VISION 20002/2011
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Debatte über Privatoffenbarungen

Artikel drucken Klarstellungen (Christof Gaspari)

Mit seinen kritischen Anmerkungen zum 12bändigen Werk Der Gottmensch von Maria Valtorta hat Pfarrer Urs Keusch (siehe Leserbriefe nebenan) bei vielen Lesern Kritik geerntet. Wir sind Ihnen, liebe Leser, also ein Erklärung schuldig.

In mehreren Leserbriefen wie in Telefonaten wurde die Meinung geäußert, wer sich so kritisch äußere wie Pfarrer Keusch, der könne die Bücher nicht gelesen haben. Ehrlich gesagt: Ich war zunächst auch überrascht, als ich den Artikel, dem ich den Titel „Im Dschungel der Offenbarungen“ gab, gelesen habe. Mein erster Gedanke: Es gibt doch viele, die große Stücke auf das Werk Der Gottmensch halten. Stimmt das, was Pfarrer Keusch schreibt?
Ich habe mich also informiert und den Artikel veröffentlicht. Denn wir sind es Ihnen, liebe Leser, schuldig, relevante Informationen zur Urteilsbildung vorzulegen. Pfarrer Keusch hat dies in seinem Artikel, der Privatoffenbarungen ja keineswegs ablehnt, sondern zur Unterscheidung aufruft, auch getan. Er hat das gesamte Werk studiert und sich aufgrund der Lektüre überhaupt erst näher mit dem Hintergrund des Werks beschäftigt. Er fand besonders in den Bänden XI und XII Passagen, die äußerst bedenklich stimmen (Zitate siehe Kasten).
Fast alle Leser, die sich zum Thema äußerten, beziehen sich auf die positiven Stellungnahmen, die im Werk Valtortas zitiert sind: von P. Pio, Kardinal Bea, Papst Pius XII… Was die Äußerung Papst Pius XII. anbelangt, ist festzustellen: Sie entstammt dem Gedächtnisprotokoll von P. Corrado Berti, einem Befürworter des Werks, nach einer Privataudienz beim Papst. Eine offizielle Äußerung liegt nicht vor.
Zugegeben: Es ist verwirrend, diese Liste der Befürworter zu lesen und dann mit einer Ablehnung konfrontiert zu werden. Da hat man leicht den Eindruck: Man kann die Dinge eben so oder so sehen. Dazu ist jedoch festzustellen: Die Ablehnung kommt von den für die Beurteilung zuständigen Stellen: vom Heiligen Offizium, von der Glaubenskongregation. Und diese Ablehnung erfolgt im Wissen, daß die gewichtigen Empfehlungen im Vorwort des Werkes angeführt sind.
Im Brief von Kardinal Ratzinger an Kardinal Siri wird ja auch ausdrücklich festgehalten, daß man das Werk „nicht leichtfertig verurteilt hatte, sondern nach gründlichen Überlegungen…“ (Brief an Kardinal Siri, 1985) Und Kardinal Ratzinger war damals Präfekt der zuständigen Glaubenskongregation, also kirchliche Autorität, in dieser Frage Auskunft zu geben.
Die Verurteilung wurde 1994 erneuert: Über die Nuntiatur wurde der Schweizerischen Bischofskonferenz mitgeteilt, daß die Herausgeber des Werkes „die Approbation zur Veröffentlichung weder erhalten haben noch erhalten können“. Die Bischofskonferenz bittet, „daß in unserem Land die Schriften von Maria Valtorta nicht verbreitet werden“.
Inwiefern ist Der Gottmensch problematisch? Die Autorin nimmt in Anspruch, eine Offenbarung niedergeschrieben zu haben (u. a. S. 115 Bd. III, S. 293 Bd XII). Weil das Werk nun aber das Leben des Herrn behandelt, Jesus und Maria nicht nur beschreibt, sondern wörtlich zitiert, bekommt es den Charakter einer Offenbarung. Nach kirchlicher Lehre ist diese aber nach dem Tod des letzten Apostels abgeschlossenen. Wer also die Worte Jesu wirklich kennenlernen will, findet sie authentisch nur in der Heiligen Schrift. Alles, was darüber hinaus geht, muß als fragwürdig angesehen werden.
Das heißt nicht, daß es nicht kirchlich approbierte Privatoffenbarungen mit Worten Jesu geben kann. Wenn der Herr etwa zu Sr. Faustina spricht, so gibt Er ihr Hilfestellungen, um die Offenbarung der Schrift besser für die heutige Zeit zu begreifen und in unserer Zeit zu leben. Denn Gott ist ein Gott mit uns. Er wirkt und spricht in unsere Geschichte hinein.
In der italienischen Fassung heißt Valtortas Werk Il Poema dell Uomo-Dio. Ein Epos also, ein Menschenwerk, das wie jedes Menschenwerk fehleranfällig ist. Das muß der Leser bedenken. Ein Kommentar im L’Osservatore Romano (v. 6.1.60) bezeichnet das Werk als „langen weitschweifigen Leben-Jesu-Roman“.
Nun sind wir Ihnen, liebe Leser, noch auf eine andere oft geäußerte Anfrage eine Antwort schuldig. Johanna Gröbl (Leserbrief nebenan): Sie wundert sich, daß wir zwar das Werk Valtortas kritisieren, die Botschaften von Medjugorje aber bringen. Warum tun wir das? Zunächst ist festzuhalten: Die in dieser Frage zuständige Glaubenskongregation hat bisher kein negatives Urteil zu Medjugorje abgegeben. In einer Antwort (1998) auf eine Anfrage hat Bischof Tarcisio Bertone, damals Sekretär der Kongregation, festgehalten: „Aufgrund der bisherigen Untersuchungen kann man noch nicht bestätigen, daß es sich hier um übernatürliche Erscheinungen, Offenbarungen handelt.“ Es gibt also keine Bestätigung, daß in Medjugorje Übernatürliches stattfinden. Aber: Es gibt auch keine dezidierte Ablehnung. Die Frage ist eben offen.
Bezüglich der Ablehnung der Ereignisse durch den Ortsbischof, heißt es in dem Brief, man solle sie „als eine persönliche Überzeugung des Bischofs von Mostar betrachten“, die ihm selbstverständlich zustehe.
Was bedeutet das für die Gläubigen? Dazu Bischof Bertone: Pilgerfahrten, „die privater Natur sind“, seien erlaubt, „solange sie nicht als eine Anerkennung der gegenwärtigen Ereignisse betrachtet werden…“
Am 17. März 2010 wurde eine Internationale Kommission unter dem Vorsitz von Kardinal Camillo Ruini in der Glaubenskongregation eingerichtet, die die Vorkommnisse in Medjugorje prüfen soll. Auch das läßt erkennen, daß kein endgültiges Urteil vorliegt.
Da VISION 2000 in der Erzdiözese Wien erscheint, ist für uns auch die Haltung unseres Bischofs von Bedeutung. Kardinal Schönborn hat zum Jahreswechsel 2009-2010 eine Reise nach Medjugorje unternommen. Im L’Osservatore Romano (v. 5.1.10) wird der Kardinal bezüglich der Haltung der Kirche, wie folgt, zitiert: „Sie besteht aus drei Punkten. Erstens „non constat de supernaturalitate“. Das heißt, über die Phänomene, die Erscheinungen und Visionen, sowie die Worte, die hier vermittelt werden, äußert sich das Lehramt nicht in definitiver Weise. Der zweite Satz folgt der Logik des ersten und besagt, daß offizielle Wallfahrten nach Medjugorje nicht erlaubt sind. Aber drittens wird gesagt – und das scheint mir ein ganz wichtiger Punkt zu sein –, daß angesichts der vielen Pilger, die nach Medjugorje kommen und denen es nicht verboten ist, dorthin zu gehen, ihnen auch geistliche Begleitung zuteil werden soll.“
Schon 2005 stellte Kardinal Schönborn fest: „Einen Baum erkennt man an seinen Früchten. Bei uns in der Diözese sehe ich ständig an allen Enden Früchte von Menschen, die nach Medjugorje pilgern. Sie sind von der Dichte und der Stärke des Gebets erfaßt, entdecken wieder das Bußsakrament und finden neue Freude am Gebet. Die Menschen erfahren dort, daß Maria lebendig ist und ihr Sohn Jesus Christus wirklich da ist.“
Und noch etwas: Kardinal Groer, der Vorgänger von Kardinal Schönborn, hat uns in einem privaten Gespräch mitgeteilten, wir könnten die Botschaften veröffentlichen, sollten sie aber nicht als Worte der „Königin des Friedens“ bezeichnen, um das Urteil der Kirche nicht vorwegzunehmen. Wir haben das selbstverständlich berücksichtigt.
Der große Unterschied zwischen Medjugorje und Maria Valtorta: Zu letzterer gibt es ein negatives Urteil der Kirche und zu Medjugorje gibt es eine abwartende Haltung. Sollte ein negatives Urteil über Medjugorje ergehen, werden wir uns selbstverständlich an dieses halten.
Eine letzte Bemerkung: Privat?offenbarungen sollen das Glaubensleben der Christen vertiefen, unsere Bereitschaft zur Umkehr und zur Mission wachsen lassen, die Einheit unter uns fördern. Da sie nach der kirchlichen Lehre niemanden im Glauben verpflichten, wollen wir mit den Beiträgen in dieser Nummer auch die Debatte über das Thema beschließen, weil sie die Gefahr birgt, Parteiungen zu erzeugen.
Was wir Ihnen, liebe Leser, in dieser Frage bieten wollten, sind Fakten, die wir Ihnen zur eigenen Urteilsbildung liefern.

