VISION 20006/2002
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Damit nicht auf Erden so viel Blut fließt...

Artikel drucken Über die Bedeutung des Blutes Christi (Von Urs Keusch)

Das Neue Testament spricht häufig vom Blut Christi und dessen erlösender Kraft. Viele tun sich heute mit diesen Stellen schwer. Im folgenden eine Hilfestellung, um dieses wichtige Thema besser zu erfassen.

Wer mit evangelischen Christen zusammen betet und singt, ist immer wieder erstaunt, wie oft in ihren Gebeten und Liedern auf das Blut Christi Bezug genommen wird. “Nur Dein Blut, das macht mich rein", “Herr, Dein Blut bringt Rettung", “Dein Blut, Lamm Gottes, reinigt mich" - drei zufällig ausgewählte Titel aus einer Sammlung von Anbetungs- und Lobliedern.

Die evangelischen Mitchristen ihrerseits können nur schwer verstehen, daß in unseren katholischen Lieder- und Gebetsbüchern davon so wenig die Rede ist, wo doch im Neuen Testament über 30 Mal auf das Blut Bezug genommen wird. Auch katholische Christen machen einen bisweilen darauf aufmerksam, besonders solche, die bei einer Evangelisation ihre Bekehrung und “durch sein Blut die Reinigung von aller Sünde" (1Joh 1,7) erfahren haben.

Nun ist es in der Tat so, daß in der katholischen Tradition die Verehrung und Anbetung des Blutes Christi in den vergangenen Jahrhunderten einen viel breiteren Raum eingenommen hat als heute. Darauf verweisen auch verschiedene religiöse Gemeinschaften, die zum Teil weltweit verbreitet sind (Missionare vom Kostbaren Blut, Schwestern vom Kostbaren Blut, Anbeterinnen des Kostbaren Blutes u.a.)

Es hat in der katholischen Liturgie seit 1849 bis zur Liturgiereform des II. Vaticanums ein eigenes Fest gegeben, das am 1. Juli gefeiert wurde: “Fest des Kostbaren Blutes unseres Herrn Jesus Christus". Auch der Monat Juli war in der Volksfrömmigkeit dem Kostbaren Blut Christi zugeordnet.

Mit der Liturgiereform des II. Vaticanums ist dieses Fest aufgehoben worden oder besser: Es ist in das Fest von Fronleichnam übergegangen. Dieses Fest trägt seither nicht einfach mehr die Bezeichnung “Fronleichnam" (“Fest des heiligsten Leibes Christi"), sondern die liturgische Bezeichnung lautet: “Hochfest des Leibes und Blutes Christi". Es ist also die Absicht der Liturgiereform, an diesem besonderen Festtag im Kirchenjahr den Leib und das Blut Christi in die Mitte der Betrachtung, der Verehrung und Anbetung zu stellen. Und hier wäre in der Tat der Ort, das Geheimnis des Blutes Christi im Heilsereignis Christi zu vertiefen.

Im Blut Christi besteht auch die tiefe “Blutsverwandtschaft" zwischen dem Alten und dem Neuen Bund. Das Hochfest des Leibes und Blutes Christi wäre darum auch der Ort, die Glaubenden immer mehr für den tiefen mystischen und biblischen Sinn der Kelchkommunion zu sensibilisieren und die Voraussetzungen zu schaffen, daß der Empfang auch des Blutes Christi für die Gläubigen zu einem echten religiösen Bedürfnis wird. “Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm" (Joh 6,56).

Gerade Menschen, die 20, 30 oder mehr Jahre “in der Ferne waren, durch das Blut Christi aber in die Nähe gekommen sind" (Hebr 9,7), gerade sie erleben es besonders tief, wenn ihnen der Kelch gereicht wird mit den Worten: “Das Blut Christi" - das Blut, das der Herr für Dich am Kreuz vergossen hat zur Vergebung Deiner Sünden (Eph 1,7).

Dann soll darauf hingewiesen werden, daß in der katholischen Kirche (anders als bei den evangelischen Mitchristen) bei jeder Heiligen Messe das Blut Christi nicht bloß in Liedern besungen und verehrt, sondern sakramental gegenwärtig gesetzt wird. Mit diesem Blut wird der neue und ewige Bund Gottes mit uns Menschen besiegelt. Es ist das Blut, “das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden."

