VISION 20003/2007
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“Ich bin für vieles dankbar"

Artikel drucken Es ist gar nicht so leicht, die Dankbarkeit im Alltag zu leben

Die Heilige Schrift ist voll von Aufforderungen, dankbar zu sein. Aber wofür? Und wie lebt man diese Dankbarkeit im grauen Alltag? Gespräch mit dem Generalsuperior des Kalasantinerordens:

Ist Dankbarkeit eine wichtige Eigenschaft des Christen?

P. Peter Lier: Ja, es ist die wesentliche. Ich denke da unmittelbar an die Eucharistie - den großen Dank, den Jesus für uns alle darbringt.

Davon merkt man aber im christlichen Alltag wenig...

P. Lier: Wenn man sich umschaut, herrscht tatsächlich große Undankbarkeit. Es wird viel geklagt, gemeckert. Es gibt viele Beschwerden. Wirklich dankbare Menschen sind selten. Das kommt daher: Je mehr wir Gott verlassen, umso undankbarer, egoistischer werden wir.

Um auf die Eucharistie zurückzukommen: Bringen viele Menschen diese Feier auch wirklich mit Danksagung in Verbindung?

P. Lier: Jedenfalls bedeutet das Wort Eucharistie Danksagung. Ich möchte in diesem Zusammenhang von einer Erfahrung berichten. Gestern habe ich mit einer Reihe schwer vom Leben gezeichneter Menschen Hausmesse gefeiert. Viele waren fernstehend. Vor der Feier haben wir das Treffen mit dem Rosenkranz begonnen. Viele kannten ihn nicht, und wir haben sie einfach eingeladen mitzubeten. Ich bin in ein Kammerl gegangen und habe eine Aussprache für jene angeboten, die ihre Lasten ablegen und wieder zu Gott zurückfinden wollten. Die Überraschung: Viele sind gekommen! Und viele hatten schwerste Schicksalsschläge erlitten und waren enorm dankbar, wieder zurückkehren zu dürfen. Was für eine Freude!

Erleben also eher jene, die aus der Gottesferne kommen, wie dankbar man für das Geschenk des Glaubens sein sollte?

P. Lier: Im Großen und Ganzen ja. Die Not ist heute oft so groß, daß jene, die dann eine Umarmung durch Jesus erfahren, dies in großer Dankbarkeit tun. Genau das wird ja im Gleichnis vom verlorenen Sohn beschrieben. Solche Erfahrungen mache ich ununterbrochen bei Beichten.

Sind solche Erfahrungen ein kurzes Aufflackern von Dankbarkeit - oder wird das zur fortdauernden Haltung?

P. Lier: Menschen, die durch die Hölle gegangen oder zutiefst geschlagen sind - ich denke an Frauen, die Abtreibungen hinter sich haben, Menschen, die lange Jahre der Gottferne erlebt oder viel Haß in sich getragen haben und dann zur Versöhnung finden -, gehen normalerweise den Weg Gottes in einer Haltung großer Dankbarkeit weiter. Sie haben Sein Erbarmen, Seine Liebe erfahren.

Kannst Du das an einem erlebten Fall illustrieren?

P. Lier: Ja, von einer Frau, die öffentlich Zeugnis gegeben hat: eine Absolventin der Montanuniversität, hochintelligent, weit von Gott entfernt. Sie war als Kind in einer Klosterschule. Das Ergebnis: “Gott brauche ich für den Rest meines Lebens nicht mehr." Die Ehe der Eltern zerbrach. Sie selbst führte dann ein wildes Leben und hat viel Haß und Bosheit erfahren. Nach dem Abschluß ihres Studiums hat sie an einem Projekt in Banja Luka mitgearbeitet. Auf dem Weg zu einem Ausflug ans Meer kam sie zufällig nach Medjugorje. Auf Drängen eines Begleiters nimmt sie dort an einer Messe teil. Und bei der Wandlung hat Gott ihr Herz so berührt, daß sie nur mehr geweint hat. Daraufhin bleibt sie die folgende Woche in Mejugorje, legt eine Lebensbeichte ab - und ist seither ein dankbarer Apostel für den Herrn, fastet, betet.

Welche Rolle spielt die Dankbarkeit in Deinem eigenen Leben?

P. Lier: Der Herr hat mich durch viele Krisen geführt, und ich bin Ihm unendlich dankbar dafür, daß Er mich gehalten hat. Dankbar bin ich auch, daß Er mich schon als junger Mensch in die Nachfolge gerufen hat. Entscheidend für mich war die Begegnung mit jungen Menschen, die den Rosenkranz gebetet haben, sowie die Erkenntnis, daß in der Bibel Gott zu mir spricht. Mit 18,5 Jahren wußte ich innerhalb eines Augenblicks, daß ich Priester werden sollte. All das macht mich unsagbar dankbar. Mein Priesterleben ist die Erfüllung meiner Sehnsucht.

