VISION 20003/2007
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Der mit dem Herzen spricht

Artikel drucken Erzbischof Elias Chacour, unbeirrbarer Friedensstifter zwischen Israelis und Palästinensern (Von Alexa Gaspari)

Schauplatz Wien, Vortragssaal der Uniqa: Erzbischof Elias Chacour hält einen Vortrag. Eindringlich seine Schlußworte: “Was wir brauchen, ist ein Überdenken Ihres Verhaltens den Juden und Palästinensern gegenüber.

Zu sagen: Juden sind schlecht, oder: Palästinenser sind Terroristen, ist ein Verbrechen. Machen Sie Schluß mit Pauschalurteilen.

Wenn Sie jüdische Freunde haben - wunderbar. Aber bitte: Das heißt nicht automatisch Feindschaft mit den Palästinensern! Und wenn Sie für uns Partei ergreifen, weil sie die Flüchtlingslager gesehen haben, so sind wir dafür dankbar. Wenn Sie uns aber ermutigen wollten, uns gegen unsere jüdischen Brüder zu wenden, dann brauchen wir Ihre Freundschaft nicht. Wir brauchen Brückenbauer." Keine Frage: Abuna (=Väterchen) Elias ist so ein Brückenbauer.

Schauplatzwechsel. Shefaram im Jahr 2005, ein Ort in Galilea in der Nähe von Ibillin, wo Elias Chacour 40 Jahre als Pfarrer tätig war: Ein Jude hat in einem Bus zwei Musliminen und einen Christen erschossen, weitere 12 Businsassen schwer verletzt. Der Attentäter wird überwältigt und gelyncht. Dennoch kocht die Volksseele: Die aufgestaute Wut gegen die Juden schreit nach weiterer Vergeltung. Ein Polizeigroßeinsatz wird notwendig. Einer der israelischen Kommissare ruft Abuna Elias um Hilfe. Wenn jemand die rasende Menge aufhalten kann, dann er.

Tatsächlich: Mit freundlichen Worten und Gesten bahnt sich Abuna Elias einen Weg zum Bus. Über eine Stunde spricht er ruhig zu den aufgebrachten Menschen. So wird es möglich die Leiche des Attentäters wegzutragen. Betroffen gehen die Leute nach Hause. Am nächsten Tag geschieht das Wunder: zehntausende Christen, Muslime, Drusen aber auch Juden folgen Chacours Aufruf, sich an einem Schweigemarsch gegen Haß und Gewalt, für Frieden und Versöhnung zu beteiligen.

Als Botschafter für den Frieden in seinem Land reist Erzbischof Chacour zu Vorträgen um die halbe Welt. Und so war er unlängst auch in Wien. Die Präsentation des Buches: Elias Chacour - Israeli, Palästinenser, Christ bildete den Rahmen für sein Auftreten. Seine im persönlichen Gespräch sanfte Stimme steigert sich zu einem leidenschaftlichen, kraftvollen Plädoyer, sobald er über sein Land und dessen erschütternde Geschichte spricht, über seine Liebe zu dessen Bewohnern, über die Hoffnung, die er trotz aller Enttäuschung nicht aufgibt . “Daß ich israelischer Staatsbürger, Palästinenser und Christ bin, ist kein Widerspruch, sondern eine einmalige Chance, echte Harmonie innerhalb der Verschiedenartigkeit zu schaffen," erklärt der Erzbischof dezidiert.

Ich verstehe sehr gut, wenn es von ihm heißt, er spreche mit dem Herzen. Es ist seine Wärme, Überzeugung und Eindringlichkeit, die auf den Gesprächspartner überspringt, ihn mitreißt. Mein Herz hat er jedenfalls gewonnen - nicht nur weil ich vieles von der erschütternden Geschichte seiner Heimat nicht kannte.

Beeindruckend auch die Geschichte von Abuna Elias: 1939 wird er in eine melkitische Familie geboren. Die melkitisch-katholische Kirche wird auch als uniierte (mit Rom vereinte) Kirche bezeichnet. Sie hat allerdings den gleichen Kanon, die gleiche byzantinische Liturgie und die gleichen Traditionen wie die griechisch-orthodoxe Kirche.

Seine Kindheit hat Abuna Elias in wunderschöner Erinnerung - jedenfalls bis zu seinem 9. Lebensjahr. Er ist der jüngste Bub von sechs Geschwistern eines tiefgläubigen Ehepaars aus Biram, einem christlich-palästinensischen Dorf in Galilea. Schon als Kleinkind erfährt er an den Eltern, wie wichtig die Vergebung für den Frieden und das Heil der Seele ist. Jeden Samstag nach der Abendandacht bitten die Eltern ihre Kinder um Vergebung, sollten sie diese in der letzten Woche irgendwie verletzt haben. In seiner Erinnerung sei dies “das schönste Bild" von seiner Familie, meint der Erzbischof.

