VISION 20002/2011
« zum Inhalt Schwerpunkt

Johannes Paul der Große

Artikel drucken Ein Fels des Gebets, ein Vater für die Jugend, ein treuer Freund (Kardinal Christoph Schönborn; Alexa und Christof Gaspari)

Als Redaktionssekretär des Weltkatechismus, als Erzbischof, Teilnehmer an päpstlichen Reisen, Mitgliedrömischer Kongregationen hatte Kardinal Schönborn Gelegenheit Papst Johannes Paul II. gut kennenzulernen. Das folgende Gespräch beleuchtet die Bedeutung dieses bedeu?tenden Papstes.

Viele Menschen haben Papst Wojtyla als Johannes Paul den Großen bezeichnet. Was hat Ihrer Meinung nach die Größe dieses Papstes ausgemacht?
Kardinal Christoph Schönborn
: Ganz äußerlich betrachtet, kann man feststellen: Es war einfach von der Zeit her ein großes Pontifikat. Mit 26,5 Jahre eines der längsten, und das prägt schon aus sich heraus. Zweitens war es ein Pontifikat, das einen der größten Umbrüche der Geschichte erlebt hat: den unblutigen Zusammenbruch eines Weltreiches. Wir sind uns viel zu wenig bewußt, welche gewaltige Dimension dieses Geschehen hatte. Dieses Reich umfaßte von der Berliner Mauer bis Wladiwostok die Hälfte Europas und einen großen Teil Asiens. Schreiben Sie diesen Zusammenbruch allein dem Wirken des Papstes zu?
Schönborn: Nein. Es war sicher nicht nur das Verdienst von Johannes Paul II. Er selbst beschreibt ja in seiner Enzyklika Centesimus annus die inneren Widersprüche dieses Imperiums. Schon Pius XI. hat ja über die innere Perversität des Kommunismus geschrieben. Sie war sicher der Anlaß für den systemischen Zusammenbruch des Ostblocks. Aber der entscheidende Impuls kam vom Papst. Man könnte das mit dem Bild des Propheten Daniel beschreiben: Er beschreibt ein Imperium als einen Koloß, der dank einem Stein, der sich ohne Zutun von Menschenhand von einem Berg löste, zum Einsturz gebracht wird und in sich zusammenbricht (vgl. Daniel 2,34). Dieser Stein war Johannes Paul II, so können wir symbolisch sagen.

Können Sie das etwas ausführlicher beschreiben?
Schönborn
: „Nine days that changed the world“ heißt ein Film, den Newt Gingrich, ein republikanischer Abgeordneter im US-Kongreß, in Auftrag gab, ein Film über die neun Tage des ersten Papstbesuchs in Polen. Diese Tage haben den Koloß gestürzt – ein reines Werk der Gnade. Der slawische Papst wollte zunächst nur kurz zu Besuch in seine Heimat kommen. Die Kommunisten haben es zunächst unterbunden, dann aber gemerkt: Wenn wir das verhindern, explodiert das Land. Also haben sie ihm freie Hand gegeben, den Besuch zu gestalten. Das Ergebnis: Der Papst reist durch das ganze Land, eine Riesenbegegnung nach der anderen. In diesen neun Tagen hat der Papst den Kommunismus beendet – innerlich, denn das System hat noch mehr als zehn Jahre überlebt. Ja, es gab sogar noch die Zeit des Kriegsrechts, viele Verhaftungen. Aber der Zusammenbruch war nicht mehr aufzuhalten.

Was war die entscheidende Botschaft des Papstes?
Schönborn
: Er hat wiederholt, was er am Tag seiner Wahl gesagt hatte: „Öffnet die Tore für Christus!“ Und: „Fürchtet euch nicht!“ Ich erinnere mich an ein doppelseitiges Foto, das der Stern 1979 zu einem Bericht über die Papstreise gebracht hat. Es war von dem Platz aus aufgenommen, auf dem der Papst stand, und man sah die Gesichter tausender Menschen: Kein einziges, das nicht gestrahlt hätte. Der Papst hat dem Land das gebracht, wogegen jede Diktatur ohnmächtig ist: die Hoffnung. Das Bild drückt aus, was Johannes Paul zum Großen gemacht hat: Er hat Hoffnung vermittelt.

