VISION 20002/2011
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Begegnungen mit einem Heiligen

Artikel drucken Zeugnisse von Begegnungen mit JPII (Msgr. Leo Maasburg; Sepp Messner; Georg Mayr Melnhof; Bischof Klaus Küng; Günther Sperk)

„La presenza di Dio in me…“
Im Jahr der Wahl Johannes Paul II. zum Papst erkrankte Valeria Veronesi an Lungenkrebs. Eines Abends sagte sie mir, ihr falle es so schwer, diese Tatsache anzunehmen. „Was würde Dir helfen in dieser schweren Zeit, wo du Chemotherapie ertragen mußt, Rückfälle und Fortschritte erlebst?“ „Dem Papst begegnen,“ war ihre spontane Antwort.
Knapp nach der Wahl Johannes Paul II. war es noch nicht – wie dann später – üblich, daß man an den Morgenmessen des Papstes teilnehmen konnte. Ich hatte damals aber einen Freund, der Sekretär des Papstes war. Er ermöglichte es, daß Valeria und ich – wir gehörten damit zu den ersten – an einer Morgenmesse teilnehmen konnten. Abgesehen von den polnischen Schwestern, die den Papst betreuten, und dem Sekretär waren wir die einzigen Mitfeiernden. Der Papst wußte von der Erkrankung des 19jährigen Mädchens. Schon als er ihr die Heilige Kommunion reichte, streichelte er mit einer zärtlichen Geste ganz leicht über ihre Wange. Nach der Messe – er kam aus der Sakristei heraus – begleitete er Valeria und mich durch die große Halle zum Ausgang. Er sprach mit Valeria, die ihn anstrahlte. „Dein Lächeln ist mir ein Hinweis auf die Gegenwart Gottes in dir,“ sagte ihr der Papst.
Diesen Satz hat sie von da an stets wiederholt. An ihm hat sie sich in den schwersten Zeiten ihres Leidens festgehalten. Als sie schon ganz schwach war, wiederholte sie immer wieder: „La presenza di Dio in me…“ Mit diesem Wort auf den Lippen ist sie auch gestorben.

Msgr. Leo Maasburg

Ein verschmitztes Lächeln
Mariazell. Juni 1983. Scharen von Menschen. Keine Chance, in die Nähe des Papstes zu kommen. Als Ortskundiger weiß ich jedoch, welchen Weg das Papamobil zum Flugplatz nehmen wird. So eile ich zum Ortsrand hinaus. Und schon kommt er, noch aufrecht im offenen Fahrzeug stehend. Auf zehn Meter Entfernung fährt er nun an mir vorbei. Ich hebe beide Arme zum Gruß. Da geht ein verschmitztes Lächeln über sein Gesicht. Und aufmunternd wirft er das Kinn hoch. Unvergeßlich.

Sepp Messner

Unsterblich in die Kirche verliebt
Nach meiner Bekehrung, meiner Umkehr, die mir in Medjugorje geschenkt wurde, war die erste Frucht eine tiefe Faszination von dieser umwerfenden Liebe Gottes zu uns Menschen, zu mir ganz persönlich. Und so begann ich, Gott immer mehr zu suchen, viel Zeit in der Stille, im Gebet, im Lesen der Heiligen Schrift zu verbringen. Es bedurfte für mich aber auch eines zweiten Schrittes der Umkehr, und zwar einer Umkehr zur Kirche, von der ich mich in meinen Pubertätsjahren immer mehr gelöst hatte und die ich – aus Unwissenheit – immer vehementer kritisierte.
Der Mann, der die entscheidende Wende in meinem Leben in Bezug auf die Kirche brachte, war niemand geringerer als Johannes Paul II., dem ich das erste Mal beim Weltjugendtreffen in Santiago de Compostela begegnete. In diesen Tagen erlebte ich das erste Mal ganz lebendig Kirche, in all ihrer Schönheit und Jugendlichkeit. Es ist schwer nachzuvollziehen, wenn ich sage: Ich habe mich damals unsterblich in die Kirche verliebt und bin es bis zum heutigen Tage.
Johannes Paul II. hat mehr als ein Vierteljahrhundert die Kirche, vor allem die Jugend stark geprägt. Viele junge Menschen kannten nur diesen einen Namen. Der Umstieg auf Benedikt XVI. war, ehrlich gesagt, in aller Achtung und Liebe, gar nicht so einfach. Das haben viele von uns in Köln erfahren. Johannes Paul II. verstand es auf grandiose Weise, mit der versammelten Jugend umzugehen. Eine gute Mischung aus Schauspielkunst, Witz, Charme und klarer Botschaft ließ ihm die Herzen zufliegen. Und nun, nach knapp drei Jahrzehnten, muß ein anderer Mann diese Rolle übernehmen.
Die Jugend hat ein wenig gebraucht, sich auf Benedikt XVI. einzustellen, seine Stärken zu entdecken, sein Charisma, vor allem sein glasklares Wort. Er ist das Geschenk des Himmels an die Kirche von heute – und er hat inzwischen unsere Herzen und vor allem unseren Geist erobert. Seine Bücher und Enzykliken sind zur Pflichtlektüre der neuen Generation geworden.

Georg Mayr Melnhof
Georg Mayr Melnhof ist Mitbegründer der Loretto-Gemeinschaft, die schon viele junge Menschen zu Christus geführt hat.