Obwohl seine Mutter weder lesen noch schreiben konnte, verfügte sie dank ihrer Phantasie und eines guten Gedächtnisses über einen großen Schatz an Geschichten. Mit dem kleines Elias am Schoß läßt sie immer wieder Geschichten aus der Bibel für die Kinder lebendig werden. Nachts schlafen diese auf dem Boden, rechts und links von einem Elternteil behütet.

Die Menschen in Biram leben auf fruchtbarem Land. Es gibt viele Obst- und Olivenbäume. Elias hält sich besonders gern im Obstgarten auf. Während die Eltern auf dem Feld arbeiten, spielt er am Rand des Ackers. Später kümmert er sich um das Wasser für die Eltern und hütet das Essen, das sie gemeinsam auf dem Feld verzehren.

Als Bub ahnt Elias nicht, daß sich schon seit langem die Lage im Land zuspitzt: Seit 1920 steigt die Zahl der jüdischen Einwanderer in Palästina drastisch an. Palästinensische Bauern verlieren durch ausländische Ankäufe immer mehr Land. 1935 und 1936 gibt es wegen der Einwanderer große Demonstrationen und Streiks, die mit Gewalt und Blutvergießen enden. Die Situation spitzt sich von Jahr zu Jahr zu.

Jedenfalls findet Elias schöne Kindheit im Jahr 1948 ein jähes Ende: Eines Tages im Frühling erzählt Vater Chacour den Kindern, daß viele Juden in Europa umgebracht oder aus ihrer Heimat vertrieben worden seien. Sie kämen nun in ihre uralte Heimat zurück, um ein neues Zuhause zu suchen. Einige jüdische Soldaten würden daher auch nach Biram kommen und für kurze Zeit hier wohnen, bevor sie weiterzögen. Die Kinder sollten freundlich zu ihnen sein. Mit einem geschlachteten Lamm wird ein besonderes Willkommensfest vorbereitet.

Die jüdischen Soldaten kommen allerdings mit Waffen und verbreiten Schrecken bei den Dorfbewohnern. “Wir haben ihnen unsere Häuser, unsere Betten überlassen und auf den Flachdächern geschlafen. Nach zehn Tagen hieß es, wir sollten vorübergehend die Häuser verlassen, weil wir möglicherweise von Feinden angegriffen würden und die Schlüssel übergeben. Die Soldaten würden aufpassen.

So sind wir gegangen. Zwei Wochen lang haben wir zwei Kilometer entfernt unter Olivenbäumen gehaust. Dann sind die Männer zurückgegangen, um entsetzt festzustellen, daß die Soldaten, die ihnen den Eintritt ins Dorf verweigerten, alles geplündert und verwüstet hatten," erinnert sich der Erzbischof an die Wende in seiner Kindheit. Alle Männer - der Vater und drei Brüder - werden als angebliche Terroristen auf Lastwagen verladen und weit außerhalb der neuen Grenzen Israels ausgesetzt. “Sie dürften nie wieder zurückkommen, hieß es. Kämen sie zurück, würde man sie töten. Der Vater und die Brüder haben es dennoch gewagt. Als Flüchtlinge durchquerten sie mehrere arabische Staaten und sind fast verhungert, da sie nirgends willkommen waren," fährt Abuna Elias fort. Die Mutter und die drei kleineren Kinder hatten sich unterdessen in Gish, einem nahegelegenen, scheinbar verlassenen Dorf in einem Einzimmerhaus niedergelassen. Eines Tages entdeckt Elias allerdings eine verscharrte Leiche, eine von über zwei Dutzend. Die Soldaten würden die Gegend nach palästinensischen Dorfbewohnern durchkämmen, erfahren sie.

Ab nun lebt die kleine Familie in Angst davor, entdeckt zu werden. Eines Nachts klopfen vier ausgemergelte Männer mit zerfetzten Schuhen an die Tür: der Vater und die Brüder, die - wie nur wenige - überlebt hatten.

Am 14. Mai 1948 proklamiert David Ben Gurion die Errichtung des Staates Israel. Von da an werden über 500 palästinensische Dörfer in Israel zerstört oder ethnisch gesäubert. Es gibt schreckliche Massaker. 750.000 Palästinenser flüchten oder werden vertrieben. Was bleibt, sind weniger als 100 palästinensische, voneinander isolierte Dörfer vor allem in Galiläa. Viele Juden sind damals mit der Behandlung ihrer Landsleute nicht einverstanden und leiden mit ihnen, sind aber machtlos. 1949 hört die Vertreibung langsam auf.

