VISION 20001/2013
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Verdrängt und weggeschoben

Artikel drucken Über die Ratlosigkeit im Umgang mit dem Tod (Von Christof Gaspari)

Der Tod – heute ein zwiespältiges Phänomen: all­täglich ge­gen­wärtig in Fernsehberichten, Schlag­zeilen, Krimis, an­derer­seits weitgehend abwesend in der persönlichen All­tags­erfah­rung und daher verdrängt…

Es war ein aufschlussreiches Gespräch, das ich heuer im Juni mit dem Arzt geführt habe, der meine Mutter während ihrer letzten Lebenstage im Spital betreute. 93-jährig, war sie im Koma in die Herzüberwachungsstation eingeliefert worden, angeschlossen an Geräte, Infusionen, mit Sauerstoff beatmet… Sie hatte schon vorher mit dem Leben abgeschlossen, die Sakramente empfangen. Wir durften rund um die Uhr bei ihr bleiben. Alle, auch das Pflegepersonal, wussten, dass ihr Ableben bevorstand.
Warum man ihr Antibiotika gebe, wollte ich vom Arzt wissen. Ob das nicht künstlich ihr Leben verlängere, fragte ich, um ihm dann zu sagen: „Wir sind Christen und vertrauen darauf, dass die Mutter auf dem Weg zum eigentlichen Leben ist. Wir wollen nicht, dass Sie ihr Dasein hier verkürzen, Sie müssen es aber auch nicht verlängern.“ Er nahm das dankbar zur Kenntnis, reagierte entsprechend, erwiderte aber: „Sie müssen wissen, in den meisten Fällen verlangen die Angehörigen, dass wir bis zuletzt alles versuchen, sonst können wir Schwierigkeiten bekommen…“
„Der Konfrontation mit dem Sterben wird medizinische Betriebsamkeit entgegengesetzt. Meist sind sich Ärzte, Patient und Angehörige in dieser Tendenz einig,“ erklärt Klaus Peper (siehe S. 10), Arzt für Allgemeinmedizin, der sich mit der Kultur des Sterbens auseinandergesetzt hat. Das entspreche dem Zeitgeist: Wichtig ist, dass etwas geschieht – auch wenn es nach menschlichem Ermessen nichts bringt.  
Daher kommt es auch zu wirklich verrückten Konzepten, wie man auf der „Siemens“-Homepage lesen kann: „Ewiges Leben, oder zumindest verlängertes Leben bald möglich? Organe oder ganze Menschen einfrieren, um sie Jahre später wieder aufzutauen und zum Leben zu erwecken – finnische Forscher halten das für möglich.“ In den USA bieten verschiedene Institute diese Konservierung verstorbener Menschen oder Tiere bereits an. Die Hoffnung, die gehegt wird: Medizinische Fortschritte könnten später einmal das Fortleben der wieder aufgetauten Leiber ermöglichen.  
Viele wünschen sich andererseits einen plötzlichen Tod. Möglichst nichts vom Sterben mitbekommen! Tatsächlich spielen sich ja die meisten Sterbefälle, die der Normalverbraucher „miterlebt“, in dieser Weise ab: Opfer und Täter bei Selbstmordattentaten oder bei Massenmorden wie jüngst in einer Schule in den USA, Verkehrs- und Lawinentote, Opfer in Krimis, bei Kriegshandlungen oder Erdbeben…
Das sind die Todesfälle, die uns im Alltag begegnen. Sie ereignen sich irgendwo in der Ferne, berühren uns mehr oder weniger, betreffen uns aber nicht unmittelbar. Es handelt sich da um einen Tod, der andere betrifft, die nicht im persönlichen Umfeld leben und die den Tod irgendwie banalisieren, zum Schauspiel degradieren.
Im eigenen Lebensbereich wiederum sind Sterbefälle eher seltene Ereignisse, obwohl sie sich im höheren Alter im Freundeskreis mehren. Auch sie führen meist nicht zu einer unmittelbaren Konfrontation mit dem Toten selbst. Längst ist die Zeit vorbei, da die meisten Leute daheim starben, aufgebahrt wurden und Verwandte und Freunde sich um den Verstorbenen zum gemeinsamen Gebet versammelten.  Heute ereignen sich zwei Drittel der Todesfälle im Spital oder im Heim, oft in Abwesenheit der Angehörigen, die den Verstorbenen gar nicht mehr zu sehen bekommen. Der Tod rückt aus dem Gesichtsfeld.
Dazu trägt auch das Bestattungswesen bei: Begräbnisse finden im „engsten Kreis“ statt, die Friedhöfe sind weit vom Wohnort entfernt, hohe Begräbniskosten und Vereinsamung (zerbrochene Familien, fehlende nachbarschaftliche Beziehungen), Kinderlosigkeit erhöhen die Attraktivität der Einäscherung. Und diese bringt neue Formen letzter Ruhestätten hervor: „Friedwälder“, in denen man die Asche von Toten in biologisch abbaubare Urnen beisetzt, damit diese als Nährstoff in den natürlichen Stoffkreislauf eingehen.  Aber es gibt auch „virtuelle Friedhöfe“: Seiten im Internet für Verstorbene, die kein Grab haben.
Die lange Lebenserwartung, die uns hier in Europa dank der ausgezeichneten medizinischen Versorgung zugute kommt, sorgt weiters dafür, dass auch das eigene Sterben aus dem Blickfeld gerät, ein Geschehen, das so weit in der Zukunft zu liegen scheint, dass man sich nicht mit ihm auseinandersetzen muss. Schließlich ist das Alltagsleben ja so von Herausforderungen, Beschäftigungen und Ablenkungen erfüllt, dass man gar nicht dazukommt, sich mit so belastenden Gedanken abzuquälen. So konzentriert sich alles auf das gemeinsame gesellschaftliche Projekt, den Wohlstand zu mehren und hier und jetzt zu genießen. Gedanken an das Jenseits – ach was, da weiß man nichts Genaues! Vielleicht ist alles aus, vielleicht wird man wiedergeboren, quasi eine neue Chance, wahrscheinlich aber kommen ohnedies „alle, alle in den Himmel…“
Eine bedenkliche Entwicklung, Ausdruck eines enormen Kulturverlusts. Denn soweit wir in die Geschichte zurückblicken, war der ehrfurchtsvolle Umgang mit dem Tod und den Verstorbenen Kennzeichen aller Hochkulturen, insbesondere des Christentums. Der christliche Glaube mit seiner Überzeugung, dass die Toten leiblich auferstehen werden, ist diesbezüglich ein unerreichter Höhepunkt. Weil der Glaube an diese herrliche Perspektive heute auch unter Christen bedroht ist, stehen wir vor der Herausforderung, ihn in diesem Jahr des Glaubens zunächst wieder tief in uns selbst zu verankern, aus ihm zu leben, um ihn in einer ziel- und ratlosen Welt zu bezeugen.

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