In jeder Heiligen Messe feiern wir die Erlösung. In jeder Heiligen Messe “breitet Christus sterbend die Arme am Holz des Kreuzes aus" (zweites Hochgebet), und ruft die Menschen zu sich: die Sünder, daß sie sich von Seinem Blut freikaufen lassen (1Petr 1,19), die Erlösten, daß sie an der Quelle der Liebe schöpfen und in der Liebe wachsen. Es geht also darum, daß wir diesen Glauben immer mehr vertiefen und vertiefter leben. Dann soll nicht unerwähnt bleiben, daß es auch im Neuen Meßbuch eine Votivmesse “Vom Kostbaren Blut" gibt.

Nun stellt sich noch die Frage: Braucht es diesen immer wiederkehrenden Hinweis auf das Blut Christi? Genügt es nicht zu wissen, daß Christus uns erlöst hat? Die Geschichte des Christentums zeigt uns, daß es diesen Hinweis braucht. Wir Christen sind immer in Gefahr, uns der Wirklichkeit, dem Realismus der Erlösung durch Jesus Christus zu entfremden, etwa in dem Sinne: “Über'm Sternenzelt, muß ein lieber Vater wohnen."

Er wohnt eben nicht bloß über dem Sternenzelt. Er ist in Christus Mensch geworden wie wir: als Gott und Mensch, mit Fleisch und Blut, mit Leib und Seele. Unsere Erlösung hat Ihn das Leben gekostet. “Weil er uns liebt, hat er uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut" (Offb 1,5)

Das vergessen wir Christen immer wieder sehr schnell. Immer wieder sind wir in Gefahr, Christus und die Erlösung zu spiritualisieren, zu gnostifizieren, den realen Christus in kosmischen und esoterischen Dimensionen aufgehen zu lassen. Wir vergessen, daß Gott in Jesus Christus mit uns Menschen fühlt, leidet, daß Er wirklich unser Bruder geworden ist, und auch berührt wird von unserer Gefühllosigkeit und Undankbarkeit Seiner Liebe gegenüber.

Nur auf diesem Hintergrund sind die zahlreichen Charismen in der Kirche zu verstehen, in denen wir immer wieder an diesem Realismus der Erlösung erinnert werden. Ich denke hier an die Herz-Jesu-Verehrung, an die Verehrung der fünf Wunden (Sr. M. Martha Chambon), an die Verehrung der Kindheit Jesu und vieles anderes. Oder in neuester Zeit an das Charisma der heiligen Sr. Faustyna, durch die unserer so gefährdeten Welt das Geschenk der Barmherzigkeit Gottes angeboten wird.

Auch hier wird dieser Realismus besonders sichtbar in dem Bild vom Barmherzigen Jesus, wo der auferstandene Herr Seine fünf Wunden zeigt und aus dessen Seite “Blut und Wasser" hervorquellen. Das Blut der Erlösung und das Wasser der Taufe (Joh 19,34).

Dieser Realismus darf niemals aus der christlichen Glaubenspraxis verschwinden. Und darum darf auch nicht der immer wiederkehrende Hinweis auf das Blut Christi ausbleiben, weil sonst der christliche Glaube blutarm, blutleer wird und sich spirituell verflüchtigt. Wie ein einziger christlicher Tag vor Gott mehr wiegt als ein ganzer Himmel voll guter Ideen, so wiegt ein einziger Tropfen Blut unseres Herr mehr als ein ganzes Universum voll spiritueller Gedanken.

In den von der Kirche approbierten Offenbarungen der Sr. M. Martha Chambon heißt es zum Beispiel: “Ein einziger Tropfen würde genügen, um alle Erdenfinsternisse und alles Sündendunkel zu beseitigen... aber wer von euch denkt daran!" Eben: Wer denkt daran?

Darum sind solche Charismen in der Kirche so notwendig: Wir sollen daran denken und nie vergessen, daß Gott für uns Sein Blut vergossen hat, damit das Leben haben (Joh 6,54).

Wenn wir das im Glauben tiefer erfassen und fruchtbar machen für die Welt, muß nicht mehr so viel Blut hier auf Erden fließen. Die Heilige Messe ist für uns katholische Christen der vorzüglichste Ort, diesen Glauben immer mehr zu vertiefen, während unsere evangelischen Mitchristen diesen Glauben vor allem in ihren Anbetungs- und Lobliedern zum Ausdruck bringen.

Der Autor ist Priester in der Schweiz.

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