Der junge Elias findet Trost in langen Spaziergängen in der Umgebung von Gish mit Jesus, seinem unsichtbaren Weggefährten, mit dem er über alles reden kann. Eine sehr tiefe Beziehung entwickelt sich. 1950 willigt Vater Chacour ein, auf seinen beschlagnahmten Feldern für die neuen jüdischen Besitzer zu arbeiten. Dadurch möchte er verhindern, daß seinen geliebten - manchmal über 1.000 Jahre - alten Bäumen Schaden zugefügt wird. Drei Jahre halten er uns seine Söhne diese demütigende Arbeit durch.

Elias hat seinen Vater auch in der schwersten Zeit nie verbittert erlebt, stets bereit zu vergeben. “Juden und Palästinenser sind Blutsbrüder," hat er seinem ältesten Sohn zugerufen, als dieser ein Gewehr zur Verteidigung der Familie geholt hatte. “Unser Vater wollte nie, daß wir Gewalt anwenden, um unser Land zurückzubekommen. Aber er wollte auch nicht, daß wir vergessen, daß dieser Ort das Land unserer Vorfahren ist," erinnert sich der Sohn in bewegenden Worten. Kein Wunder, daß das Vorbild dieses großen Mannes einen tiefen Eindruck hinterlassen hat.

Zweimal entscheidet der Oberste Gerichtshof, daß die Leute von Biram das Recht zur Rückkehr hätten. Doch die Militärbehörden erklären das Gebiet zur militärischen Zone. 1953 werden die Häuser gesprengt. Entsetzt müssen die Bewohner zuschauen, wie Planierraupen die Zerstörung vollenden. Der junge Elias ist zu diesem Zeitpunkt bereits in der bischöflichen Schule in Haifa, wohin ihn der Bischof als 12jährigen mitgenommen hatte. Ab 1954 besucht er in Nazareth das kleine Seminar für angehende Priester. Er tritt gern in den Dienst der Kirche, hatte er doch schon bei seinen Wanderungen in der Kindheit Jesus seine Hände und Füße angeboten, sollte Gott sie zur Wiederherstellung des Friedens gebrauchen können.

Nach dem Seminar schickt der Bischof Elias und seinen Studienfreund Faraj nach Paris. Sechs Jahre lang sollten nun die hochbegabten Studenten in Saint-Sulpice die bestmögliche Priesterausbildung erhalten, sechs Jahre, in denen Elias sich auch eingehend mit der Geschichte Palästinas beschäftigt. Es drängt ihn ja seinem Land zum Frieden zu verhelfen.

Beim Studium wird ihm klar: Die Juden, die unter den furchtbaren Verfolgungen gelitten hatten, brauchten einen Zufluchtsort: Palästina war für sie, auch nach 2000 Jahren Diaspora, die ihnen von Gott zugesagte Heimat, die - so hatte Theodor Herzl behauptet - “ein Land ohne Volk", also ein unbewohntes Land sei, “das auf ein Volk ohne Land warte".

Heute erklärt Abuna Elias das so: “Der Konflikt zwischen Juden und Palästinensern ist ein Konflikt von identischen Ansprüchen auf das gleiche Land. Die Juden sagen: Wir waren hier vor 2000 Jahren und kommen zurück. Das Land hat uns Gott versprochen. Die Palästinenser sagen: Das ist seit 2000 Jahren das Land unserer Vorfahren. Wir können unser Land nicht hergeben, nur weil ihr zurückkommt. Ihr könnt hierbleiben - aber mit uns. Jede der zwei Parteien muß die Bereitschaft haben zu sagen: das ist auch mein Land. Was soviel heißt wie: es ist auch dein Land. Ich habe recht, aber auch du bist im Recht. Nur das könnte den Menschen ihre zerstörte Würde zurückgeben." Trifft diese Feststellung nicht auf viele Situationen, auch in unserem täglichen Leben, zu? Es tut gut, diesem besonnen, klar denkenden, friedfertigen Mann zuzuhören.

Zurück zu Chacours Lebensweg: Am 24. Juli 1965 wird er in Nazareth zum Priester geweiht und im August vom Bischof nach Ibillin geschickt, einem Dorf in Galilea mit einigen tausend Einwohnern, der durch die selige Miriam bekanntgeworden ist. Dort trifft er schwierige Verhältnisse an. Die Beziehungen zwischen Orthodoxen und Melkiten, Christen und Moslems sind gespannt und alles armselig und verkommen. Typisch sein baufälliges Pfarrhaus: Dreck und Chaos pur, kein Gas, keine Elektrizität, kein Klo. Abuna Elias läßt sich nicht entmutigen. Ibillin wird zur Feuerprobe für seine Bemühungen als Friedensstifter.