Eine unbesiegbare Hoffnung?
Schönborn:
Natürlich hat das Imperium versucht zurückzuschlagen, mit allen Mitteln, bis hin zum Attentat vom 13. Mai 1981. Aber eine andere Macht hat den Papst am Leben erhalten. Johannes Paul II. hat das von Anfang an so gesehen: Eine Hand hat die Kugel abgeschossen, eine andere hat sie umgeleitet.
Die Ohnmacht des Imperiums gegenüber diesem Sieg der Muttergottes hat noch einmal gezeigt, daß diese Kraft nicht aufzuhalten ist. Der Papst hat keine Divisionen, aber in diesem Geschehen war die Hand Gottes direkt am Werk.

Sehen Sie andere Dimensionen, in denen sich die Größe dieses Papstes gezeigt hat?
Schönborn
: Er war in vieler Hinsicht groß. Für mich war er vor allem auch der große Beter. Was mich von der ersten bis zur letzten Begegnung zutiefst erschütternd bewegt hat, war sein Gebet.

Haben Sie ihn aus der Nähe betend erlebt?
Schönborn
: In der Zeit, als ich für den Katechismus gearbeitet habe, durfte ich nach einem Abendessen ganz allein mit ihm in der Kapelle sein. Damals habe ich ihn aus nächster Nähe als Beter erlebt und später sehr oft auch bei der Morgenmesse. Er war sehr großzügig bei Einladungen zu dieser Messe. Ich werde nie vergessen, wie ich das erste Mal bei der Morgenmesse dabei sein durfte: Wir kommen in die Kapelle, der Papst war schon da und es war eine unbeschreiblich dichte Atmosphäre des Gebetes im Raum zu spüren. Sie hat einen nicht losgelassen, bis man den Raum verlassen hatte. Der Raum war vollgefüllt mit Gebet. Er ist mir wie ein Felsen des Gebetes vorgekommen.

Meinem Eindruck nach hat sich das Klima in der Kirche während seines Pontifikats stark verändert. Würden Sie das auch so sehen?
Schönborn
: In Fribourg habe ich bei einem befreundeten Ehepaar den ersten Frankreichbesuch Johannes Paul II. im Fernsehen verfolgt. Da erinnere ich mich an die Begegnung des Papstes mit der Jugend im „Parc des Princes“: 80.000 Jugendliche in dem riesigen Stadion. Und da sah man, wie der Papst mit diesen 80.000 jungen Menschen einen Dialog geführt hat. Es war einfach unglaublich! Das war sicher eines der Erlebnisse, die ihn bewogen haben, die Weltjugendtage ins Leben zu rufen. Und sie gehören sicher zu den ganz großen Erfindungen dieses Pontifikats. Die Weltjugendtage haben das Gesicht der Kirche verändert. Sie haben gezeigt, daß der Papst und die Jugend zusammenpassen. Johannes Paul II. war für eine vaterlose Generation ein Vater, ein Mensch, der ihnen zwar alles zugemutet hat: den christlichen Glauben, das christliche Leben, der ihnen gleichzeitig aber auch so viel Vertrauen geschenkt hat, daß sie sich von ihm nicht geschulmeistert gefühlt haben.

