VISION 20006/2011
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Krise der Kirche – wirklich?

Artikel drucken Gedanken über den „Aufruf zum Ungehorsam“

Freunde aus Frankreich haben vor Kurzem angefragt, was denn in der österreichischen Kirche los sei. Priester hätten zum Ungehorsam aufgerufen. Stimmt das? Meine Antwort: Ja, es stimmt – leider…


Die Mehrzahl der österreichischen Medien hat die Nachricht im Juni mit Freuden aufgenommen: Eine größere Zahl österreichischer Priester und Diakone hatten einen „Aufruf zum Ungehorsam“ verfasst. Den ganzen Sommer über wurden der Appell und dessen Folgewirkungen wohlwollend medial begleitet. Jede Äußerung, jeder Auftritt Pfarrer Helmut Schüllers, des Initiators des Appells, gab Anlass zu Berichterstattung und Kommentaren. Langsam, aber sicher entstand der Eindruck, die Katholische Kirche sei in eine tiefe Krise geraten. Verunsicherung griff bei vielen Gläubigen um sich.
Obwohl wir das Thema ursprünglich nicht behandeln wollten, sei diesmal doch kurz darauf eingegangen.
Da ist zunächst der Aufruf selbst. Sieben Punkte werden angeführt. Wer sie liest, erkennt: Alles alte Hüte. Unlängst las ich in Artikeln, die ich vor Jahrzehnten gesammelt hatte: Genau dasselbe Lied: Frauen als Priester, wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion zulassen, Laienpredigt in der Heiligen Messe, ein neues Priesterbild, Laien als Leiter von Pfarren… Kirchenvolksbegehren, Dialog für Österreich, „Wir sind Kirche“ haben dafür gesorgt, dass die Anliegen auf der Tagesordnung blieben. Obwohl die Forderungen sich stets größter medialer Beliebtheit erfreuten, wurde ihre Artikulation jedes Mal als Heldentat von Christen, die die Zeichen der Zeit zu deuten wüssten, gefeiert.
Halten wir fest: Die einschlägigen Themen sind längst von allen Seiten beleuchtet, ausführlich diskutiert – und entschieden worden. Bischofssynoden, päpstliche Erklärungen, der Weltkatechismus, ja Konzilsdokumente machten klar, was die Katholische Kirche zu sagen hat. Nach Jahrzehnten des Diskutierens ist es an der Zeit, das Ergebnis der Debatten zur Kenntnis zu nehmen. Dazu hat die Kirche ja ein Lehramt.
Beginnen wir damit klarzustellen, was die Kirche zum Begriff „Gehorsam“ gegenüber dem Lehramt sagt. Am besten sei das II. Vaticanum zitiert, auf das sich Kirchenreformer ja gerne berufen. Da heißt es in „Lumen Gentium“:„Die Gläubigen aber müssen mit einem im Namen Christi vorgetragenen Spruch ihres Bischofs in Glaubens- und Sittensachen übereinkommen und ihm mit religiös gegründetem Gehorsam anhangen. Dieser religiöse Gehorsam des Willens und Verstandes ist in besonderer Weise dem authentischen Lehramt des Bischofs von Rom, auch wenn er nicht kraft höchster Lehrautorität spricht, zu leisten; nämlich so, daß sein oberstes Lehramt ehrfürchtig anerkannt und den von ihm vorgetragenen Urteilen aufrichtige Anhänglichkeit gezollt wird, entsprechend der von ihm kundgetanen Auffassung und Absicht.“ (LG 25)
Man darf schon die Frage stellen, wie Priester sich rechtfertigen wollen, die dieser klare Forderung des Konzils öffentlich missachten. Die Antwort geben sie selbst in der Einleitung zum Aufruf: Sie seien gezwungen, ihrem „Gewissen zu folgen und tätig zu werden.“
Gut, also lesen wir nach, was die Kirche zum Thema Gewissen sagt. Der Weltkatechismus gibt Auskunft: „Die Erziehung des Gewissens ist eine lebenslange Aufgabe. (…) Bei der Gewissensbildung ist das Wort Gottes Licht auf unserem Weg. Wir müssen es uns im Glauben und Gebet zu eigen machen und in die Tat umsetzen. Auch sollen wir unser Gewissen im Blick auf das Kreuz des Herrn prüfen. Wir werden dabei durch die Gaben des Heiligen Geistes und das Zeugnis und die Ratschläge anderer unterstützt und durch die Lehre der kirchlichen Autorität geleitet.“ (KKK 1784f). Im Klartext: Sein Gewissen am Lehramt vorbei oder sogar im Widerspruch zu diesem zu bilden, ist jedenfalls sicher nicht katholisch.
