VISION 20004/2002
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Lieber Bruder Johannes Paul,

Artikel drucken Offener Brief an den Papst

Ich möchte Dir heute auf diesem Weg einen Brief schreiben. In Gedanken habe ich das schon einige Male getan. Aber woher solltest Du die Zeit nehmen, alle Briefe zu lesen, die Du bekommst? Du wirst wohl auch diesen Brief kaum einmal zu Gesicht bekommen. Aber viele Leser von VISION 2000 werden ihn lesen - und viele von ihnen werden in ihrem Herzen sagen: “Ja, so ist es! Das habe ich auch so erfahren!"

Und viele hätten Dir, lieber Bruder Papst, noch vieles andere zu sagen. Für viel möchten sie Dir danken. Aber sie wissen: Für solche Briefe hat der Papst keine Zeit. Also sagen sie es direkt dem lieben Gott und preisen Ihn, daß Er Dich geschaffen hat.

Ich denke mir oft im Stillen: Es gibt wahrscheinlich kaum einen Menschen auf der Welt, der Dich nicht in einem geheimen Winkel seines Herzens bewundert. Irgendwie bist Du für uns alle ein Rätsel, ein Geheimnis. Mit Dir ist etwas in die Kirche und in die Welt gekommen, was vorher nicht da war, von dem man vorher nichts wußte und das nie wieder aus der Welt gehen wird. Es ist wie ein neuer Stern am Himmel, der nun hineinleuchtet in den Tag und in die Nacht der Menschen guten Willens. Es ist wie das Vorausleuchten einer aufgehenden Sonne. Es ist wie ein Sieg, den jene sehen, die Augen haben, um zu sehen. Manchmal kommst Du mir nicht bloß wie ein Felsen vor, sondern wie ein Gebirge, wie ein mächtiges Gebirgsmassiv, auf dem Schnee und Sonne liegen.

Was hast Du bis heute nicht alles gesagt, gelehrt und geschrieben: in unzähligen Ansprachen, Enzykliken und zahlreichen Büchern! Was hast Du nicht alles getan und gearbeitet! Du hast Deine Brüder und Schwestern besucht auf allen Kontinenten der Erde. Du hast ihnen Mut gemacht und ihre Hoffnung entzündet. Du hast Dich immer wieder mit den Jugendlichen der ganzen Welt getroffen. “Ihr seid die Hoffnung des Papstes, ihr seid die Hoffnung der Kirche."

Du hast die Vertreter aller Religionen nach Assisi eingeladen, weil es Dir um den Frieden und die Zukunft der Welt geht: “Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden." (Mt 5,9)

Aber das sind nur die großen, die sichtbaren Dinge. Woher nahmst Du die Zeit für die unzähligen Gespräche mit den Großen dieser Welt, mit vielen Kleinen: für Beichtgespräche in den Kirchen Deiner Diözese, für Besuche bei Kranken, für das Treffen mit alten und behinderten Menschen, für das Gebet? Ich kann nicht alles aufzählen.

Ich möchte aber in diesem Brief von etwas sprechen, das alles, was ich bisher angetönt habe, unendlich übersteigt. Ich möchte vom Größten reden, wovon wir reden können, vom Schönsten, vom Heiligsten. Ich möchte vom Glauben sprechen, von Jesus Christus.

Du kommst aus einem Land der großen Bedrängnis (Offb 7,14). Du hast Unterdrückung gesehen, Entwürdigung, Kerker, Tod. Auch wir kommen aus der Bedrängnis. Auch wenn wir in kein Gefängnis geworfen worden sind, kein Stiefel uns getreten hat, keine Diktatur uns der äußeren Freiheit beraubt hat, so haben wir doch Bedrängnis gesehen, große innere Bedrängnis. Ich meine die Bedrängnis im Glauben. Ich meine die Bedrängnis im Herrn. Ist diese wirklich so viel geringer als jene, die den Menschen äußerlich trifft?

Seit über 100 Jahren stehen wir in dieser Bedrängnis. Seit über 100 Jahren ist ein Krieg im Gange gegen den Glauben, gegen das Bild des menschgewordenen Gottes, “eine offene Kampfansage der langsamen, entfesselten dämonischen Mächte gegen die Oberherrschaft des Göttlichen in Seele und Gesellschaft" (Fr. W. Foerster). Das lebendige Bild des Herrn ist zerrissen und entstellt. Viele, die berufen waren, es heilig und hochzuhalten, ließen es fallen und von den Menschen zertreten. Die dunkle Flut des Nihilismus und des Bösen ist höher gestiegen, als wir es je für möglich gehalten haben.