Wirklich erstaunlich: Er hat sie eingeladen, einen Weg zu gehen, der ganz gegen den Zeitgeist stand.
Schönborn
: Ja. Und er ist dafür geliebt worden. Es war sicher die Art, wie er es gesagt hat. Die Jugend hat eben seine unglaubliche Väterlichkeit gespürt. Bei den Weltjugendtagen im Jahr 2000 in „Tor Vergata“ (Rom) waren zwei Millionen Jugendliche gekommen. (Nebenbei bemerkt: Der Bürgermeister von Rom, Rutelli, mit dem ich am Tag darauf an einem Podiumsgespräch teilnahm, hat erzählt, es habe in diesen Tagen – geradezu unfaßbar – nicht einen einzigen Fall von Vandalismus gegeben.) Zurück zum Treffen in Tor Vergata: Bei der Vigil am Abend saß der Papst mit vielen Jugendlichen auf einer großen Empore. Und plötzlich rennt ein Jugendlicher auf das Podium hin. Er war so schnell, daß die Sicherheitskräfte ihn nicht erwischt haben. Auf den Riesenbildschirmen konnten nun zwei Millionen Jugendliche verfolgen, wie da einer auf den Papst zuläuft. Er hätte ja sein Mörder sein können. Der Jugendliche läuft also auf den Papst zu und wirft sich ihm in die Arme. Die Bewacher waren mittlerweile auch da, der Papst hat ihnen aber gedeutet, nichts zu tun. Und nun konnten zwei Millionen Jugendliche ein intensives Gespräch zwischen den beiden – obwohl man die Worte nicht hören konnte – verfolgen. Der Papst hat viel zugehört – und dann hat er ihn einfach ganz fest umarmt. Das war gleichzeitig die Botschaft an die zwei Millionen, quasi das Sakrament: Der Papst hat sie gehört und dann umarmt wie ein Vater. Diese Szene macht deutlich, warum Johannes Paul II. von so vielen jungen Leuten geliebt wurde. Ich habe nach seinem Tod mit Jugendlichen, die nach stundenlangem Warten an seinem Katafalk vorbeigezogen waren, gesprochen und gefragt: „Warum macht Ihr das?“ Es kam stets dieselbe Antwort: „Wir haben einen Vater verloren. Er hat uns so viel gegeben. Wir wollen noch einmal danke sagen.“

War nicht auch die Art, wie er seine Krankheit getragen hat, ein Merkmal des Pontifikats?
Schönborn
: Ja, eine Krankheit, die er nicht versteckt hat. Er hat sie als eine Gegebenheit vor den Menschen gelebt. Ich war einmal eingeladen, ein Grußwort an einen Weltkongreß über Parkinsonforschung in Wien zu richten. Bei dieser Gelegenheit habe ich nur über Johannes Paul gesprochen. In ihrer Antwort hat dann die Präsidentin des Kongresses gesagt, wie unglaublich dankbar Parkinsonpatienten in der ganzen Welt für den Mut seien, mit dem der Papst seine Krankheit trägt, und dafür, daß er sich traut, damit auch in der Öffentlichkeit zu stehen. Auch das war groß.

Sie haben mit ihm zusammengearbeitet. Wie war sein Umgang mit Mitarbeitern?
Schönborn
: Die Arbeit am Katechismus hat er Kardinal Ratzinger anvertraut. Da hat er kaum eingegriffen. An eine der ganz wenigen Interventionen des Papstes erinnere ich mich aber. Sie hat den Stil des ganzen Katechismus beeinflußt. Er hat damals gesagt: „Sagt nicht, die Kirche lehrt: Christus ist auferstanden. Sondern sagt: Christus ist auferstanden.“ Nur eine Nuance, aber eine wichtige: Wir verstecken uns nicht hinter einer Lehre. Nein, Christus ist tatsächlich auferstanden. Diese kleine Bemerkung hat den ganzen Duktus des Katechismus beeinflußt: Sein Stil wurde affirmativ – so ist es eben.

In welchem Bereich der Lehre hat er besondere Akzente gesetzt? Bei der Familie?
Schönborn
: Das Thema Ehe und Familie war sein Herzensthema. Ich habe das bei der Gründung des ITI, des Instituts für die Theologie von Ehe und Familie, miterlebt. Wie andere ähnliche Institute hat er auch dieses bewußt gewollt und gefördert. So hat er dem ITI von Anfang an volle päpstliche Rechte gegeben. Er hat die große Bedeutung von Ehe und Familie oft und oft begründet. Die Zukunft der Menschheit gehe über die Familie. Das ist umso berührender, als er selber jemand war, der ohne Familie aufgewachsen ist: Mutter und Bruder früh gestorben, den Vater auch bald verloren. Dafür war er ein Mensch, der tief von Freundschaften geprägt war. Bis in seine Jahre als Papst war er unglaublich treu als Freund. Diese großen Freundschaften sind ebenfalls ein Kapitel seiner Größe.

