VISION 20004/2002
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Mütter wissen am besten, was ihrem Baby guttut

Artikel drucken Ein Plädyoer für die Mütterlichkeit

Viele Mütter kommen in Ihre Ordination. Was hat Sie dazu veranlaßt, deren Lob zu singen?

Edwige Antier: Mutter zu sein, erweckt heute ein ziemliches Unbehagen. In einer von der Psychoanalyse, dem Feminismus und deren Verirrungen geprägten Gesellschaft gehört es zum guten Ton, aus allen Rohren auf die Mütter zu schießen. Der mütterliche Instinkt? - den gibt es nicht. Er könnte die Entfaltung der Frauen bremsen! Großmütter? Die geben doch nur schlechte Ratschläge und sollten sich verdrücken! Das geht so weit, daß ich in meiner Ordination vollkommen orientierungslose Frauen empfange: Sie fühlen sich kritisiert, kaum daß sie sich impulsiv auf ihr Baby stürzen, sind nicht imstande, die leise innere Musik ihres Instinktes zu hören. “Sie nehmen es auf die Arme, kaum daß es weint? Kein Wunder, daß es eigensinnig wird!" “Was, Sie stillen es nicht?"...

Dabei ist die junge Mutter der einzige wahre Spezialist für ihr Kind. Donald W. Winnicott hat es nachgewiesen, und man kann es ihm abnehmen: Besser als jeder andere weiß sie, was ihrem Kind guttut. Mir geht es darum zu zeigen, daß sie für ihr Kind die Beste ist, einmalig, bestimmend, unentbehrlich, weil sie dieses zusätzliche Etwas hat, das sie auf ihr Baby ausrichtet und worüber die Profis nicht verfügen. Dieses Mehr ist der mütterliche Instinkt, dem man unbedingt wieder seine Bedeutung und seinen Wert geben muß.

Was ist der mütterliche Instinkt eigentlich?

Antier: Haben wir Hunger, so essen wir. Sich zu ernähren, entspringt einem Instinkt, einem angeborenen Verhalten, von dem unser Überleben abhängt. In gleicher Weise ist der mütterliche Instinkt ein Antrieb, der die Mutter dazu drängt, für ihr Baby zu wirken, ohne nachzudenken: Er gehört einfach zum Wesen der Frau. Schauen Sie sich doch die kleinen Mädchen an: Von klein auf identifizieren sie sich mit ihrer Mutter, so als dränge sie ein archaisches Gedächtnis zu ihrer zukünftigen Fortpflanzung! Die neuesten Arbeiten der Biologen und der Neurologen weisen die Existenz eines Mutterinstinktes nach und stellen die Theorie von Elisabeth Badinter in Frage, die diesen massiv abgelehnt hat. Die Untersuchungen haben nachgewiesen, daß das Hormon Oxytocin - es tritt nur bei Säugetieren auf - das Hormon des Mutterinstinktes ist: Durch ihre genetische und hormonelle Natur kommt die Frau mütterlich zur Welt.

Die junge Frau, die ein Kind in die Welt setzt, ist von einer wahren Flut von Hormonen und Gefühlen überschwemmt. Instinktiv beginnt sie, den Bedürfnissen ihres Säuglings nachzuspüren: Sie lebt so in Einheit mit ihm, daß sie spürt, wenn er Hunger oder Schmerzen hat, wenn er es braucht, in ihren Armen zu ruhen. Sie tritt mit ihm in eine instinktive Beziehung, die man in den USA “baby talk" nennt, dieses besondere Gezwitscher, das Mutter und Baby wie in einer Art Blase umschließt.

Ist da für die übrige Umgebung überhaupt noch Platz? Ich denke da natürlich an den Vater.

Antier: Im Leib der Mutter war das Kind in der Gebärmutter eingeschlossen, eingerollt. Bei der Geburt “entrollt" es sich, und diese brutale Öffnung ist ihm unangenehm: Instinktiv nimmt die Mutter es an sich und gibt ihm in ihren Armen diese Hülle, die es braucht. Für die junge Mutter zählt nichts anderes als ihr Kind. Dieser Zustand der Regression, der die Umgebung überrascht und oft auch irritiert, ist notwendig. Daher sollte der Besuch in einer Geburtenstation auch nie eine Viertelstunde überschreiten - Mutter und Kind haben es so notwendig, allein zu sein!

Mehr und mehr und den Umständen entsprechend mehr oder weniger rasch wird sich diese Blase öffnen. Das Kind braucht Sicherheit in den Armen der Mutter, und es wird die Welt vertrauensvoll durch dieses verläßliche Schutzgitter entdecken. Der Vater hat da eine wunderbare Rolle zu spielen: Er ist der Schutzraum der Mutter, die sein Kind umfängt. Das ist viel besser, als ein Klon der Mutter zu sein. Er bewahrt seine Gefährtin vor allem, was ihren Frieden mit dem Kind stören könnte. ... Der junge Vater muß da keineswegs eifersüchtig sein, sondern er sollte sich im Gegenteil darüber freuen, einen ergänzenden Schutzmantel für die beiden abgeben zu dürfen. Schön wäre es auch, wenn er die Weiblichkeit seiner Frau, nicht nur ihre Mütterlichkeit, herausstreichen könnte... Durch kleine Geschenke oder Komplimente wird er sie in ihrer Weiblichkeit wiedererstehen lassen.

