VISION 20006/2002
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Einem großen Papst wird unrecht getan

Artikel drucken Über die wiederkehrenden Angriffe auf das Verhalten Papst Pius XII. (Von Weihbischof Andreas Laun)

Seit 30 Jahren wird Papst Pius XII. als Antisemit kritisiert, weil er zum Holocaust geschwiegen hat. Die Anschuldigungen sind längst widerlegt, werden aber ohne Vorliegen neuer Fakten wiederholt. Kürzlich löste ein Buch von Daniel Goldhagen wieder eine Kampagne aus.

Wer sich mit den historischen Fakten beschäftigt, weiß, wie absurd die Vorwürfe sind. Daß sie sich aber auch in den Köpfen so vieler, auch gebildeter Leute festsetzen konnten, beweist, wie anfällig der Mensch für Verführung ist: Man muß eine Unwahrheit oder ausdrückliche Lüge nur oft genug, mit eherner Miene und wissenschaftlicher Schminke wiederholen - und schon beginnen viele, daran zu glauben.

Es ist unmöglich, hier die Fülle der Beweise gegen die genannte Verleumdung aufzuzählen. Einige nur seien genannt:

* Das Zeugnis der Schwester Pasqualina: Sie hat für Pius XII. den Haushalt geführt und nach seinem Tod ihre Erinnerungen niedergeschrieben. Auch wenn die Zahlen nicht exakt sein sollten , die sie nennt, der Kern des Berichtes ist absolut vertrauenswürdig:

“Mit Grauen erinnert man sich an jenen Morgen im August 1942, als die Zeitungen in großen Schlagzeilen die Schreckensnachricht brachten, daß der öffentliche Protest der holländischen Bischöfe gegen die unmenschliche Verfolgung der Juden Hitler dazu veranlaßt hätte, in der Nacht 40.000 Juden verhaften und vergasen zu lassen. (...) Man brachte die Morgenzeitungen in das Arbeitszimmer des Heiligen Vaters, der sich anschickte, zu den Audienzen zu gehen. Er las nur die Überschrift und wurde kreidebleich. Zurückgekehrt, (...) kam der Heilige Vater, ehe er ins Speisezimmer ging, mit zwei großen, eng beschriebenen Bogen in der Hand in die Küche, wo die einzige Möglichkeit war, am offenen Feuer etwas zu verbrennen, und sagte: ,Ich möchte diese Bogen verbrennen, es ist mein Protest gegen die grauenhafte Judenverfolgung. Heute abend sollte er im Osservatore Romano erscheinen. Aber wenn der Brief der holländischen Bischöfe 40.000 Menschenleben kostete, so würde mein Protest vielleicht 200.000 kosten. Das darf und kann ich nicht verantworten. So ist es besser, in der Öffentlichkeit zu schweigen und für diese armen Menschen, wie bisher, in der Stille alles zu tun, was menschenmöglich ist.'

,Heiliger Vater', erlaubte ich mir einzuwenden, ,ist es nicht schade, zu verbrennen, was Sie hier vorbereitet haben? Man könnte es vielleicht einmal brauchen.' - ,Auch ich habe daran gedacht', antwortete Pius XII., ,aber wenn man, wie es immer heißt, auch hier eindringt und diese Blätter findet - und mein Protest hat einen viel schärferen Ton als der holländische -, was wird dann aus den Katholiken und Juden im deutschen Machtbereich?'."

Leider hat der Papst seinen Text im Anschluß an das Gespräch verbrannt.

* Selbstverständlich stand Pius XII. ganz und gar auf dem Boden der kirchlichen Lehre. Anzunehmen, er hätte den Mord an den Juden für weniger schlimm gehalten, ist schlechthin absurd. Man muß nur aufmerksam die wesentlich von Kardinal Pacelli, dem späteren Pius XII., beeinflußte Enzyklika Mit brennender Sorge lesen, um zu erkennen, mit welchem Nachdruck die Kirche damals dem NS-Staat ins Gesicht hinein ihre Lehre vertreten hat, gerade auch diejenige bezüglich der Gebote Gottes (Nr. 34-37).

Niemand konnte im Zweifel über den Inhalt des 5. Gebotes sein und darüber, dass es sich auch auf Juden bezieht. Aus den Verurteilungen der Enzyklika konnte der mitdenkende Hörer sehr wohl erkennen, wen Pius XII. meinte, nämlich die Nazis. Diese selbst haben ihn übrigens sehr gut verstanden und haßten ihn. Auch daß die Nazis Pius XII. entführen wollten, ist historisch nachgewiesen.

