VISION 20003/2007
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Vergiß nicht zu danken!

Artikel drucken Über die Schwierigkeit, das viele Gute wahrzunehmen (Von Christof Gaspari)

“Gott sei Dank, es ist doch alles gut gegangen," beendete unlängst jemand die Erzählung von einem Mißgeschick. Die Gesprächspartnerin - sie ist nicht gläubig - wollte mit diesen Worten kein kurzes Dankgebet sprechen, aber sie brachte damit etwas zum Ausdruck, was unsere Kultur geprägt hat: daß das Gute von Gott kommt.

Allerdings sind wir drauf und dran, von diesem Wissen Abschied zu nehmen. Der Zeitgeist redet uns seit Jahrhunderten ein, wir seien autonom. Jeder seines eigenen Glückes Schmied. Gott - sofern es Ihn überhaupt gibt - lebe in weiter Ferne und habe bestenfalls einmal den Startschuß für die Welt gegeben. Aber jetzt seien wir Herren im Haus. Und je mehr der Neoliberalismus in diesen Tagen das Geschehen bestimmt, umso mehr verbreitet sich auch die Ansicht: Was nicht jeder für sich selbst tut, das geschieht einfach nicht. Hilf Dir selbst, so hilft Dir Gott.

Wer die Welt so sieht, hat es schwer, Dankbarkeit zu entwickeln. Denn alles, was mir an Positivem widerfährt, scheint aus dieser Sicht Ergebnis meiner eigenen Bemühungen zu sein - also nichts, wofür ich danken könnte.

Sicher, mein ganzes Leben hindurch bin ich auf Vorleistungen angewiesen, also auf Leistungen, die andere erbringen: auf das Brot des Bäckers, die Überprüfung der Fahrtüchtigkeit meines Autos, die Vermittlung von Schulbildung, die Versorgung mit Information... All das tritt mir jedoch meist als selbstverständliches Angebot eines gut organisierten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems entgegen, das seine Leistungen vielfach anonym erbringt: im Supermarkt, am Fahrscheinautomaten der U-Bahn, im Selbstbedienungsrestaurant... - Apparate und Maschinen als Leistungsträger. Sofern Menschen mitwirken - das tun sie nach wie vor in großer Zahl, Gott sei Dank! -, treten sie als Funktionsträger in Erscheinung. Der Konsument erwartet sich von ihnen den gewünschten Dienst. Dafür zahlt er ja schließlich.

In dieser Maschinerie wird vom einzelnen gefordert, daß er sich an die Spielregeln des Systems hält. Dann liefert dieses die erwartete Leistung. Also: Wir halten uns an die Verkehrsregeln - und ermöglichen rasches Weiterkommen. Wir machen unsere Arbeit - und erhalten dafür den festgesetzten Lohn. Wir zahlen in die Pensionsversicherung ein - und haben Anspruch auf die entsprechende Rente. Leistung für Leistung, und der Mensch als Rädchen im Getriebe, das zu funktionieren hat, der als Person jedoch, als besonderer, aus dem Blickfeld gerät.

Dankbarkeit ist jedoch ein Gefühl, das ich Personen gegenüber empfinde, wenn ich Gutes von ihnen erfahre, Gutes, dessen Zustandekommen nicht selbstverständlich war, Gutes, das den Einsatz, den guten Willen, das Bemühen... eines anderen erfordert hat.

Dankbarkeit wächst, wenn ich mir bewußt mache, daß selbst die alltäglichsten Leistungen, die wir in Anspruch nehmen, Einsatz, Ausdauer, gute Laune, Überwindung... einer Unzahl von Mitmenschen erfordert. Am deutlichsten wird das dort, wo die persönliche Dimension des Dienstes im Vordergrund steht: bei der mehr oder weniger liebevollen Kranken- oder Altenbetreuung; der mehr oder weniger freundlichen Bedienung im Restaurant; dem mehr oder weniger geduldig erteilten Unterricht...

Damit Dankbarkeit wächst, müssen wir unseren Blick für die eigentliche Realität öffnen: daß im Grunde genommen keiner autonom, sondern jeder sehr vom Umfeld abhängig ist. Daß ich keinen Verkehrsunfall habe, verdanke ich dem Monteur, der mein Auto repariert, dem Arbeiter, der die Ampel überprüft hat, den Verkehrsteilnehmern, die sich an die Regeln halten... Gar nicht so selbstverständlich und eigentlich ein Grund all diesen Menschen innerlich dankbar zu sein - auch wenn sie nur ihre Pflicht tun.

