VISION 20006/2011
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Europa muss sich für Gott öffnen

Artikel drucken Das Böse durch das Gute besiegen (Papst Benedikt XVI.)

”Gott allein genügt,“ so die heilige Teresa von Avila – eine Erkenntnis, die Europa weitgehend aus den Augen verloren hat. Papst Benedikt XVI. wird jedoch nicht müde, den Völkern Europas in Erinnerung zu rufen, dass es ohne Wiederentdeckung dieser Wahrheit keinen Ausweg aus den vielen Krisen gibt.

Es ist eine Tragödie, dass sich in Europa, besonders im 19. Jahrhundert, die Überzeugung durchsetzte und verbreitete, dass Gott der Gegenspieler des Menschen und der Feind seiner Freiheit sei. Damit wollte man den wahren biblischen Glauben an Gott verdunkeln, der seinen Sohn Jesus Christus in die Welt gesandt hat, damit keiner zugrunde gehe, sondern alle das ewige Leben haben.
Gegenüber einem Heidentum, dem zufolge Gott den Menschen beneidet und verachtet, bekräftigt der Verfasser des Buches der Weisheit entschieden: Weshalb hätte Gott alles erschaffen, wenn er es nicht geliebt hätte, Er, der in seiner unbegrenzten Fülle keiner Sache bedarf? (vgl. Weish 11,24-26). Weshalb hätte er sich den Menschen offenbart, wenn er sie nicht hätte beschützen wollen?
Gott ist der Ursprung unseres Seins und das Fundament und der Gipfel unserer Freiheit, nicht ihr Gegner. Wie kann der sterbliche Mensch sich auf sich selbst gründen, und wie kann der sündige Mensch sich mit sich selbst versöhnen? Wie ist es möglich, dass über diese erste und wesentliche Wahrheit des menschlichen Lebens in der Öffentlichkeit geschwiegen wird? Wie kann das, was im Leben am meisten maßgebend ist, in die bloße Privatsphäre verwiesen oder in den Halbschatten verbannt werden?
Wir Menschen können nicht im Finstern leben, ohne das Licht der Sonne zu sehen. Und wie ist es nun möglich, dass Gott, der Sonne des Verstandes, der Kraft des Willens und dem Magnet unserer Herzen, das Recht abgesprochen wird, dieses Licht anzubieten, das jede Finsternis vertreibt?
Es ist deshalb notwendig, dass der Name Gottes unter dem Himmel Europas freudig wieder erklingt; dass dieses heilige Wort nie achtlos ausgesprochen wird; dass es nie verdreht wird und für ihm fremde Zwecke verwendet wird. Es muss heilig ausgesprochen werden. Es ist erforderlich, dass wir es so im täglichen Leben, im Schweigen der Arbeit, in der brüderlichen Liebe und in den Schwierigkeiten, die die Jahre mit sich bringen, wahrnehmen.
Europa muss sich Gott öffnen, muss ohne Angst heraustreten hin zur Begegnung mit Ihm, muss mit seiner Gnade für die Würde des Menschen arbeiten, die von den besten Traditionen erschlossen worden ist: Neben der biblischen, die diesbezüglich grundlegend ist, sind dies die Traditionen der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit, aus denen die großen philosophischen und literarischen, kulturellen und sozialen Schöpfungen Europas hervorgingen.
Dieser Gott und dieser Mensch sind es, die sich in Christus konkret und historisch kundgetan haben. Diesen Christus können wir auf den Wegen finden, die nach Compostela führen, da auf ihnen stets ein Kreuz ist, das uns an den Kreuzungen empfängt und uns die Richtung weist. Dieses Kreuz, Zeichen der höchsten Liebe, die bis zum Äußersten ging, und deshalb Gabe und Vergebung zugleich, muss unser Leitstern sein in der Nacht der Zeit. Kreuz und Liebe, Kreuz und Licht sind Synonyme unserer Geschichte, weil sich Christus in dieser Geschichte annageln ließ, um uns das höchste Zeugnis seiner Liebe zu geben, um uns zu Vergebung und Versöhnung einzuladen, um uns zu lehren, das Böse durch das Gute zu besiegen.

Papst Benedikt XVI.
Auszug aus der Predigt während der Hl. Messe in Santiago de Compostela am 6.11.2010

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