Er erkennt: Vorrang hat hier die Versöhnung innerhalb der Familien, die Heilung der Würde dieser Menschen und ihrer seelischen Verletzungen im Gefolge der Kriegswirren. Um Versöhnung zu stiften, muß er zunächst das Gute aus den Menschen hervorholen. So greift er zu einem drastischen Mittel: Nach der Liturgie am Palmsonntag sperrt er die Kirchentüre ab und erklärt, er werde sie erst öffnen, wenn sich die Familien versöhnt hätten.

Er erzählt den Anwesenden, wie wichtig Vergebung sei, daß Jesus, der hier gegenwärtig sei, in ihnen Vergebung bewirken und ihnen Liebe schenken will. Tatsächlich steht nach einiger Zeit ein Mann auf und bittet seine Familie um Vergebung. Nach und nach tun das auch die anderen. Der Tag endet mit einem Versöhnungsfest. Ein großer Schritt ist getan.

Als nächstes eröffnet er zusammen mit drei Ordensschwestern aus Nazareth einen Kindergarten für die Kinder, die mehr oder weniger unversorgt ihre Zeit auf der Straße verbringen. Gemeinsam mit den Schwestern beginnt der Pfarrer auch mit regelmäßigen Hausbesuchen. Langsam lösen sich die Spannungen im Dorf. Die Zahl der Meßbesucher steigt. Sie bringen Kuchen mit für ein anschließendes gemütliches Plaudern im Pfarrhaus, dessen Tür allen offensteht.

Schon zeichnet sich ein nächstes Projekt ab: den Kindern und Jugendlichen Ausbildung zu vermitteln. Es fehlen nämlich Schulen und Zugangsmöglichkeiten für Palästinenser in höhere Schulen. Die Folge: Verbitterung und Frustration bei den Jugendlichen, die keine Chance auf gute Jobs haben. Die Eröffnung einer Bücherei ist ein Schritt in diese Richtung. Den Grundstock bilden geschenkte Bücher und eigene aus seiner Studienzeit. Die Lesefreudigkeit im Ort ist erstaunlich. Bald gehört es zum guten Ton, mit einem Buch unterm Arm gesehen zu werden. Bibel-Erzählstunden für Kinder am Sonntag werden eingeführt und Bibelunterricht für die Frauen, mit denen er verschiedene heilige Stätten besucht.

Auch die tief eingeprägte Feindschaft zwischen Christen und Moslems gelingt es, nach und nach aufzulösen: Abuna Elias lädt nämlich die muslimische Gemeinde ein, in seiner Kirche zu beten, bis die durch einen Brand zerstörte Moschee wiederaufgebaut ist. Auch mit dem orthodoxen Priester und dessen Gemeinde verbindet er sich in Freundschaft. Bald wird auch miteinander gebetet. Die Sommercamps für mittlerweile 5000 Kinder sind ein Segen für die Jugend.

Mittlerweile ist er durch sein Engagement landesweit bekannt. Immer ist er zur Stelle, wenn es darum geht, Menschen und ihr Eigentum vor der israelischen Polizei zu verteidigen - nicht mit Gewalt, sondern mit Worten und Aktionen. Ein Beispiel: sein Einsatz für die ehemaligen Bewohner von Biram und Ikrit, die auf ihr Land zurückkehren wollen. Chacour besucht in dieser Sache Premierministerin Golda Meir, die das Anliegen jedoch aus Staatsräson ablehnt. Also wird im August 1972 ein Protestmarsch in Jerusalem organisiert, den Elias Chacour anführt. Wegen dessen Bekanntheit schließen sich Tausende Teilnehmer - Muslime, Christen, Juden und Drusen, unter anderem auch 70 Professoren der Hebräischen Universität - dem Marsch an und bekunden ihre Solidarität mit den Palästinensern. Die Weltpresse berichtet über das Ereignis - aber die israelische Regierung bleibt hart.

Für den Frieden einzutreten ist nicht ungefährlich: Als er einmal in einem Flüchtlingslager eine Messe feiern will, wird er entführt, weil man ihn für einen Attentäter gehalten hatte.

All diese Rückschläge können Abuna Elias jedoch nicht stoppen. “Vergib ihnen, Herr, denn sie wissen nicht was sie tun," dieser Satz scheint das Leitmotiv seines Lebens zu sein. Ihn hatte er seinen Vater sagen hören, als der Heimatort der Chacours zerstört wurde.