So gesehen wird deutlich, daß die ganz normalen Alltagsabläufe nur dank des guten Willens einer unüberblickbaren Schar von Menschen möglich sind. Und noch mehr bin ich getragen vom Umgang mit den mir nahestehenden Personen: von der Zuwendung meiner Frau, meiner Kinder und Enkel, von der Anerkennung und Ermutigung durch Mitarbeiter und Freunde, dem freundlichen Gruß des Nachbarn... Und jeder weiß, welcher Schatten sich auf das Gemüt legt, sobald sich diese Beziehungen eintrüben.

Natürlich gibt es auch Fehlverhalten, Versagen, Bosheit oder Unverständnis. Nur prägen sich solche negativen Erfahrungen viel tiefer in die Erinnerung ein als das viele Gute, das wir allzu leicht als selbstverständlich abhaken. Auf diese Weise entsteht dann aber die Freudlosigkeit, die den Alltag so vieler Menschen - leider auch meinen - prägt. Wie schade, denn es trübt uns den Blick für die vielen Gründe, dankbar zu sein.

Die Beschäftigung mit dem Thema hat mir klar gemacht, daß es um einen neuen Blick geht: auf die Kleinigkeiten des Alltags (das Lachen eines Enkels, das Singen der Vögel, die Sonne am Himmel, das kühle Wasser im Glas, den gut funktionierenden Computer...), auf das aufmunternde Wort meiner Frau, den freundlichen Gruß der Verkäuferin, den Umstand, materiell halbwegs das Auslangen zu finden, die Tatsache, im Frieden leben zu dürfen... Wem diese Sichtweise nicht in die Wiege gelegt ist, tut gut daran, sie einzuüben. Ich kann nur bestätigen: Es erfüllt den Tag mit Momenten der Freude, die Spuren hinterläßt. Daß Dankbarkeit dem Menschen zuträglich ist, zeigen sogar wissenschaftliche Untersuchungen, die nachweisen, daß unser Hormonsystem positiv auf diese Haltung reagiert.

Noch einmal: Es geht um einen neuen Blick auf unsere Lebensrealität. Die Dankbarkeit über das Alltägliche mündet nämlich beinahe zwangsläufig in die große Dankbarkeit, die Dankbarkeit Gott gegenüber, der die geheimnisvolle Quelle all des Guten in der Welt ist. Es gibt ein Gegenüber, dem wir Dank sagen können. Und wir Christen kennen Sein Antlitz, denn Gott ist Mensch geworden. Wer Jesus Christus begegnet, bekommt Boden unter den Füßen, ihm eröffnet sich die Hoffnung auf ewiges Leben in dieser Zeit, die sich im Haschen nach Genuß und Spaß im Hier und Jetzt zu verlieren droht.

Wie dankbar bin ich, daß der Herr meinem Leben einen tiefen, über alle Rückschläge hinweghelfenden Sinn gibt, daß Er mir im Alltag beisteht und Kraft gibt, mich täglich begleitet, aufrichtet, erneuert, ermutigt, die Augen öffnet für die Schönheit der Welt, vor allem aber für die Größe meiner Mitmenschen.

Es war in der Messe am Ostersonntag, da durfte ich plötzlich klar erkennen: “Schau Dich um, jeder hier neben, vor und hinter dir, ist ein Kind Gottes - von einer tiefen Sehnsucht nach Annahme getragen. Jeder will in seinem Innersten Gutes tun - und tut es auch über weite Strecken seines Lebens. Jeder trägt eine innere Schönheit in sich, die es zu entdecken gilt. Jeder ist zu einer besonderen Liebesgeschichte mit Gott berufen - jeder, ohne Ausnahme!"

Denn wir Christen sind nicht primär Anhänger einer Religion, die uns Verhaltensregeln, Rituale und Gebetsformen vorschreibt, sondern Kinder Gottes: wertvoller, größer, kostbarer, als wir auch nur ansatzweise erahnen. Diese Größe hat ganz andere Merkmale als jene, die geschätzt wird. Sie kommt nicht aus dem Leistungsvergleich, wer der schönste, reichste, schnellste, größte, intelligenteste, schlagfertigste ist. Wir beziehen unsere Größe aus unserer Berufung zum einmaligen, unersetzbaren Dienst im Reich Gottes, den kein anderer übernehmen kann. Jeder besonders wertvoll, von Gott besonders geliebt - wenn das kein Grund zur Dankbarkeit ist!

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