Welche Akzente im Bereich von Ehe und Familie würden Sie besonders hervorheben?
Schönborn
: Es gibt ein Dokument aus dem Jahr 1966, das zu wenig bekannt ist. Darin ist die nach dem Konzil offene Frage behandelt worden, wie in der Frage der Empfängnisverhütung, der Familienplanung zu entscheiden sei. Mit einem Kreis von Krakauer Moraltheologen hatte Kardinal Wojtyla damals dieses Memorandum verfaßt und es Papst Paul VI. geschickt. Sowohl Kardinal Ratzinger wie Kardinal Dziwisz haben mir bestätigt, daß dieses Dokument für die Entscheidung Paul VI. gegen die Mehrheit der für diese Frage eingesetzten Kommission Humanae vitae zu veröffentlichen, ein ganz großes Gewicht gehabt hat: das Zeugnis aus der Bekennerkirche in der kommunistischen Verfolgung. Hier wurde die klare Sicht geäußert: Bei dieser Frage geht es um das Herz von Ehe und Familie: die Offenheit für das Leben, die Weitergabe des Lebens ist nicht von der ehelichen Partnerschaft zu trennen. So dramatisch und schwierig die Entwicklung nach Humanae vitae war, so hat Johannes Paul II. doch unbeirrt an dem festgehalten, was Paul VI. in großer Einsamkeit und großer Verantwortung vor Gott geschrieben hat.


Er hat sich damit auch viel Kritik eingehandelt.
Schönborn
: Manche haben sich besorgt geäußert, andere sich empört oder gespottet. Es gäbe doch bedeutendere Glaubensfragen. Dem ist entgegenzuhalten: Wenn dieser Eckstein herausfällt, ist die Gefahr groß, daß wesentliches vom Gottesgeheimnis aus dem Blick gerät: daß Gott der Lebendige ist, daß dort, wo Gott wirkt, Leben ist. Zweifellos ist dies das Herzthema seines Pontifikats bis hin zu Splendor veritatis, wo er sich noch einmal dramatisch mit der Frage des ethischen Relativismus auseinandersetzt. Das alles sind Teile der großen Intuition, daß Liebe und verantwortliche Weitergabe des Lebens untrennbar zusammengehören.

Können Sie noch etwas zu dem Wort, das Sie schon erwähnt haben und das mich auch so beeindruckt hat „Non abbiate paura“, habt keine Furcht, sagen?
Schönborn:
Johannes Paul II. war selbst ein mutiger Mann. Er ist durch die Prüfung der beiden großen antihumanen, letztlich diabolischen Ideologien des 20. Jahrhunderts gegangen. Er hat als junger Mensch den Nationalsozialismus in all seiner Grauenhaftigkeit erlebt, und kaum war diese Hydra besiegt, ist der Kommunismus, diese andere Hydra, für 40 Jahre über Polen hergefallen. Die Generation, die all das erleben mußte, hatte eine andere Lebens?erfahrung als wir. Das, was wir als schleichende Totalitarismen erleben, steht in keinem Vergleich zum grauenhaften Stalinismus. Papst Johannes Paul mußte sich als Christ, als Denker, als Bischof gegen diese Übermacht des Totalitarismus bewähren. Das hat ihn – natürlich in der Kraft des Glaubens – unglaublich mutig gemacht. Wie andere auch hat er die Angst verloren. Ich habe das zutiefst bei Johannes Paul bewundert: Es war nicht einfach der Mut des Draufgängers, sondern die übernatürlich geprägte Tugend der Stärke, die fortitudo.


Das Gespräch führten Alexa und Christof Gaspari

© 1999-2020 Vision2000 | Sitz: Beatrixgasse 14a/12, 1030 Wien | Mail: vision2000@aon.at | Tel: +43 (0) 1 586 94 11