VISION 20004/2002
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Säule der Wahrheit

Artikel drucken Die Bedeutung des Petrusdienstes für unsere verwirrten Zeit (Von Weihbischof Andreas Laun)

Der Papst! Wie viele Menschen mag es geben, die angesichts seines Bildes sagen: “Wer ist denn das?" Mag sein, daß immer noch Millionen nichts von ihm wissen. Und doch, kaum jemand auf Erden ist so bekannt wie er. Er ist gegenwärtig, weltweit.

Nur - “für wen halten die Menschen den Papst?" George W. Bush hat ihn vor nicht langer Zeit als die “höchste moralische Autorität der Welt" bezeichnet, und bei manchem seiner Besuche in muslimischen Ländern sprachen sogar Anhänger des Islam von “unserem Papst". Ich glaube, es war in Bosnien, wo ein Muslim zitiert wurde mit dem Satz: “Der Papst gehört doch auch uns!"

Gefragt, wer denn der Papst wirklich ist, wüßten die meisten aber nicht, was sie antworten sollen. Vielleicht ahnen viele mehr und Tieferes, als sie offiziell glauben und sagen können? Vielleicht spüren sie, daß die Autorität dieses Mannes nicht von dieser Welt ist, sie zu nichts zwingen will, sondern einzig an ihr Gewissen und ihre Freiheit appelliert?

Vielleicht wissen sie instinktiv, daß dieser geheimnisvolle “weiße" Mann keine andere Interessen verfolgt als letztlich ihre ureigenen und damit die Interessen Gottes an ihnen? Vielleicht wissen sie insgeheim, daß man sich “so ähnlich" oder “in diese Richtung denkend" Gott vorstellen darf - als einen Vater, der uns liebt?

Für wen aber halten wir Christen den Papst? Nicht für den Weltmeister im Denken, nicht für den Mann mit dem größten IQ, nicht für den Übervater, nicht für einen, der will, daß wir im Kindsein stecken bleiben und ein Leben lang kindisch bleiben. Nein, das alles nicht.

“Er ist doch auch nur ein Mensch", sagen viele, und natürlich haben sie recht. Ja, er ist “nur ein Mensch", “und wie!", könnte man rufen - “nichts so sehr wie ein Mensch" oder “was denn sonst!" Aber - ja, natürlich kommt ein “aber"! - da gibt es noch etwas, über das bloße Menschsein Hinausgehendes: Gott hat ihn erwählt. Wie man die Flügel eines Vogels nicht verstehen kann ohne die Luft zu kennen, so wenig kann man den Papst ohne Gott begreifen. Abgeschnitten von Gott wäre er ein unverständliches Kuriosum.

Die Frage läßt sich nicht unterdrücken: Sind wir nicht alle von Gott Erwählte? Natürlich, und mehr noch: Der Papst ist nicht “erwählter" als ich und du, der “heilige Vater" ist nicht - nur weil er Papst ist - heiliger als irgend ein Mensch, der den Willen Gottes erfüllt.

Dennoch hat Gott ihm neben der allgemeinen Erwählung - nicht: “darüber hinaus", weil das klingt schon wieder nach größerer Nähe zu Gott - eine Gabe von unendlicher Wichtigkeit für uns Menschen und damit für die ganze Welt gegeben: Er ist das Prinzip und das Fundament der Einheit der Kirche (vgl. KKK 882). Was ist der gemeinsame Nenner all derer, die sich zur katholischen Kirche bekennen? Das erste Band der Einheit ist das “Bekenntnis ein und desselben, von den Aposteln überlieferten Glaubens", sagt der Katechismus (815).

Angefangen hat es mit dem Bekenntnis des Petrus zu Christus: Du bist der ,,Messias, der Sohn des lebendigen Gottes". War das die schwärmerisch-verschwommene “Meinung" des Simon? Nein, nein und nochmals nein! Denn: ,,Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel." So ist es also: Das Fundament unserer katholischen Einheit kommt nicht “aus dem Bauch", nicht aus der Welt der Gefühle, der Kraft unseres Denkens und ist nicht Resultat einer Abstimmung. Es kommt von Gott, vom Vater im Himmel.

Wenn die Kirche unzerstörbar sein soll, muß es vor allem ihr Fundament sein. Dafür hat ihr Herr und Gründer gesorgt. Erst angesichts der globalisierten Verwirrung und Lüge versteht man die Tragweite dessen, was die Kirche über diese schützende Sorge Gottes sagt (KKK 889): “Um die Kirche in der Reinheit des von den Aposteln überlieferten Glaubens zu erhalten, wollte Christus, der ja die Wahrheit ist, seine Kirche an seiner eigenen Unfehlbarkeit teilhaben lassen. Durch den übernatürlichen Glaubenssinn hält das Gottesvolk unter der Leitung des lebendigen Lehramtes der Kirche den Glauben unverlierbar fest." Bildhaft redet Paulus darüber, indem er die Kirche “Säule der Wahrheit" nennt. Aber wo steht diese “Säule", wie kann man sich an ihr anhalten? Die Kirche selbst nennt die absolut verläßliche Festigkeit der Wahrheitssäule, die sie selbst durch Gottes Geist ist, “Unfehlbarkeit".

