VISION 20001/2013
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„Ich sah in der Ferne ein Licht“

Artikel drucken Gedanken zu Nahtoderfahrungen aus christlicher Sicht (Urs Keusch)

Viele Christen fragen sich, was aus gläubiger Sicht von sogenannten Nahtoderfahrungen
zu halten sei. Dazu Gedanken eines Priesters:


Es geht da um außergewöhnliche Bewusstseinszustände – vor allem um Lichterfahrungen – und Wahrnehmungen in der Phase, in der ein Mensch klinisch tot ist (bei Herzstillstand, bei ernsthaften Erkrankungen…). Die Schilderungen dieser Menschen, die reanimiert werden konnten, gleichen sich in ihrer Grundstruktur, sind aber auch immer individuell geprägt.
Solche Erfahrungen, wie sie seit der modernen „Sterbeforschung“ (der Begriff weckt unbehagliche Gefühle!) in zahlreichen Büchern beschrieben werden, sind nicht neu, sind keine Phänomene unserer Zeit (schon Papst Gregor der Große hat solche gesammelt und im 6. Jahrhundert beschrieben). Sie galten in früheren Zeiten und Kulturen auch nicht als etwas Außerordentliches. Denn die Menschen verfügten schon immer über das ahnungsvolle Wissen, dass die menschliche Seele auch nach dem Tod weiterlebt und geheimnisvolle Räume durchschreitet. Für uns Christen sind solche Erfahrungen auch nicht überraschend, im Gegenteil, sie bestätigen, was wir österlich glauben.
Bevor es überhaupt die moderne „Sterbeforschung“ gab, waren diese Dinge selbstverständlich in der Kirche beheimatet. Die moderne rationalistische Theologie hat diesen Erfahrungsbereich in den letzten Jahrzehnten weitgehend ignoriert und ihre Deutung der Esoterik überlassen, die von der christlichen stark abweicht, ja ihr entgegensteht. Doch es ist der Glauben der Kirche,  dass sich die Seele nach dem Tod des Menschen dem ewigen Licht zubewegt.
Darum das Gebet für die Seele des Verstorbenen: „Herr, gib ihr die ewige Ruhe, und das ewige Licht (!) leuchte ihr, Herr, lass sie ruhen im Frieden“.
Was ist das für ein Licht, von dem in diesen Erlebnissen berichtet wird: „Ich sah in der Ferne ein Licht, wie ich es auf Erden noch nie gesehen hatte. So rein, intensiv, so vollkommen. Ich wusste, dies ist ein Wesen, zu dem ich gehen musste.“. Mit Sicherheit können wir nicht sagen, wer in diesem Licht als persönliche Liebe erfahren wird. Doch nicht selten wird dieses wunderbare, unbeschreibliche Licht von denen, die es schauen, mit Jesus Christus in Verbindung gebracht: „Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8,12). Oftmals wird es auch als Engel (Erzengel Michael) verstanden („Zum Paradies mögen Engel dich geleiten“, Gebet beim Begräbnis).
Es besteht kaum ein Grund, dieses Licht, das da geschaut wird, nicht in Beziehung zum „ewigen Licht Gottes“ zu sehen: als zarten Hauch der in die ganze Schöpfung ausstrahlenden Herrlichkeit Gottes. („Himmel und Erde sind erfüllt von deiner Herrlichkeit“). Aber das Richtende und Ausrichtende im Licht der Wahrheit und Liebe Gottes – was die Bibel das persönliche Gericht nennt –, hat sich da noch nicht ereignet. Zwar schauen viele dieser Menschen ihr Leben wie in einem Film und erkennen mit erstaunlicher Klarheit, was gut und was böse war. Aber von einem göttlichen Gericht im Sinne der Bibel kann bei Nahtoderlebnissen nicht die Rede sein.
Diese Menschen haben gewissermaßen das wunderbare Licht Gottes wie von Ferne geschaut, vielleicht so, wie wir einen Regenbogen sehen, staunen und ganz ergriffen ausrufen: „Was für ein herrliches Wunder!“ Doch es ist „nur“ ein entzückendes atmosphärisches Farbenspiel aus Licht, das die Sonne aus 150 Millionen Kilometern Entfernung ausstrahlt: ein Hauch vom Licht jener unvorstellbaren Sonnenglut, in die kein menschliches Auge schauen kann, ohne zu erblinden.
Auch in der Bibel ist oft von „Licht“ die Rede, denken wir nur an die Verklärung des Herrn: „Seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht“ (Mt 17,2). Oder als Saulus dem herrlichen Christus begegnet, „da geschah es, dass mich um die Mittagszeit plötzlich vom Himmel her ein helles Licht umstrahlte“ (Apg 22,6). Als Petrus in Ketten im Gefängnis liegt, „trat plötzlich ein Engel des Herrn ein, und ein helles Licht strahlte in den Raum“ (Apg 12,7). Viele Heilige und Mystiker haben dieses göttliche Licht geschaut und versuchten immer wieder, es zu beschreiben, obwohl es ihnen nicht gelingt.
Die hl. Teresa von Avila – ihre Schilderungen decken sich weitgehend mit dem, was viele Menschen bei einem Nahtoderlebnis erfahren –  schreibt beispielsweise: „Es ist kein Glanz, der blendet, sondern eine wohltuende Weiße und ein von sich aus leuchtender Glanz, der beim Anblicken riesige Wonne verschafft und dabei nicht ermüdet… Es ist ein so ganz anderes Licht, als es die von hier sind, so dass einem im Vergleich zur Helligkeit und zum Licht, die einem vor Augen geführt werden, die Helligkeit der Sonne, die wir sehen, so lichtlos vorkommt, dass man nachher gar nicht die Augen öffnen möchte… Es ist ein Licht, das keine Nacht kennt, sondern, da es immer Licht ist, von nichts getrübt werden kann. Es ist letztlich von der Art, dass jemand mit einem noch so klaren Verstand sich sein Lebtag lang nicht vorstellen könnte, wie es ist“.
Viele Menschen, die fern jeder christlichen Weltanschauung aufwachsen und kaum einen Gedanken an die letzten Dinge des Lebens verlieren, werden heute durch solche Nahtoderlebnisse heilsam berührt und auch wachgerufen. Für viele wird solches Erleben zum entscheidenden Impuls dafür, dem eigenen Leben einen neuen Sinn zu geben und es in Liebe zu leben. Und von daher sind solche Erfahrungen als Geschenke der barmherzigen Liebe Gottes an seine Kinder zu verstehen.
Für uns Christen: Wenn schon das schwache Licht, das diese Menschen sehen und erleben, ganz unbeschreiblich ist und sie so mächtig anzieht, dass der Rückweg ins irdische Leben von solchen Menschen als Qual erlebt wird: wie viel größer, überschwänglicher, herrlicher, ja ganz unbeschreiblich wird das Licht und die Herrlichkeit Gottes sein, die uns Jesus Christus durch sein Leiden am Kreuz verdient hat und die Er uns schenken will, wenn wir in liebender Treue, geduldig und unbeirrt in Seiner Kirche den Weg des Evangeliums weiter gehen, bis auch wir ins Licht gerufen werden!
„Wir verkündigen, wie es in der Schrift heißt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“ (Paulus in: 1 Kor 2,9)

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