* Ein Zeuge für den Papst ist Dietrich v. Hildebrand: In seinen Erinnerungen erzählt er - nach Papen “der größte Gegner des Nationalsozialismus in Österreich" - von einem Besuch bei Kardinal-Staatssekretär Pacelli, den er persönlich kannte, folgendes:

Nach der Begrüßung sagte Hildebrand zum Kardinal: “Wissen Euer Eminenz, daß in Deutschland ein Moment gewesen wäre, wie er nur alle drei bis vier Jahrhunderte vorkommt - ein Moment, in dem Millionen von Protestanten und Sozialisten sich bekehrt hätten, wenn die Bischöfe in Deutschland ohne jeden Kompromiß dem Nationalsozialismus gegenüber ein “non possumus" (Wir können nicht) gesprochen hätten, wenn sie eine Mauer gebildet hätten gegen den Nationalsozialismus und alle seine Verbrechen beim Namen genannt, wenn sie ein volles Anathema gesprochen hätten." Kardinal Pacelli antwortete: “Gewiß - aber das Martyrium kann nicht von Rom aus befohlen werden, es muß spontan kommen."

Vor dem Weggehen sagte ich zu ihm: “Eminenz, was wird die Zukunft bringen, wie werden sich die Dinge entwickeln mit dem Nationalsozialismus?" Er antwortete: “Es sieht sehr ernst aus, es wird schlimm werden, wenn nicht die gemäßigten Elemente im Nationalsozialismus Oberwasser bekommen." Darauf antwortete ich: “Sagen Sie das nicht, Eminenz! Die gemäßigten Elemente sind die gefährlichsten. Viel besser die Rosenbergs, die die Maske ablegen und die absolute Unverträglichkeit mit dem christlichen Glauben offen zeigen, als diejenigen, die die Katholiken verwirren und verführen, weil sie den Kampf gegen Christus verschleiern. Es ist nicht die Frage von gemäßigt oder radikal - der Nationalsozialismus ist in seiner Substanz vom Geist des Antichrist erfüllt." Darauf sagte er: “Ja, Sie haben recht - Rassismus und Christentum sind absolut unverträglich, wie Feuer und Wasser. Da kann es keinen Frieden geben, keine Brücke."

Hildebrand fügt hinzu: “Ich war befriedigt, weil ich sah, daß er die absolute Unverträglichkeit von Nationalsozialismus und der hl. Kirche ganz sah - aber ich verstand auch, wie ungeheuer kompliziert und schwer es für die Kirche war, die ja auch an die 25 Millionen Katholiken in Deutschland denken mußte."

* Die geretteten Juden: Derzeit bezweifeln manche, daß die Kirche tatsächlich so viele Juden gerettet habe, wie Pinchas Lapide behauptet, nämlich fast eine Million. Nun, das ist eine nüchterne Frage und sie kann historisch überprüft werden. Dennoch bleibt ein unangenehmer Nachgeschmack: Der Ton macht die Musik. Läge der Ton auf der Dankbarkeit, wäre alles in Ordnung. Aber das Wort Dank fehlt bei diesen Berichten überhaupt.

Die Kritiker sollten sich erst einmal in der Geschichte umschauen, welche Organisationen oder Regierungen wie viele Juden gerettet haben - auch nur einigermaßen vergleichbar mit der katholischen Kirche! Man weiß, wieviele Regierungen und Vereinigungen (sogar jüdische!) kläglich versagt haben, obwohl sie Möglichkeiten gehabt hätten, oft genug sogar ohne Risiko.

Viele andere Zeugnisse sind hinlänglich bekannt. Zu erwähnen sind insbesondere das Werk von Pinchas Lapide mit den ungezählten Zeugnissen für Pius XII. und die Studien von P. Blet: Die Nazis haben ihn gehaßt, die Nazi-Gegner haben ihn sogar dann noch verehrt, wenn sie mit seiner Strategie nicht einverstanden waren, prominente Juden haben ihm nach dem Krieg gedankt und die ihn betreuende Nonne bezeugt seine Einstellung - was wollen seine Gegner noch, wenn sie wirklich an der Wahrheit interessiert sind? Und welche Belege haben sie, umgekehrt, für ihre Behauptung, außer Belegen, die längst entkräftet sind, die man angesichts der Fakten eigentlich nur als Verleumdung bezeichnen kann?

Angeschlossen seien noch einige allgemeine Überlegungen: Im Konzilsdokument Gaudium et spes heißt es in Nr. 43: “Aufgabe ihres dazu von vornherein richtig geschulten Gewissens ist es, das Gebot Gottes im Leben der profanen Gesellschaft zur Geltung zu bringen. Von den Priestern aber dürfen die Laien Licht und geistliche Kraft erwarten. Sie mögen aber nicht meinen, ihre Seelsorger seien immer in dem Grade kompetent, daß sie in jeder, zuweilen auch schweren Frage, die gerade auftaucht, eine konkrete Lösung schon fertig haben könnten oder die Sendung dazu hätten. Die Laien selbst sollen vielmehr im Licht christlicher Weisheit und unter Berücksichtigung der Lehre des kirchlichen Lehramtes darin ihre eigene Aufgabe wahrnehmen. Oftmals wird gerade eine christliche Schau der Dinge ihnen eine bestimmte Lösung in einer konkreten Situation nahelegen. Aber andere Christen werden vielleicht, wie es häufiger, und zwar legitim, der Fall ist, bei gleicher Gewissenhaftigkeit in der gleichen Frage zu einem anderen Urteil kommen."

