VISION 20004/2002
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Prophet für unsere Tage

Artikel drucken Johannes Paul II. bereitet den Weg für ein neues Pfingsten (Von Christoph Hurnaus)

Wie kein Papst vor ihm hat Johannes Paul II. in den nunmehr 24 Jahren seines Pontifikates das Evanglium bis an die Enden der Erde getragen. Während seiner 96 Auslandsreisen hat er 1,2 Millionen Flugkilometer zurückgelegt. Niemals zuvor in der Geschichte des Christentums wurde die Frohe Botschaft so direkt und unmittelbar zu den Menschen in die verschiedenen Kontinente getragen.

Ich hatte 1995 die Gelegenheit, bei der Reise des Papstes in der Tschechischen Republik mit dabeizusein. Einen Höhepunkt bildete damals die Begegnung mit vielleicht zwei-, dreitausend Jugendlichen auf dem Berg Svaty Kopecek bei Olmütz. Der Heilige Vater plauderte außer Protokoll fast eine Stunde lang mit den Jugendlichen, die ihm einen begeisterten Empfang bereitet hatten. Diese eindrucksvolle und berührende Begegnung war für mich ein Erlebnis besonderer Art. Es war, wie wenn da ein neues Kapitel moderner Apostelgeschichte aufgeschlagen worden wäre.

Seit diesem Zeitpunkt hatte ich das Glück, den Papst bei seinen zahlreichen Reisen in Mittel- und Osteuropa als Fotograf begleiten zu dürfen. In diesen nunmehr acht Jahren konnte ich ihn als unermüdlichen Apostel erleben, der als authentischer Zeuge des Evangeliums immer wieder neue Wege zu den Herzen der Menschen findet.

Johannes Paul II. wird vor allem als jener Papst in Erinnerung bleiben, der 1979 die Menschen in seiner Heimat bei seinem ersten Besuch in Polen jene Furchtlosigkeit lehrte, die schließlich zum Fall der Berliner Mauer und zum Ende des Kommunismus geführt hat. In nur wenigen Tagen veränderte dieser Besuch damals ein ganzes Land. Johannes Paul II. holte seine Landsleute aus der Mutlosigkeit heraus und vermittelte ihnen jene Grundhaltungen, die zehn Jahre später Europa wieder einen sollten.

Dabei ließ er es jedoch nicht bewenden. Und so besuchte er die Länder, die 1990 die Freiheit neu erlangt hatten, immer wieder, um sie vor den neuen Gefahren des westlichen Materialismus und des Hedonismus zu warnen.

Einen dieser Besuche durfte ich miterleben: seine letzte Polenreise im Jahr 1999. Sie führte ihn an zwölf Tagen in 18 Städte! Von Norden bis Süden verkündete er täglich das Wort Gottes und lockte dabei etwa 20 Millionen seiner Landsleute an. Es war eine Reise der Superlative, selbst in seiner Heimat hätte es niemand für möglich gehalten, daß er nochmals solche Massen mobilisieren würde. Und, wenn nicht alles trügt, war dies nicht seine letzte Heimatreise. Im heurigen August möchte er noch einmal sein geliebtes Polen besuchen.

Wenn man die Berichte von den ersten Reisen seines Pontifikates liest, taucht in all diesen Reiseerzählungen immer wieder die Gestalt des dynamischen Mannes aus Rom auf, der wie ein weißer Blitz mit kräftigen Worten und mit der Art, wie er den Menschen begegnet, die Herzen für sich und die Kirche gewinnt. Wer seine letzten Reisen miterlebt, der sieht einen Mann, der körperlich schwer leidend sich das Letzte abringt, um der Welt, die in vielfältigen Gefahren lebt, die Botschaft der Liebe und Hoffnung zu verkünden. Selbst viele Gläubige verstehen heute nicht, warum sich der alte Papst das alles noch antut. Immer wieder tauchen in den Medien Spekulationen über seinen Rücktritt auf.

Man muß aber die jüngste Reise des Papstes nach Bulgarien erlebt haben: In diesem Land, in dem nur ein Prozent der Bevölkerung katholisch sind, wurde er geradezu euphorisch begrüßt. Jeder, der mit offenem Herzen das anstrengende dreitägige Mammutprogramm des Papstes mitverfolgte, konnte sehen, wie ein Mann, der seinen Kreuzweg geht, unermüdlich der Einheit der Christen zu dienen versuchte.

Daß der Dialog mit der Orthodoxie, die in Bulgarien in zwei große Lager gespalten ist, nicht einfach sein würde, war klar. Doch wie der Besuch zeigte, können einseitige Gesten bei der anderen Seite viel positive Resonanz hervorrufen. Daß auf diese Weise manchmal auch scheinbar festgefahrene Beziehungen zwischen den Kirchen aufbrechen können, zeigte die Gastfreundschaft und Wärme, mit der er von den orthodoxen Mönchen im weltberühmten bulgarischen Rila Kloster empfangen wurde.

Auch das Treffen mit etwa 500 Jugendlichen in der Kathedrale von Plovdiv, bei dem der müde Papst sichtlich wieder auflebte, war ein Erlebnis: Dort stimmte er zwei Lieder, die die Jugendlichen vorher gesungen hatten, wieder an. Einig Teilnehmer waren so gerührt, daß sie ihre Tränen nicht unterdrücken konnten.

Am Tage nach dem Besuch des Papstes erzählte mir Bischof Christo Proykov, Vorsitzender der bulgarischen Bischofskonferenz, eine Episode, die zeigt, daß die körperlichen Leiden des Papstes nichts über seinen Geist, der noch hellwach ist, aussagen. Als Johannes Paul II. die Kathedrale in Sofia besuchte, erinnerte er sich plötzlich an eine Ordensschwester, mit der er während seines ersten Polenbesuches 1979 einige Worte gewechselt hatte. Damals lebte die katholische Kirche in Bulgarien noch in den Katakomben. Obwohl er diese Schwester danach nicht mehr wiedergesehen hatte, fragte er den Bischof: “Wo ist Schwester Maximilliana?". Und es dauerte nicht lange, bis man die erstaunte Schwester, die in der Menge vor der Kirche stand, zu ihm brachte.

Wie in den ersten Tagen, nur akkustisch etwas schwächer, verkündet der Papst auch heute: “Fürchtet euch nicht!" 2000 Jahre, nachdem die Botschaft Jesu erstmals verkündigt wurde, geht dieser Zeuge des Evangeliums seinen Weg von Kontinent zu Kontinent, um ein neues Pfingsten der Liebe einzuläuten.

Erst nach seinem Tod wird die Welt in diesem außergewöhnlichen, unruhigen, manchmal auch störenden Mann ihren Propheten erkennen. Niemand kann heute ermessen, wievielen Menschen er in den Jahren seines Pontifikates nicht nur durch seine Reisen Glaubensstärkung, Hoffnung, Wegweisung und Trost gebracht hat. Sicher ist, daß es ihm gelungen ist, durch die Weltjugendtage in der Jugend jenes Feuer zu wecken, das den Glauben im neuen Jahrtausend neu aufstrahlen lassen wird.

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