Wenn man Ihnen so zuhört, meint man, es gebe keine Zweifel an der Existenz des Mutterinstinkts. Das wird bei Frauen, die sich nicht mütterlich fühlen, Schuldgefühle erwecken...

Antier: Stimmt. Manche Frauen spüren diesen Zug zum Kind nicht. Mütterlichkeit erscheint ihnen irgendwie fremd, macht ihnen Angst. Sie müssen erst zu sich selbst finden, ihren Körper wiederentdecken, ihr Baby kennenlernen, bevor sie sich an dieses anpassen können. Diese Mütter mögen beruhigt sein: Wenn so eine Verzögerung bei der Geburt auftritt - die instinktlose Mutter ist jedenfalls eine Seltenheit. Mütterlich zu sein, heißt nicht, die Gluckhenne zu spielen, die auf jeden kleinsten Wunsch eingeht. Es geht darum, auf die Bedürfnisse zu achten. Beobachten Sie sich, befragen Sie ihre Vergangenheit: Der Instinktbereich ist stets vom psychischen Vorleben überdeckt. Eine nicht mütterliche Mutter, familiäre Schwierigkeiten, manche Verletzungen aus der Kindheit behindern die Entfaltung des Mutterinstinktes. Man darf nicht vergessen, daß eine Entbindung die junge Frau mit dem in Beziehung setzt, was sie von ihrer eigenen Mutter mitbekommen hat. Verletzungen aus ihrer Kindheit und Jugend tauchen - manchmal sehr vehement - in diesem Gewitter der Mutterschaft auf. Die jungen Frauen heute gehören aber zu einer Generation, der durch den ganzen Psycho-Trend nahegelegt wurde, ein kühles Urteil über ihre Mutter zu fällen. In meiner langen Erfahrung als Kinderärztin habe ich mitbekommen, wie wichtig die Sanierung der Beziehung zwischen der jungen Mama und ihrer eigenen Mutter ist - sowohl für sie als auch für ihr Baby.

Soll das etwa heißen, daß man sich gut mit der eigenen Mutter verstehen muß, um sein Kind gut zu erziehen?

Antier: Eine Frau, die mit ihrer eigenen Mutter gebrochen hat, ist depressionsanfällig. Wissen Sie, daß eine von fünf Frauen in den ersten drei Monaten nach der Entbindung in einer Depression landet? Und was das Kind anbelangt, besteht die Gefahr, daß es beim Heranwachsen während der stürmischen Zeit der Pubertät diesen Bruch reproduziert. Das Kind braucht die Beziehung zu seinen Großeltern. ...

Ich bewege mich gegen die Zeitgeist-Strömungen, betone aber: Ihre Mutter ist verehrungswürdig, man muß die Verehrung der Mütter, die uns zur Welt gebracht haben, wiederbeleben! Es ist schon gut, wenn man die Freiheit des Wortes, der Kritik hochhält, wenn dies notwendig ist, aber wieviel Scheitern wäre zu vermeiden, wenn man den Respekt vor denen, die uns das Leben geschenkt haben, wiederherstellen würde...

Welche Verantwortung ruht da auf den Müttern! Was müßte sich ändern, damit die Gesellschaft, die Fachleute, die Institutionen sich wohlwollend dem Abenteuer der Mutterschaft zuwenden?

Antier: Ich hatte das Glück viele Jahre in Vietnam und dann in Neukaledonien zu leben. Dort habe ich erfahren, wie archaisch die Mütterlichkeit ist. Was für ein Gegensatz zwischen dem natürlichen und instinktiven Verhalten der Mütter in diesen Ländern und der Starrheit unserer westlichen Prinzipien! Mich bedrückt unsere distanzierte Kultur, die Ersatzlösungen für die mütterliche Anwesenheit schafft. Schauen sie nur die Kinderwagen an, in denen das Baby mit dem Rücken zur Mutter liegt... Oder diese Turngeräte, die das Kind auf ein Spielzeug ausrichten, während seine Mutter anderen Beschäftigungen nachgeht, diese Kinderwiegen, die nicht wiegen... Wir erstarren in der Distanzierung, während die Mütter in vielen Ländern ihre Kinder in ihrer beruhigenden Gegenwart wiegen. Und das macht aus ihnen autonome und selbstsichere Kinder.

Natürlich kann man das nicht einfach auf unsere heutigen Lebensgewohnheiten übertragen. Fangen wir damit an, die mütterliche Empfindsamkeit zu respektieren. Verachten wir nicht jene Frauen, die sich dafür entscheiden, zu Hause zu bleiben, um ihre Kinder großzuziehen, und “nichts tun"! Ohne dabei jenen, die arbeiten, Schuldgefühle zu machen ...

Edwige Antier hat viele Jahre Erfahrung als Familienmutter, sie ist eine bekannte Kinderärztin und Autorin des Buches “Éloge des mères" (Ein Loblied den Mütter). Das Gespräch ist ein Auszug aus dem Interview, das Pascale Albier für “Famille Chrétienne" (Nr. 1271) geführt hat.

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