Unser Leben gleitet so leicht in Routine ab. Man ächzt unter der Last von diversen Verpflichtungen. Wie erhältst Du diese Dankbarkeit in Deinem Alltag am Leben?

P. Lier: Ich muß zugeben, daß es nicht leicht ist. Im Bergsteiger-Jargon befinden wir uns hier auf einem Steig mit Schwierigkeitsgrad 5 und aufwärts. Was mir entscheidend hilft: Die Gnade, daß ich um 5 Uhr früh in die Kapelle gehe und dort vor dem ausgesetzten Herrn sein und beten kann. Er nimmt, was mich belastet und müde macht. Er erfüllt mein Herz immer wieder mit Freude und Dankbarkeit.

Und das Feiern der Heiligen Messe?

P. Lier: Ist für mich die wichtigste Quelle. Ich trachte danach, eine Stunde davor in der Anbetung zu sein, sonst wäre ich zu unkonzentriert. Daß Jesus sich jetzt für mich opfert und gegenwärtig ist, das ist für mich das große Geschenk. Er spricht jeden von uns an, liebt uns. Bei meiner ersten Messe - einer Hausmesse mit jungen Leuten - habe ich das intensiv erfahren. Und das begleitet mich seither.

Ein Ratschlag an unsere Leser, wie man eine Haltung der Dankbarkeit pflegt...

P. Lier: Die Ermutigung der Heiligen. Für mich unter anderen meine Mutter, ihr geistliches Zeugnis im schweren Leiden, das sie im hohen Alter niedergeschrieben hat. Oder die Begegnung mit einer querschnittgelähmten Frau, die voll Dankbarkeit und Freude lebt. Sie wird öfter hier in die Kirche gebracht. Einmal hat sie mir gesagt, sie wolle noch lange leben, um Jesus durch ihr Opfer viele Seelen zuzuführen.

Kannst Du etwas mehr über Deine Mutter erzählen?

P. Lier: Sie hat bis zu ihrem 80. Lebensjahr mit Dr. Herbert Madinger für die “Glaubensinformation" gearbeitet. Sie war Mutter für viele junge Leute. Sie hat zugehört, ermutigt. Ich habe sie selten verdrossen erlebt. Die Freude an Gott war ihre große Kraft - gespeist aus sehr viel Leiden und Gebet.

Viele sagen aber gerade: Wenn man das viele Leiden in der Welt sieht, kann man doch unmöglich dafür danken...

P. Lier: Ich erlebe das ähnlich, wie wir das in den Psalmen sehen. Da werden Leiden und Verzweiflung hinausgeschrieben - und im nächsten Augenblick erhebt sich der Beter, lobt Gott und stimmt zu. Für mich ist das Danken eine bewußte Abkehr weg von den Schatten und Sorgen. Jetzt schaue ich auf Gott. Es ist für mich ein Glaubensakt, daß Er alles in der Hand hat und alles zum Guten führt. So lebe ich stark von der Verheißung, daß es - hoffentlich bald - einen neuen Himmel und eine neue Erde geben wird, die von Ihm her kommen.

Das Lobpreisgebet also als wichtige Gebetsform, die zur Dankbarkeit führt?

P. Lier: Wir haben dreimal täglich das Stundengebet. Da helfen mir die Psalmen sehr: das Wort Gottes, das uns emporhebt. Eine große Hilfe.

Die Charismatische Erneuerung pflegt den Lobpreis als Gebetsform. Viele finden das exaltiert. Wie siehst Du das?

P. Lier: Ich bin dankbar für diese “exaltierte" Gebetsform, wenn ich klatschen, singen und beten kann. Da beten wir um Seiner selbst willen. Gott ist die Liebe, Er ist unser Vater - da können wir doch nicht traurig sein! Und wenn ich an den Himmel denke, das Schönste, worauf wir zugehen: Da bricht einfach Freude durch. Außerdem höre ich ununterbrochen so viele Zeugnisse von Wundern Gottes, von Bekehrungen, Befreiung, Heilungen. Allein das reicht , um täglich zu danken. Johannes Paul II. hat uns ein großes Geschenk hinterlassen: Er hat Sr. Faustyna heiliggesprochen und damit ihre Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes in der ganzen Welt verbreitet. Wenn wir auf den Barmherzigen Jesus schauen, werden wir gerettet. So heißt es ja auch in der Hl. Schrift. So sollen wir dieses wunderbare Wort sprechen: “Jesus, ich vertraue auf Dich." An diesem Seil kann sich jeder anhalten.

Mit P. Lier sprach CG.

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