Also noch einmal: Wo und wie ist sie zu finden? Wo ist sie auch dem kleinen, nicht gebildeten Menschen erreichbar, so, daß er sich daran halten kann und vom Sog des großen Lügengeistes wirklich nicht mitgerissen wird? Wo ist die “Adresse", von der man die rettende, klärende, verläßliche, eben unfehlbare Wahrheit Gottes “herunterladen" und abspeichern kann ins eigene Leben hinein?

Die Antwort lautet: “Dieser Unfehlbarkeit erfreut sich der Römische Bischof, das Haupt des Kollegiums der Bischöfe, kraft seines Amtes, wenn er als oberster Hirt und Lehrer aller Christgläubigen, der seine Brüder im Glauben stärkt, eine Lehre über den Glauben oder die Sitten in einem endgültigen Akt verkündet... Die der Kirche verheißene Unfehlbarkeit wohnt auch der Körperschaft der Bischöfe inne, wenn sie das oberste Lehramt zusammen mit dem Nachfolger des Petrus ausübt..."

Hier müßte der Leser “Fidelio" auflegen und der Musik unmittelbar nach der Rettung des Florestan lauschen - und wenn er verstanden hat, wovon die Rede ist, sollte er vor Freude in Tränen ausbrechen, in Tränen der Freude, und sich ihrer nicht schämen, nicht im g eringsten!

Was ist also der Papst? Man könnte sagen: Er ist der erste Sprecher dieser “Säule der Wahrheit", die nicht aus Steinen, sondern aus menschlichem Fleisch und Blut besteht und doch nicht zerstörbar ist. Brauchen wir den Papst? Man öffne die Augen und sehe das Werk des großen Lügengeistes und Verwirrers, des Diabolos: Er führt die Menschen in die Irre und bringt sie dazu, ihre Verblendung für Erkenntnis zu halten, das Gute böse und das Böse gut zu nennen - und danach zu handeln.

Millionen bringt er unter das Joch der “öffentlichen Meinung", die da sagt: Es ist gut für euch, nützlich und notwendig, eure eigenen Kinder zu töten, die Zeugung in die Hand der Technokraten zu legen, die Beziehung von Männern der Ehe gleichzustellen und auch sonst jede Lust zu “befreien". Immer hat er Professoren und Fachleute zur Hand, die mit einschmeichelnder Seriosität bestätigen: “So ist es, nur so darf es sein - wehe dem, der anders denkt und sich so als Feind der Menschen outet!" Ahnungsvoll schreibt J. Roth: Darin wird der Antichrist erkennbar, “daß er gerade das im Wesen Edle in Gemeines verwandelt. Es ist ja gerade der Sinn seines Daseins und Treibens, das Heilige zu schänden, das Erhabene zu erniedrigen, das Rechte zu verkehren, das Schöne zu verunzieren."

Auch der Ungläubige müßte angesichts dieser Erfahrungen sagen: Wenn es sie nur gäbe, diese Säule der Wahrheit, von der ihr Katholiken redet! Dennoch gibt es Menschen, die das nicht glauben. Ich verstehe sie - aber nur, wenn sie dabei in Tränen der Verzweiflung ausbrechen wie ein Bettler, der zunächst glaubt, einen Diamanten gefunden zu haben, aber hören muß, was er in Händen hat, sei nur wertloses Glas.

Schlechthin unbegreiflich sind die, die ihren Unglauben mit Häme und Spott begleiten, weil sie froh sind, daß es die “Säule der Wahrheit" nicht gibt. Der geschenkten Wahrheit von oben ziehen sie die eigene Lüge, den Irrtum vor.

Sie sind, sagt Jesaja, “ein trotziges Volk, mißratene Söhne, Söhne, die auf die Weisung des Herrn nicht hören. Sie sagen zu den Sehern: Seht nichts!, und zu den Propheten: Erschaut für uns ja nicht, was wahr ist, sondern sagt, was uns schmeichelt, erschaut für uns das, was uns täuscht. Weicht nur ab vom rechten Weg, verlaßt den richtigen Pfad, laßt uns in Ruhe mit dem Heiligen Israels!"

Neulich schrieb mir ein Mann: “Zu meinem Glauben gehört auch das Vertrauen auf das Wort des Herrn, er werde immer seiner Kirche und seinem Stellvertreter auf Erden zur Seite stehen.

Er hat den heiligen Petrus trotz aller menschlichen Begrenztheit mit umfassenden Vollmachten ausgestattet, damit er in der Lage ist, das Volk Gottes zu führen. Petrus sollte die Stellvertretung Christi in der Kirche wahrnehmen und die personale Integration der Kirche sein. Daß diese Festsetzung nur für den Heiligen Petrus und nicht für seine Nachfolger gelten sollte, ist für mich aber nicht einsehbar... Ich weiß mich mit der Kirche und dem Träger des Petrusamtes zutiefst verbunden."

Wer ist der Papst? Entweder ist er der Nachfolger Christi auf Erden und Säule der Wahrheit - oder es gibt ihn gar nicht. Angesichts unserer Lage: Gäbe es ihn nicht, müßte man ihn erfinden.

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