VISION 20006/2002
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Die Muttergottes im Dienst des Lebens

Artikel drucken Der Lebensschutz und das Gnadenbild von Guadalupe

P. Tom, das Gnadenbild der Muttergottes von Guadalupe in Mexiko ist so etwas wie das Wahrzeichen der Lebensrechtsbewegung. Wieso eigentlich?

P. Tom Euteneuer: Weil sie die Mutter ist, die das Leben schenkt, die uns Jesus gebracht hat und bringt.

Aber warum gerade in ihrer Erscheinung von Guadalupe?

P. Euteneuer: Weil unsere liebe Frau von Guadalupe in eine Welt kam, die in vieler Hinsicht an unsere erinnert, und weil sie diese verwandelt hat. Sie kam in eine Kultur, die zerstört, demoralisiert und verzweifelt war. Die aztekische Praktik der Menschenopfer war grausam und wurde - verborgen auch noch unter der ausbeuterischen spanischen Regierung - praktiziert. Sklaven, Kinder und Kriegsgefangene wurden auf der Spitze von Pyramiden getötet, indem man ihnen das Herz aus dem Leibe schnitt. Ihre Leichen wurden von der Pyramide geworfen und von Tieren gefressen, während die Priester die Gliedmaßen und Herzen aßen. All das taten sie, um ihren Göttern - Dämonen - zu gefallen.

Und hat sich durch das Erscheinen der Gottesmutter daran etwas geändert?

P. Euteneuer: Der christliche Glaube war von den Azteken nicht angenommen worden. Sie mißtrauten der Religion ihrer Eroberer. Und dann kam sie vom Himmel, um der Erde beizustehen. Sie machte den Menschen klar, daß Gott dem Leiden der Indianer nicht gleichgültig gegenübersteht. Es ist ganz erstaunlich, daß diese sich im Gefolge der Erscheinung sofort von ihren heidnischen Praktiken der Polygamie, der Menschopfer und der Dämonenverehrung abwandten. Innerhalb eines Jahrzehnts wurden in Mexiko wahrscheinlich zwischen sieben und acht Millionen Menschen getauft - drei Fünftel der gesamten indianischen Bevölkerung! Die Missionare kamen mit dem Taufen kaum nach. Würde ähnliches heute in den USA geschehen, so hätten wir es mit der Bekehrung von mehr als 150 Millionen Menschen zu tun.

Hat man dafür irgendeine nachvollziehbare Erklärung?

P. Euteneuer: Unsere liebe Frau ließ ihr Bild auf dem Mantel Juan Diegos zurück. Es wurde zu einem lebendigen Bild, das für die analphabetischen Indios voller Symbole steckte: Bekleidet mit den Sternen, umgeben von den Strahlen der Sonne, auf dem Mond stehend, mit einem Engel zu Ihren Füßen - das waren alle die heidnischen Götter, die die Indios verehrt hatten, und nun sahen sie diese Götter in einer unterwürfigen Rolle gegenüber der Frau, die sich nicht als Göttin bezeichnete, sondern als die “Mutter des wahren Gottes". Sie trug einen schwarzen Gürtel um Ihre Taille, der ein Zeichen dafür war, daß sie schwanger war. Sie war also gekommen, um ihnen ihr Kind zu geben. Der Kopf der Frau war geneigt und sah die Menschen an - was einen starken Gegensatz zu den alten Göttern darstellt. Diese hatten mit grausamen Augen starr geradeaus geblickt. Und schließlich hielt Unsere liebe Frau ihre Hände in einer indianischen Grußgeste, eine Geste, die von den Spaniern als Gebetshaltung gedeutet wurde.

Heute können wir außerdem mithilfe moderner Vergrößerungstechniken auf dem Bild der Gottesmutter einige Personen erkennen, die in den Augen der Frau reflektiert sind: Juan Diego, der Bischof und deren Übersetzer. Es war fast, als blicke Unsere liebe Frau vom Himmel auf sie herab und male dann ein Bild ihrer selbst auf den Mantel. Die Muttergottes ist übrigens so bekleidet wie die Frau in Offb 12.

Erhoffen Sie sich von Unserer lieben Frau von Guadalupe, daß sie einen ähnlichen Aufbruch in unseren Tagen initiiert?

P. Euteneuer: Sie konnte vor 500 Jahren ein Volk, das sich in einer ähnlichen Situation befand wie wir heute zu einer völligen kulturellen Umkehr bringen. Auch wir haben eine demoralisierte und zerstörte Kultur. Die Moral wurde aus ihr herausgenommen, und die kulturelle Zerstörung ist immens - so schlimm, daß wir sie Kultur des Todes nennen: 55-60 Millionen chirurgische Abtreibungen jährlich weltweit, Scheidung, Homosexualität, Pornographie, sexuell übertragbare Krankheiten... Das Maß der Degradierung ist in anderen Teilen der Welt noch nicht vorherrschend (in Afrika, Asien und Lateinamerika), aber sie verbreitet sich mit dem wirtschaftlichen Imperialismus des Westen.

Die Muttergottes ist uns gegenwärtig und sie sehnt sich danach, uns das Leben zu bringen - es ist Ihre himmlische Berufung.

Für viele mag das wie eine fromme Phrase klingen. Haben Sie konkret die Erfahrung gemacht, daß die Muttergottes in den Anliegen des Lebens hilft?

P. Euteneuer: Ich erzähle Ihnen eine Erfahrung unter vielen: Insgesamt war ich zwölfmal beim Heiligtum unserer lieben Frau von Guadalupe in Mexiko. Einmal fuhr ich mit einer großen Gruppe dorthin und wir beteten für die Schließung einer Abtreibungsklinik in Florida - übrigens die einzige Abtreibungsklinik in dem Gebiet, in dem ich lebe. Ich wollte, daß Gott diese Klinik schließt. Aber Gott und Unsere liebe Frau hatten andere Pläne: Als wir von der Pilgerfahrt heimkehrten, sahen wir ein Schild mit der Aufschrift “Zu verkaufen" an der Tür des Arztes, der seine Praxis genau vor der Abtreibungsklinik hatte. Wir kauften das Gebäude mithilfe eines Darlehens des Bischofs (das allein war schon ein Wunder von Guadalupe!) und eröffneten ein Lebenszentrum!

Anstatt eine Abtreibungsklinik zu schließen - die Frauen wären in diesem Fall einfach anderswo hinfahren, um abzutreiben - hat uns Unsere liebe Frau aufgetragen, Leben an diesen Ort des Todes zu bringen. Im ersten Jahr half das Zentrum mehr als 800 Frauen, die sonst wohl abgetrieben hätten. Und nun wird jedes Jahr mehr als 1000 Frauen geholfen. All das hat Unsere liebe Frau von Guadalupe vollbracht: Sie verwendete die armseligen Instrumente der Pro-Life-Leute und nahm ihre Pilgergebete an. Anstatt ein Todeszentrum zu schließen, eröffnete sie ein Lebenszentrum, das für viele Frauen eine Quelle der Gnade wurde und immer noch ist.

Sie halten also einen Wandel unserer Kultur für möglich?

P. Euteneuer: Durchaus. Unsere liebe Frau von Guadalupe hat schon einmal eine Kultur gewandelt. Denn “für Gott ist nichts unmöglich". Alles, was die Muttergottes braucht, ist eine starke Kirche und einen Glauben, der Berge versetzt. Jesus hat gefragt: “Wenn der Menschensohn wiederkommt, wird Er dann Glauben auf der Erde finden?" Das ist eine gute Frage.

Das Gespräch führten Alexa und Christof Gaspari.

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