Keine Finsternis ist mit der Finsternis zu vergleichen, wie wenn dem Menschen der Glaube an den lebendigen und auferstandenen Herrn abhanden kommt, wenn die Saat des Zweifels und der Kritik in seinem Herzen so mächtig aufgeht, daß er daran erstickt.

Hier, Heiliger Vater, entspringt der Quell und der Springbrunnen meines Dankes an Dich. Doch mein Dank ist viel zu groß, als daß es Worte dafür gäbe. Wie oft habe ich in den letzten 20 Jahren solcher Bedrängnis auf Dich geschaut, auf Dich gehört! Ich habe mir jedes Bekenntnis von Dir zum Messias voll Liebe und Sehnsucht angeschaut. Ich habe jedes Deiner Worte wie Edelsteine in meiner Hand umgedreht und ins Licht gehalten.

Ob gelegen oder ungelegen: Du hast Dein Bekenntnis zum Messias hochgehalten. Bei jeder Gelegenheit hast Du Zeugnis gegeben für das Licht (Joh 1,7). Und wie haben mich jene Worte ergriffen, als Du 1989 zu den Jugendlichen in Rose Hill sagtest:

“Wie Petrus, so ist auch der Papst berufen, ein Fels zu sein, um seine Brüder im Glauben zu stärken, trotz seiner persönlichen Schwachheit. Aus diesem Grund besucht der Papst seine Brüder auf der ganzen Welt. Ihr möchtet auch wissen, was mein Herz erfüllt? Im wesentlichen sind es zwei Dinge: die Liebe zu Christus und die Liebe zum Nächsten ... So wie Petrus möchte ich zuallererst Christus lieben. Und dann die Menschen. In welchem Sinn? Warum? Weil dem Menschen an Würde nichts gleich ist, denn der Mensch, der sich selbst bis in die Tiefe verstehen will, muß sich mit seiner Unruhe, Unsicherheit und auch mit seiner Schwäche und Sündhaftigkeit, mit seinem Leben und mit seinem Tode Christus nahen. Dies ist die Liebe, auf die Christus wartet. Dies ist zugleich meine Mission und die der ganzen Kirche: Alles zu tun, damit sich Menschen Christus nähern können."

Diese Mission ist Dir gelungen, Heiliger Vater, an mir und - Gott allein weiß es - an wievielen ungezählten anderen Menschen. Du hast nicht nur Worte gemacht. In Dir hat das Bekenntnis und die Liebe zu Christus leuchtende Gestalt angenommen. Die Liebe zu Christus ist Dein Geheimnis. Und dieses Geheimnis drängt Dich (2Kor 5,14) weiterhin zu den Brüdern und Schwestern bis an die Grenzen der Erde.

Ich bete weiterhin jeden Tag für Dich, Heiliger Vater. Viele Menschen beten für Dich (und ich bitte alle Leserinnen und Leser von VISION 2000, es auch jeden Tag zu tun.). Wenn Du gebeugt und von Schmerzen gequält zu den Menschen gehst, wenn Du Treppen steigst und wankst, wenn Du mit letzter Kraft zu den Menschen sprichst, wenn Deine Füße Dich kaum mehr tragen: Dann beten wir für Dich! Dann leuchtet Dein Geheimnis auf. Dann sehen wir die Liebe, die Dich drängt und immer wieder auferstehen läßt zur Hoffnung. Dann sehen wir den Herrn, der Dein Fels ist und Dich trägt (Ps 18,3).

Ich hätte Dir noch vieles zu schreiben. Aber ich habe Dir vom Schönsten geschrieben, wovon wir Menschen sprechen können. Und vom Schönsten, was Du uns bisher geschenkt hast: Von Deinem österlichen Glauben, von Deiner weltbesiegenden Hoffnung, von Deinem felsenfesten Bekenntnis zum Messias, “daß es nur einen Weg und ein Tor zum Geheimnis der Liebe Gottes gibt, Jesus, der geboren wurde, starb und auferstand, um jedem Menschen das Leben zu schenken." (Angelus, 18.6.2000) Shalom, Heiliger Vater. Der Friede des Herrn sei allezeit mit Dir.

Dein Urs Keusch

Der Autor ist Priester und wohnt in der Schweiz.

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