VISION 20003/2007
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Wir können viel von älteren Menschen lernen

Artikel drucken Erfahrungen einer Krankenschwester

Als junge Krankenschwester war mir in der Pflegetätigkeit alter und kranker Menschen immer wieder etwas besonders aufgefallen, nämlich: die Zufriedenheit, die Dankbarkeit vieler, zum Teil schwerkranker und in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkter Menschen. Wie oft hörte ich sagen: “O ich bin so dankbar, daß ich jeden Tag noch aufstehen kann... Ich darf zufrieden sein, daß ich noch zu Hause wohnen kann... Ich bin Gott jeden Tag dankbar, daß ich mich noch selber anziehen kann... Wie bin ich dankbar, daß meine Nachbarin täglich kurz vorbeischaut... Ich danke Gott, daß es einfach noch geht... Ich danke Gott für meine Katze, die mir so liebe Gesellschaft leistet..." Und so weiter.

Diese Dankbarkeit zu erleben, hat mich damals nachdenklich gemacht. Ich konnte sie irgendwie gar nicht recht verstehen. Denn wenn man jung ist, kommt einem ja kaum in den Sinn, in solcher Weise zu danken.

Warum ist das eigentlich so? Doch deshalb, weil man fast alles als selbstverständlich nimmt. Man strotzt vor Vitalität, Schmerzen sind einem weitgehend fremd. Auch ist man nicht allein, sondern hat viele Freunde. Die Treppen geht man auch nicht mühsam hoch, sondern nimmt zwei oder drei Stufen auf einmal. Alles geht einem leicht von der Hand, und man weiß noch ziemlich genau, wohin man die Dinge gelegt hat, und muß nicht stundenlang nach Verlegtem und Verlorenem suchen...

Das ist eine “schwache Seite" der Jugend: daß sie fast alles als selbstverständlich nimmt und darob das Danken vergißt. Irgendwie ist es auch zu verstehen. Aber ein junger Mensch würde für sein Leben viel gewinnen, wenn er die Dankbarkeit bewußt erlernte, wenn er sich bewußt Zeit nähme, immer wieder darüber nachzudenken, daß im Grunde nichts selbstverständlich ist im Leben, sondern alles Geschenk. Ich glaube, da könnte ihn gerade der Umgang, die Offenheit und die Aufmerksamkeit gegenüber älteren Menschen viel lehren.

Die Konsumgesellschaft, die wir heute ja alle miteinander bilden, ist eine große Gefahr für die jungen Menschen, schon für die Kinder. Sie werden, ohne daß wir es wollen und vielleicht auch merken, immer mehr zur Selbstsucht, zum Egoismus erzogen. Und das erstickt die innere Zufriedenheit der jungen Menschen, das Gefühl der Dankbarkeit. Die Kinder stellen immer höhere Ansprüche, werden immer unersättlicher in ihren Wünschen. Ja, sie wachsen so in eine beängstigende innere Unzufriedenheit hinein. Warum strahlen Kinder in den ärmsten Gegenden der Welt eine solche Zufriedenheit aus, wie wir sie bei uns fast nicht mehr kennen? Das muß uns doch nachdenklich stimmen!

Ich habe einmal ein Sprichwort gehört, das so lautet: “Dankbarkeit und Weizen gedeihen nur auf gutem Boden."

Dort, wo Kinder zur Dankbarkeit erzogen werden, zu einer inneren Haltung der Dankbarkeit und Zufriedenheit (und das beinhaltet auch die Erziehung zu Respekt gegenüber den Menschen und zur ganzen Schöpfung, zur Ehrfurcht und Dankbarkeit vor allem gegenüber Gott), dort ist ein guter Boden. Eltern können diesen Boden bewußt pflegen und zubereiten: Indem wir die Kinder bewußt zur Bescheidenheit, zur Einfachheit, zum Verzicht erziehen.

Indem wir den Kindern aufzeigen, wie viele Kinder in unserer Welt Armut, Hunger, Not leiden müssen, wie ihnen das Notwendigste fehlt und wie sie trotzdem viel Freude ausstrahlen.

Indem wir Kinder bewußt mit alten, kranken und behinderten Menschen in Kontakt bringen und ihnen auf Fragen, die sie dann stellen, einfühlsam antworten und ihnen bewußt machen, was für ein Geschenk es ist, daß sie gesund sein dürfen. Und daß wir in ihnen so das Mitgefühl und das Gefühl der Dankbarkeit wecken.

Indem wir den Kindern immer wieder bewußt machen, wie wir für die Gesundheit, das Essen (Tischgebet), das Haustier, die Freunde... dem lieben Gott danken sollen, und daß das ein Hauptgrund ist, warum wir jeden Sonntag in die Kirche gehen und so unsere innere Haltung der Dankbarkeit, der Freude und der Liebe gegenüber Gott, dem wir alles verdanken, mit andern Menschen zusammen zum Ausdruck bringen.

Eine schöne und wichtige Gelegenheit, Kinder zur Dankbarkeit zu erziehen, ist das Abendgebet, wo wir mit den Kindern auf den vergangenen Tag zurückschauen, Gott um Verzeihung bitten für das, was nicht gut gelaufen ist, ihm aber vor allem für alles Schöne und Frohe danken, das wir an diesem Tag erleben durften (die Kinder die einzelnen Erfahrungen aufzählen lassen und ihnen dabei helfen!)

Maria Odermatt

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