Und damit sind wir bei einem weiteren Punkt: Der Aufruf zum Ungehorsam ist eindeutig ein schismatischer Akt. Man lese in den kirchenrechtlichen Bestimmungen nach. Im Kodex des kanonischen Rechts heißt es: „Schisma nennt man die Verweigerung der Unterordnung unter den Papst oder der Gemeinschaft mit den diesem untergebenen Gliedern der Kirche.“ (Can 751) Und: „Der Apostat, der Häretiker oder der Schismatiker ziehen sich die Exkommunikation als Tatstrafe zu.“ (Can 1364 §1)
Genaugenommen haben sich die betroffenen Priester durch ihre Handlung selbst aus der Gemeinschaft der Kirche gestellt. Vielen mag das gar nicht be?wusst sein. Daher wäre es gut, es ihnen klarzumachen. Viele würden dann vielleicht ihre Entscheidung revidieren.
Offenkundig haben die Autoren des Aufrufs auch keine wirklich klare Vorstellung von dem, was in der Heiligen Eucharistie geschieht. Das Konzil bezeichnet das eucharistische Opfer nämlich als „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“. Was soll man da denken, wenn im Aufruf Sätze stehen wie: „Wir werden möglichst vermeiden, an Sonn- und Feiertagen mehrfach zu zelebrieren, oder durchreisende und ortsfremde Priester einzusetzen. Besser ein selbst gestalteter Wortgottesdienst als liturgische Gastspielreisen.“ Darf man fragen: Hat jemand der von „liturgischen Gastspielreisen“ spricht, verstanden, was die Eucharistiefeier ihrem Wesen nach ist?
Der Verdacht, dass hier eine fundamentale Unkenntnis vorliegt, verdichtet sich, wenn man im nächsten Punkt liest: „Wir werden künftig einen Wortgottesdienst mit Kommunionspendung als ,priesterlose Eucharistiefeier’ ansehen.“ Priesterlose Eucharistiefeiern gibt es nicht. Haben die „Ungehorsamen“ seit ihrer Weihe vergessen, zu welch großem Dienst sie berufen sind?
Ich überlasse Ihnen, liebe Leser, zu beurteilen, wie solid der Boden unter den Füßen der „Ungehorsamen“ ist. Folgendes aber möchte ich noch anmerken: Wer jemals lebendige Kirche erlebt hat – bei Weltjugendtagen, in Fatima, Lourdes oder Medjugorje, bei Treffen der kirchlichen Erneuerungsbewegungen –, wer mit Menschen gesprochen hat, die sich aus der Ferne kommend zum Glauben bekehrt haben, die erleben, was wirklich betende Menschen bewegt, weiß, dass sich die Zukunft der Kirche nicht an diesen Dauerbrennern entscheidet, sondern am Erfasstwerden von der Schönheit und Wahrheit der Botschaft Jesu Christi.
Und genau das spüren auch die vielen suchenden und vor allem die jungen Leute. Gerade die Jugend ist nicht im Kreis der „Kirchenreformer“ anzutreffen, sondern sie schart sich zu Millionen um den Petrus, den Felsenmann. Sie pilgert zu Tausenden nach Medjugorje, feiert zu Tausenden zu Pfingsten mit den Lorettos in Salzburg. Man trifft sie in Wochentagsmessen in unseren Kirchen und bei der Anbetung…
Sie sind der Humus der Kirche von morgen. Wir Christen in den deutschsprachigen Ländern tun uns noch schwer, das zu erkennen. Aber reden Sie mit Christen aus Afrika, aus dem Libanon, aus Polen oder Korea – und sie werden merken, wie viel Dankbarkeit da über die Kirche und den Papst zum Ausdruck kommt. Daher brauchen wir uns auch nicht um die Zukunft der Kirche sorgen. Sie wird weiter angeleitet von Petrus und an der Hand der Gottesmutter voranschreiten.

Christof Gaspari

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