In diesem Text sind drei Wahrheiten enthalten, die in vielen Fragen und eben auch in derjenigen, wie das “Schweigen" Pius XII. zu bewerten sei, bedeutsam sind:

* Es gibt moralisch bedeutsame Fragen, die das Lehramt der Kirche nicht beantworten kann, die allein im Gewissen beantwortet werden müssen.

* Die Laien müssen diese Fragen im Licht der kirchlichen Lehre beantworten, so gut sie können. Man kann hinzufügen: Auch der Klerus ist dabei nicht besser dran als ein “Laie".

* Dabei kann man verschiedener Meinung sein. Hier gibt es einen legitimen Pluralismus.

Angewandt auf Pius XII. und sein Verhalten folgt:

* Ob es besser ist, trotz aller voraussehbarer Folgen den Holocaust laut zu verurteilen, oder ob man nicht besser schweigt und in Stille die Opfer zu retten sucht, ist eine solche schwerwiegende Frage, eine klassische Gewissensentscheidung.

* In dieser Frage war auch der Papst ein “Laie": Er musste sie in seinem Gewissen als Mensch und Christ beantworten. Niemandem war und ist es verwehrt zu meinen, daß Reden trotz allem objektiv besser gewesen wäre.

* Bezüglich dieser Frage kann jeder Christ anderer Meinung sein als Pius XII. Nur eines geht nicht: ihn zu verurteilen, weil er nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hat, wie er es eben tat.

Pius XII. hat sich bekanntlich entschieden, den Holocaust nicht direkt zu verurteilen, sondern zu helfen, soweit dies nur möglich war. Auch hat er gemeint, das Konkordat mit Hitler-Deutschland schließen zu sollen, ein Schritt, der viele Menschen wie etwa Hildebrand schwer getroffen hat. Und doch, an seinen Motiven kann dabei nicht der geringste Zweifel sein.

Noch ein Zeugnis dafür, wie der Papst um die richtige Entscheidung gerungen hat, sei angeführt: Msgr. Paganuzzi arbeitete im Staatssekretariat und erzählt, er habe vom Papst den Auftrag erhalten, Kardinal Sapieha, dem Primas von Polen, eine Botschaft mit der Frage zu überbringen, ob er die Verbrechen der Nationalsozialisten verurteilen solle. Die Antwort des polnischen Kardinals: “Berichten Sie dem Heiligen Vater, daß wir ihn beschwören, ja nichts zu unternehmen; das polnische Volk, Juden und Katholiken, müßten nur dafür büßen." Der Papst hat auf diese Stimmen gehört.

Natürlich, heute kann man leicht sagen: Er hätte dennoch reden sollen, die Leute wurden ohnehin getötet. Wirklich? Weiß man mit Sicherheit, daß das Blutbad nicht noch größer geworden wäre? Vor allem aber: Die Feinde der Kirche würden dem Papst daraus erst recht einen Strick drehen und sagen: Er hätte es wissen müssen, wie konnte er nur so unverantwortlich reden...

In einem Punkt haben die Kritiker, so scheint mir, recht: Die Kirche hätte früher reden können und sollen. Sie hätte den Antisemitismus mit aller feierlichen Entschiedenheit mit ihrem Anathema belegen müssen - deutlicher und lauter als sie es 1928 getan hat. Der Schutzwall dieser Verurteilung hätte, nach menschlichem Ermessen, nicht alles verhindert, aber doch geholfen.

Wahrscheinlich haben Hildebrand und andere recht, dass es besser gewesen wäre, Pius XII. hätte mit Hitler kein Konkordat geschlossen und er hätte geredet. Aber dieses Wahrscheinlich hindert mich nicht, seine Gewissensentscheidung zu achten und seine strategische Leistung im Kampf gegen die Nazis zu bewundern. Darum hoffe und wünsche ich aus ganzem Herzen, er möge heiliggesprochen werden. Daß er im Himmel ist, daran kann ohnehin kein Zweifel bestehen.


Gratulation zum 60. Geburtstag

Es war ein schönes Fest, dieser 60. Geburtstag von Weihbischof Andreas: fröhliche Stimmung, launische Ansprachen - eine Laun-Eder-Karikatur anläßlich Launs Bischofsweihe wurde herumgereicht, einige Streiche des Lausbubs Andreas zum Besten gegeben - und viele Gesichter aus Erneuerungsbewegungen. Mehrfach wurde dankbar hervorgehoben, daß Österreichs Kirche in Laun einen Bischof hat, der sich nicht scheut, zu heute umstrittenen Fragen klar und vor allem verständlich die Lehre der Kirche zu vertreten. Und - was viele ihm besonders hoch anrechnen: Er ist trotz seiner hohen Würde ein guter Freund geblieben. Nochmal, herzlichen Glückwunsch!

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