Ich habe mit einem Heiligen gegessen
Papst Johannes Paul II. – da denke ich gerne an meine erste persönliche Begegnung mit ihm zurück. Einige Wochen nach meiner Bischofsweihe wurde ich – für mich ganz überraschend – in kleinstem Rahmen zu einem Abendessen mit dem Heiligen Vater eingeladen. Anwesend waren nur der Heilige Vater, sein Sekretär und ein weiteres Mitglied des Päpstlichen Hauses. Es war für mich wie ein Traum.
Der Heilige Vater war ganz natürlich und spontan, so als würden wir uns seit vielen Jahren kennen. Bestens informiert über die Kirche in Österreich nahm er regen Anteil, reagierte mit humorvollen Kommentaren und kam doch immer wieder auf das Wesentliche zurück.
Und nun wird er selig gesprochen! Das heißt, ich habe mit einem Heiligen zu Abend gegessen!
Was war das Geheimnis seiner ganz besonderen Ausstrahlung, die auch auf junge Menschen wirkte und bis in die letzten Jahre seines Lebens erhalten blieb, obwohl er inzwischen krank und gebrechlich war?
Er war ein zutiefst mit Gott verbundener Mensch und zugleich total menschlich. Und immer für Überraschungen gut. Durch seine Herzlichkeit und Aufrichtigkeit vermochte er auch in sehr schwierigen Situationen tiefe Gräben zu überwinden.
Seine Versöhnungsgesten wie z.B. die berühmte „Vergebungsbitte“ oder sein Gebet an der Klagemauer in Jerusalem waren so bewegend, weil sie total authentisch waren. Zugleich war er beeindruckend klar und fest in seinen Aussagen, die so etwas wie ein schlüssiges Gegenprogramm zu den heutigen Säkularismen darstellten. Mit ganzem Herzen versuchte er die unverfälschte Botschaft des Evangeliums der heutigen Welt zuzurufen und ebenso ging er mit ganzem Herzen auf die Menschen zu.

Bischof Klaus Küng
Kath.net v. 18.2.11

Ein guter Schmäh
Bei seinem ersten Besuch 1983 habe ich Papst Johannes Paul II. persönlich begleitet. Ich war bei der Staatspolizei und meine Aufgabe war es, Staatsbesuche zu begleiten. Am 10. September haben wir also den Papst vom Flughafen abgeholt und sind außen am Papamobil stehend zur Hofburg gefahren. Die Straßen waren vom Flughafen weg von Menschen gesäumt. Auf der Höhe des Zentralfriedhofs gab es plötzlich ein klirrendes Geräusch: ein betrunkener Soldat hatte ein Bierkrügel gegen das Fahrzeug geworfen, das am Panzerglas zerschellt ist. Und dann auf dem Ring, hinter der Oper, ist plötzlich eine Tomate auf der Scheibe zerplatzt. Meine erster Gedanke: Wer weiß, was in diesen Tagen noch alles auf uns zukommt!
Allerdings waren das 1983 die einzigen Zwischenfälle. Wie der Papst auf die Würfe reagiert hat, kann ich nicht sagen, da ich ja die Umgebung zu beobachten hatte, sein Verhalten im weiteren Verlauf des Besuches ließ jedenfalls keinerlei Irritation erkennen.
Ein umwerfendes Erlebnis war die Begegnung des Papstes mit der Jugend im Wiener Stadion: eine sagenhafte Atmosphäre, viel Freude, viele lachende Gesichter und der Papst strahlend, entspannt, mit einem guten Schmäh… Bemerkenswert war übrigens: Nach dem Fest mit der Jugend war das Stadion sauber wie nach keiner Veranstaltung sonst. Die einzige Verunreinigung: Wachstropfen auf dem Rasen.
Bei einem Staatsbesuch ergibt es sich so gut wie nie, daß die begleitenden Beamten mit dem Gast ein paar Worte wechseln. Höchstens kommt es zu Blickkontakten. Papst Johannes Paul allerdings hat sich dann bei seinem Abschied von uns in Mariazell mit Handschlag verabschiedet und uns gedankt.
1984 hat der Papst dann alle Beamten, die ihn bewacht hatten, zu einem Gegenbesuch nach Rom eingeladen. Eine große Gruppe von uns ist der Einladung auch gefolgt. Die meisten meiner Mitarbeiter hatten den Papstbesuch ja positiv erlebt. Beim Empfang unserer Gruppe im Vatikan bin ich dem Papst wieder persönlich begegnet: Unser ehemaliger Pfarrer – er war damals Rektor der Anima in Rom – hat uns dem Papst vorgestellt: „Das sind meine Pfarrkinder.“ Als wir dann in den großen Saal zu einer Gruppenaufnahme weitergingen, hat der Papst – wie uns Pfarrer Nedbal später erzählt hat – ständig für sich wiederholt: Pfarrkinder, Pfarrkinder…, um sich dieses Wort, das er nicht gekannt hatte, einzuprägen.
Abschließend möchte ich sagen, daß die Begegnungen mit Papst Johannes Paul II die schönsten und aufregendsten Momente in meinem Berufsleben waren. Zurückblickend bin ich dafür unendlich dankbar!

Günther Sperk

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