur Heilung.

Ein guter Priester wird der Frau bei der Beichte raten, ihrem Kind einen Namen zu geben oder eine heilige Messe für das Kind lesen zu lassen. Dieser Schritt ist äußerst wichtig. Viele Frauen gehen zur Beichte und leben danach auch ein geistliches Leben, aber sie erfahren keine Heilung, weil sie diesen Schritt nicht machen.

P. Bruno Meusburger, Pfarrer von Maria vom Siege, hat wunderbare, tiefe Schritte der Versöhnung mit dem Kind erarbeitet. Sie haben sich in der Praxis sehr bewährt. Viele Frauen erlangen in diesem Gebet Frieden und innere Heilung.

Das Schöne bei Gott ist: Selbst wenn wir die Berufung zur Mutterschaft ablehnen, können wir zu Ihm gehen und sagen: Vater, es tut mir leid, ab heute nehme ich diese Berufung an. Es ist der erste Schritt in der Versöhnung mit dem Kind, daß die Frau Gott für das Leben des Kindes dankt und sagt: “Heute nehme ich dieses Geschenk an. Ich bitte Dich um Verzeihung und danke Dir für das Kind, das ich jetzt wirklich willkommen heiße." Es ist wichtig, daß die Frau Gott ausdrücklich für dieses Kind dankt, sich zu dem Kind bekennt und es auch sagt. Das ist wesentlich für die Wiederherstellung der abgebrochenen Beziehung.

Im nächsten Schritt bitten wir im Gebet, daß Gott den Namen des Kindes offenbart. Gott hat von Anfang an einen Namen für das Kind. Er kennt uns schon im Mutterleib, und Er zeigt den Namen auch im Gebet.

Dann bittet die Mutter das Kind um Verzeihung und sagt auch, was damals die Ursache für die Abtreibung war.

* Wichtig ist auch, daß die Frau jene Menschen um Verzeihung bittet, die das Kind gewollt hätten. Schlimm ist es, wenn der Mann das Kind wollte, aber von Gesetzes wegen nichts tun konnte. Diese Männer leiden sehr, und es ist wichtig, daß die Frau diesen Mann um Verzeihung bittet, zumindest im Gebet. Die Betroffenen spüren diese Versöhnung oft unbewußt.

* Vergeben muß die Frau auch den Menschen, die sie zur Abtreibung gedrängt haben, auch dem Arzt und der Schwester. Das kann eine sehr große Hürde sein. Ich erinnere mich an eine Frau, die eine Liste von 20 Personen mitbrachte. Sie weinte darüber viele Jahre lang. Die Frauen brauchen unsere Hilfe und Unterstützung, um vergeben zu können; das ist ein wesentlicher Teil unserer Arbeit.

Der nächste Schritt ist etwas sehr Schönes: wir übergeben das Kind Gott und bitten um die Gnade der “Taufe". Natürlich kann man keine sakramentale Taufe spenden, sondern eine Begierdetaufe. Die ersten Christen ließen sich für ihre Vorfahren taufen, und dieses Begehren, diesen inneren Wunsch, dem Kind die Taufgnade und die volle Gemeinschaft aller Engel und Heiligen im Himmel zu schenken, wird Gott erhören.

Dazu kann man etwa eine kleine Osterkerze oder eine schöne Taufkerze verwenden, damit die Frau auch etwas in der Hand hat, das sie auch mit nach Hause nehmen kann. Wir sprechen dabei immer das Glaubensbekenntnis und entzünden die Kerze.

Weil die Mütter sehr darunter leiden, daß sie ihrem Kind nicht ihre Liebe geben können, übergeben wir das Kind der Muttergottes und bitten sie, dem Kind die Liebe zu ersetzen, die die Mutter nicht geben konnte. Wir bitten auch den heiligen Joseph, dem Kind die Vaterliebe zu ersetzen, und den Schutzengel, das Kind zum himmlischen Thron zu begleiten. Außerdem beten wir um innere Heilung und bitten, daß Jesus alle Bereiche der Frau heilt.

Die Frauen beschreiben mir oft, daß sie dann einen Strom der Liebe spüren; sie gehen strahlend weg. Zuletzt bitten wir um einen Segen für Mutter und Kind, bei verheirateten Frauen erneuern wir außerdem das Eheversprechen. Wenn die Frau nicht verheiratet ist, versuche ich sie zu motivieren, sich auf eine gute Ehe vorzubereiten.

Aber in all dem sind wir ganz und allein auf die Erlösung durch Jesus Christus angewiesen.

Dr. Rosa Stummer ist Ärztin und wirkt als Therapeutin im Lebenszentrum in Wien. Ihr Beitrag ist ein Auszug aus ihrem Vortrag bei dessen Kongreß in Wien.

 

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