Christof Gaspari


Zitate aus Der Gottmensch

Über Judas sagt „Jesus“: „… ich bin der fleischgewordene Gott. Es gibt nur eine göttliche Inkarnation. Ebenso wird nun Satan, Luzifer, nur in einem einzigen sein, so wie er in seinem Reich ist; denn nur im Mörder des Sohnes Gottes ist Satan Fleisch geworden...“ (647. Kap)
Und: „… Verflucht sei dieses hybride Scheusal aus Satan und Mensch! Verfluche ich es? Nein. Das ist kein Wort des Erlösers...“ (649. Kap)
Anmerkung: Daß Gott Fleisch geworden ist ein einmaliges Ereignis. Der böse Geist kann nicht Mensch werden.
Dieses Fluchen ist nicht die Sprache Jesu. Er nimmt auch Sein Wort nicht zurück. Sein Ja ist ein Ja, Sein Nein ein Nein.
Und „Maria“ über die Auferstehung:
„Ich bin sicher, daß die ganze Erlösung hinfällig gewesen wäre, wenn ich dem Zweifel unterlegen wäre, wenn ich der Versuchung durch Satan nachgegeben, Gott geleugnet und gesagt hätte: ,Es ist nicht möglich, daß er aufersteht’.“ (Kap. 676)
Anmerkung: Die Erlösung ist souveräne Tat Gottes. Maria, als Magd des Herrn Gott ganz hingegeben, stellt nicht solche unsinnigen Gedanken an und streicht sich nicht so heraus.

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