Daher auch sein beharrliches Verfolgen von Friedensprojekten. Zu den spektakulärsten Initiativen des Pfarrers gehört wohl der Bau des Prophet-Elias-Gymnasium, einer christlichen Schule, die auch Moslems und Juden ihre Tore öffnet. Als er 1982 die Pläne für den Schulbau einreicht, werden diese abgelehnt. “Sollte ich deswegen mein Projekt vergessen. Das entspricht nicht meinem Charakter," erzählt der Erzbischof humorvoll. “So haben wir zu bauen begonnen. Die Polizei kam und fragte nach der Baugenehmigung. Meine Antwort: ,Ich baue nicht mit Genehmigungen, sondern mit Ziegeln.' Darauf der Polizist: ,Sie können nicht ohne Genehmigung in einem zivilisierten Land bauen.' , In einem zivilisierten Land hätte ich längst eine Genehmigung,' erwiderte ich. Er wurde böse - und ich noch böser."

Trotz Polizeibesuchen baut der Pfarrer weiter. Vor Gericht geladen, erklärt er dem jüdischen Richter, er werde im Falle der Zerstörung der Schule Fotos davon in alle Welt versenden. Schließlich meint der Richter, der Pfarrer solle sich einen Anwalt besorgen. Fünf Wochen habe er Zeit. Die Schule dürfe bis dahin nicht zerstört werden. Mit Hilfe des jüdischen Richters gelingt es Chacour, den Termin mehrmals um Monate zu verschieben, bis er durch besondere Umstände eine Baugenehmigung kaufen kann.

Mittlerweile ist nicht nur die Schule, sondern auch die christlich-israelisch-arabische Universität in Betrieb: 4.500 Schüler und Studenten, Christen, Moslems und Juden, besuchen diese Einrichtung, die als Zweigstelle der Universität von Indianapolis anerkannt ist. “Nur durch gemeinsame Bildung können wir die Verschiedenartigkeit und Mannigfaltigkeit unter uns akzeptieren und schätzen lernen. Dann können wir auch eine Einheit bilden," erklärt uns Abuna Chacour.

Daß mit Bildung auch die Herzensbildung gemeint ist, hört man aus seinen nächsten Worten heraus: “Meine Schule ist eine christliche Schule, aber nicht nur für Christen offen. Es ist eine Schule, wo wir unsere jüdischen und moslemischen Kinder umarmen." Und: “Ich bin kein Missionar für Mohammed oder für die Juden. Ich verkünde Jesus Christus in der Schule für alle christlichen Kinder, aber ohne Andersgläubige zu verletzen."

Wie sehr das miteinander Leben und Lernen der jungen Leute schon Früchte getragen hat, zeigt das tragische Selbstmordattentat eines Palästinensers in Tel Aviv: 15 Juden verlieren ihr Leben, weitere 86 werden zum Teil schwer verletzt. Auf die Bitte der Studenten von Chacours Universität kommen 15 Krankenschwester nachIbillin um 300 meist palästinensischen Studenten Blut für die verletzten Juden abzunehmen. Ein Hoffnungstrahl für Juden und Palästinenser die vielleicht doch einmal ihre Zukunft gemeinsam gestalten könnten.

Am 2. April 2005, dem Todestag von Papst Johannes Paul II wird Chacours neue melkitische Bergpredigt-Kirche eingeweiht, nachdem schon 2004 hier ein großes Friedenskonzert mit den Botschaftern mehrerer europäischer Länder und Mitgliedern der israelischen Regierung, einem jüdischen Chor und einem palästinensischen Orchester stattgefunden hatte. Bei seiner Ansprache erinnert Abuna Chacour die Anwesenden daran, daß sie alle als nackte Babys auf die Welt gekommen seien, alle gleich.

Im Februar 2006 wird er von Papst Benedikt XVI. zum Erzbischof von Galiläa ernannt. Nun gibt es viele neue Aufgaben, aber das zentrale Anliegen bleibt dasselbe: Den Menschen die Würde zurückzugeben und Feindschaft und Haß in Verständnis und Liebe zu wandeln. Kein Wunder, daß dieser Mann Gottes, “für den der beste Weg jener ist, den Jesus mir gezeigt hat," schon dreimal für den Friedensnobelpreis nominiert wurde.

Als ich ihn nach der Pressekonferenz um seinen Segen bitte, korrigiert er mich: “Nur Gott segnet." Er lächelt - und erteilt mir diesen Segen.

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