VISION 20006/2002
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Entscheidend ist das Gebet

Artikel drucken Erfahrung im Einsatz für das Leben (Von Claudia Groger)

Ich hatte gerade mein Studium beendet und wollte etwas Soziales machen, zumindest eine Zeitlang. Und so begann ich im Wiener Lebenszentrum mitzuarbeiten. Im Dezember 1997 wurde die erste Beratungsstelle eröffnet. Unter vielen anderen Dingen, die Monsignore Reilly gesagt hat, hat mir persönlich dabei etwas sehr geholfen: Man muß einfach einmal beginnen. Wenn man wartet, bis man die Leute hat, die ausgebildet sind, um so etwas zu machen, dann fängt es nie an.

Man muß anfangen, und Gott wird die Leute schicken, die man braucht. Er wird die Beter, die Sozialarbeiter, die Ärzte usw. schicken - einfach beginnen mit diesen fünf Broten und zwei Fischen, die man hat! Und wir haben wirklich so angefangen.

Als wir dann die Beratungsstelle hatten, war es schon um einiges leichter, weil es nun möglich war, die Frauen, die in die Abtreibungsklinik am Wiener Fleischmarkt gingen, ums Eck zu beraten. Wir haben bei dieser Gelegenheit mit den Frauen gesprochen und ihnen Materialien und Filme gezeigt. Schritt für Schritt ist das dann gewachsen.

Die Einweihung des Lebenszentrums war im Dezember 1997, und im März 1998 war die Einweihung der Kapelle. Uns war von Anfang an klar, daß diese Arbeit nur mit Gebet gelingen kann. Wir wußten, wir hätten sonst keine Chance.

Denn es hat keinen Sinn, mit einer Frau, die zu einer Abtreibung geht, nur zu reden. Sie hat schon so viel gesprochen - mit ihrem Freund, ihren Eltern - oder auch nicht gesprochen. Aber es sind schon so viele Worte in ihr. Sie hat selber Argumente - sie muß ja vor sich selber sagen, warum sie ihr Kind abtreibt, denn ihr Gewissen rührt sich. Sie muß also auch vor sich selber gute Argumente haben. Mit so einer Frau noch einmal zu sprechen - das kann man vergessen.

Meine Erfahrung ist: Wenn hier nicht im Hintergrund das Gebet ist, dann ist es umsonst. Das Gebet bewirkt, daß Gott im Herzen der Frau etwas berühren kann, daß Er ihr Herz öffnen kann. Er weiß ja, wo da noch Ritzen sind und wo Er hinein kann.

Was die Frau braucht, ist Hoffnung, das Gefühl, daß sie es vielleicht doch schaffen kann, daß es doch eine Hoffnung für sie gibt. Dann hat sie auch den Mut, diesen Schritt zu gehen.

Daher war auch die Einrichtung einer Kapelle so wichtig. Deren Geschichte war übrigens sehr schön: Von Bischof Christoph Schönborn bekamen wir damals die Genehmigung zu ihrer Einrichtung. So hatten wir nun die Kapelle, aber keine Anbeter. Wir wußten: Gott, wir wollen Anbetung, aber wir brauchen auch Leute, die diese Anbetung machen. Und da klopfte eines Tages eine Frau - sie hatte früher mit anderen gemeinsam anderswo Anbetung gehalten - an und brachte uns Anbeter: von acht bis 18 Uhr. Mit ihr kam also eine ganze Woche Anbetung mit.

Ähnlich überraschend kam es auch zur Nachtanbetung - wir haben nämlich inzwischen Tag- und Nachtanbetung: Ein sehr treuer Anbeter in unserer Kapelle hatte nämlich schon länger den Eindruck gehabt, wir sollten Tag und Nacht beten. Sehr schön, aber wer macht das?

Und eines Tages stand Bruder Thomas Paul mit seiner Gruppe vor der Tür. Sie suchten dringend eine Kapelle, wo sie auch Nachtanbetung halten konnten! Und wir suchten dringend Anbeter, die auch nachts beteten! Und so haben wir uns getroffen. Das war im August 2001. Seitdem wird im Lebenszentrum Tag und Nacht angebetet.

Und das hat selbstverständlich große Bedeutung. Denn von der Beratung selber kann man sagen: Man merkt sehr stark, ob Gebet da ist oder nicht. Gleiches sagen auch die Berater, die die Frauen vor der Klinik ansprechen: Wenn keine Gebetsunterstützung da ist, dann sind die Frauen zu. Ich kann den Frauen in der Beratung noch so viel Hilfe anbieten - sie haben nicht den Mut, diese Hilfe anzunehmen, weil es für sie noch so viele “aber" gibt. Wird jedoch gleichzeitig gebetet, dann geht so viel weiter!

Natürlich ist auch das Gebet der vielen Menschen in Österreich wichtig, die anbeten, die ihre alltäglichen Leiden aufopfern. Es gibt nämlich viele Menschen, die uns kontaktieren und sagen: “Ich kann nichts machen, habe kein Talent, um Frauen auf der Straße anzusprechen, ich habe nicht das Geld, um etwas zu spenden".

Aber jeder hat einen Alltag, und dieser Alltag ist oft sehr trocken und sehr mühsam. Das aber ist ein Opfer, das Gott verwenden kann, wenn Ihr es Ihm gebt: Das dritte Kind, das wieder schreit, weil es krank ist oder das in der Nacht weint, weil es die Brust will, oder der Arbeitskollege im Büro, der eine Nervensäge ist - all das kann Gott verwenden, um Babys zu retten.

Die Menschen, die ihren Alltag aufopfern und Gott in diesem Anliegen übergeben, haben auch Anteil an den vielen geretteten Kindern. 3.500 Babys sind es bisher. Und wir hoffen, daß noch viel, viel mehr passiert, als ich Euch hier erzähle.

Die Autorin ist Leiterin der Beratung im Wiener Lebenszentrum (siehe auch Portrait 4/2002).

 

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