VISION 20003/2007
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Jesus von Nazareth

Artikel drucken Das vor kurzem veröffentlichte Buch von Papst Benedikt XVI.

Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott, wesensgleich. Diese schon beim Konzil in Nizäa 325 n. Chr. festgehaltene biblische Wahrheit hat immer noch Newswert. Bei Verkaufsbeginn am 16. April waren beim Herder in der Wollzeile binnen einer halben Stunde 50 Bücher verkauft worden: “Sternstunden für einen Buchhändler", wie die Verkäuferin mir sagte.

Eigentlich müßte meine Rezension 407 Seiten lang sein, denn jeder Satz über Jesus von Nazareth ist es wert, zitiert zu werden. Die Kraft der Worte, die klaren Formulierungen und die treffenden Definitionen sind auch in diesem Buch Benedikts wieder gegeben. Nie läßt er die Dinge im Unklaren. Schrittweise und systematisch nähert er sich den Kerngedanken an, geht allen möglichen Deutungen nach, wägt sie sorgfältig ab und gibt schließlich seine Schlußfolgerungen bekannt.

Papst Benedikt hat - “da ich nicht weiß, wie lange mir noch Zeit und Kraft geschenkt sein werden" - diesen ersten Teil über das öffentliche Wirken Jesu vorgelegt, ein zweiter Teil über die Kindheitsgeschichte soll später folgen. Er beginnt also mit der Taufe Jesu im Jordan und den Versuchungen in der Wüste, erläutert die Botschaft vom Reich Gottes, die Bergpredigt und das Vater Unser. Er beschreibt die Sendung der Jünger, das Wesen der Gleichnisse, die großen Bilder von Wasser, Wein und Brot. Und er schließt mit der Klärung des Begriffes des Hirten und mit den Bekenntnissen Petrus über Jesus und Selbstaussagen Jesu.

Faszinierend die Zusammenschau aus Altem Testament, jüdischer Tradition und Aussagen im Neuen Testament, oft auch mit Ausflügen in die Erfahrungsgeschichte der Menschheit, festgehalten in der Mythologie. Etwa im Abschnitt über die Bergpredigt: “Ja, die Seligpreisungen stehen unserem spontanen Daseinsgefühl, unserem Hunger und Durst nach Leben entgegen." Allerdings hat man bei aller Lebensfreude in der griechischen Welt “doch tief darum gewußt ..., daß die eigentliche Sünde des Menschen ..., die Hybris ist - die anmaßende Selbstherrlichkeit, in der der Mensch sich zur Gottheit erhebt ..." Und das Volk Israel mußte in der babylonischen Gefangenschaft erfahren, daß “die Armen in ihrer Demut Gottes Herzen nahestehen..."

Die Gottesknechtslieder des Alten Bundes und die Psalmen werden herangezogen, um mit Paulus das Neue der Botschaft und des Beispiels Jesu zusammenzufassen: “der Aufstieg zu Gott ereignet sich gerade im Abstieg des demütigen Dienens, im Abstieg der Liebe, die das Wesen Gottes ist und daher die wahrhaft reinigende Kraft, die den Menschen fähig macht, Gott wahrzunehmen ..."

Ausführlich geht der Papst auch auf Kritiker ein, z. B. auf Nietzsche, der das Christentum als Religion der Feigen und Untüchtigen zornig angreift. Dem stellt der Hl. Vater entgegen: “Nach Erfahrungen der totalitären Regime, nach der brutalen Art, mit der sie Menschen zertreten, die Schwachen verhöhnt, geknechtet und geschlagen haben, verstehen wir auch wieder die nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden ..."

Viele Ausführungen sind politisch brisant: “Das Fehlen der ganzen Sozialdimension in Jesu Predigt, ... birgt und verbirgt zugleich einen weltgeschichtlichen Vorgang, der als solcher in keinem anderen Kulturraum stattgefunden hat: Die konkreten politischen und sozialen Ordnungen werden ... aus der gottesrechtlichen Gesetzgebung entlassen und der Freiheit des Menschen übertragen ..." Dabei ist der Mensch “durch Jesus im Willen Gottes gegründet und lernt von ihm aus, das Rechte und das Gute sehen". Die Freiheit, unsere rechtliche Ordnung selbst zu gestalten, verpflichtet uns also, dieses in Willensgemeinschaft mit Gott zu tun. Eine scharfe Absage erteilt er der Instrumentalisierung der Religionen, selbst wenn es so gut klingt wie: “für eine Welt, in der Friede, Gerechtigkeit und Respekt vor der Schöpfung bestimmend sind." Bei näherem Hinsehen erweist sich das rasch als “utopistisches Gerede ohne realen Inhalt". Benedikt mahnt: “Vor allem aber zeigt sich: Gott ist verschwunden, es handelt nur noch der Mensch."

Gänzlich neu waren mir die beschriebenen inneren Zusammenhänge der großen Schlüsselereignisse im Leben Jesu mit dem jüdischen Festkalender. So ist es ein wesentlicher Inhalt von Jom Kippur, daß der Hohe Priester im Allerheiligsten des Tempels das einzige Mal im Jahr den Namen JHWH feierlich ausspricht. Genau an diesem Festtag findet auch das Bekenntnis des Petrus statt: “Du bist der Messias, der Sohn Gottes" (Mt 16,16) bzw. bei Johannes: “Du bist der Heilige Gottes" (Joh 6,69).

Einige Tage später findet in der jüdischen Tradition das sechstägige Laubhüttenfest statt, das des Geschehens am Berg Sinai gedenkt, wo eine Wolke sechs Tage lang diesen bedeckt hat und am siebten Tag der Herr mitten aus der Wolke Mose herbeirief, um mit ihm den Bund zu schließen. Genau an diesem Tag erfolgt nach den Evangelien die Verklärung Jesu am Berg Tabor, wo Elija und Mose erscheinen und über die Erfüllung in Jerusalem mit Jesus sprechen. Dann rief eine Stimme aus der Wolke: “Dies ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören" (Mk 9,6). Wie Mose die Tora, Gottes weisendes Wort empfangen hatte, so wird jetzt Jesus als die Tora selbst bezeugt.

Warum hat nun Benedikt XVI. so viel Kraft und Zeit in dieses Buch investiert und es uns an seinem Geburtstag geschenkt? Drängend war für ihn offensichtlich die Korrektur der in die Sackgasse geratenen modernen Theologie und der kritischen Exegese. Bei der Auseinandersetzung mit den Versuchungen Jesu warnt er drastisch vor möglichen Irrwegen: “Bibelauslegung kann in der Tat zum Instrument des Antichristen werden" und “aus scheinbaren Ergebnissen der wissenschaftlichen Exegese sind die schlimmsten Bücher der Zerstörung der Gestalt Jesu, der Demontage des Glaubens geflochten worden".

Während die Welt unter den Folgen des grenzenlosen Materialismus, des Relativismus aller Werte leidet, stellt uns der Hl. Vater Gott als das wahre Gut des Menschen entgegen. Das Unterstreichen des Anspruches Jesu auf das wahre Königtum für alle Menschen, das durch den Glauben und die Liebe herrscht, ist die eigentliche Botschaft des Jesus-Buches und seines Autors, dem 265. Nachfolgers Jesu auf dem Thron Petri.

Alexander Pachta-Reyhofen

Jesus von Nazareth. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung. Von Joseph Ratzinger. Herder, 24 Euro.

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