VISION 20006/2011
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Mein Bruder, der Papst

Artikel drucken Interview-Buch mit Georg Ratzinger

Im Zusammenhang mit dem Papstbesuch in Deutschland ist das Buch „Mein Bruder, der Papst“ im Herbig-Verlag erschienen. Der ältere Bruder Papst Benedikts XVI., Georg Ratzinger, Apostolischer Protonotar und ehemaliger Domkapellmeister in Regensburg, ist ein sehr rühriger, unglaubliche Herzenswärme ausstrahlender Mensch, weshalb es große Freude macht, seinen Ausführungen zu folgen. Es gibt keinen Menschen, der den Papst besser kennt als er. Noch heute haben die beiden Brüder ein überaus herzliches Verhältnis, sie telefonieren jeden Tag und machen gemeinsam Urlaub. „Als Brüder waren Joseph und ich ein Herz und eine Seele. Wir haben uns natürlich gestritten und gerauft, aber im Großen und Ganzen waren wir unzertrennlich und das blieb ein ganzes Leben lang so“, erzählt Georg Ratzinger.
Das, was Georg Ratzinger berichtet, kommt aus seinem tiefsten Herzen, besonders die Darstellung des ganz einfachen Lebensstils und der besonderen Frömmigkeit der Familie Ratzinger. Sie war ein Schlüsselmoment für den Wunsch Georg und Joseph Ratzingers, Priester zu werden. So betont Georg Ratzinger insbesondere, dass die Familie regelmäßig den Rosenkranz gebetet, das tägliche Tischgebet gepflegt und das Beichtsakrament sehr ernst genommen hat.
Vater Joseph Ratzinger, von Beruf Gendarm, war Mitglied der Marianischen Männerkongregation, einer Bruderschaft aus Altötting, die die Verehrung der Gottesmutter als zentrales Anliegen hatte. Die Mutter, Maria Ratzinger, war ebenfalls eine große Marienverehrerin. „Diese gelebte und praktizierte Frömmigkeit hat unser ganzes Leben bestimmt, …“ stellt Georg Ratzinger fest.
Aber er äußert auch tiefe Sorgen angesichts der Tatsache, dass der Glaube heute vielfach abhandengekommen ist. In dem Buch heißt es: „Ich bin überzeugt, dass das Fehlen dieser traditionellen Frömmigkeit in vielen Familien auch ein Grund dafür ist, weshalb es heute zu wenig Priesternachwuchs gibt. Viele Menschen praktizieren in unserer Zeit eher eine Form des Atheismus als den christlichen Glauben.
Sie mögen irgendwo eine Art Rest-Religion pflegen, sie gehen vielleicht noch zu den großen Kirchenfesten in die heilige Messe, aber dieser rudimentäre Glaube durchdringt längst nicht mehr ihr Leben, er kommt in ihrem Alltag nicht zum Tragen.“
Ein einschneidendes Erlebnis für Georg und Joseph Ratzinger war der 2. Weltkrieg. Eine solche Brutalität hätten sie sich nicht vorgestellt. Sie hätten auch buchstäblich dem Tod ins Auge gesehen, so Georg Ratzinger. Dies habe sie umso mehr in ihrer Absicht bekräftigt, Priester zu werden. Auf Grund dieser Tatsachen ist dieses Buch, das in Folge eines zehnstündigen Gesprächs im Mai 2011 mit dem Düsseldorfer Sachbuchautor und Historiker Michael Hesemann entstanden ist, ein großer Gewinn für den Leser. Ziemlich niedergeschlagen sei er gewesen, dass sein Bruder Papst geworden ist, bekundet Georg Ratzinger weiterhin sehr freimütig. Er beschreibt, wie die Papstwahl die Pläne für einen gemeinsamen Ruhestand plötzlich zunichte gemacht hat
Als herausragendes Ereignis wird im Buch schließlich die Feier des gemeinsamen Diamantenen Priesterjubiläums, das Georg Ratzinger und sein Bruder Papst Benedikt am 29. Juni dieses Jahres begingen, beschrieben.
Papst Benedikt XVI. war nur daran gelegen, dass er in dem Buch – es enthält 40 Fotos aus dem Leben Joseph Ratzingers, viele aus Kindheit und Jugend – nicht zu sehr in den Mittelpunkt gestellt wird, hat aber sonst dem Verlag freie Hand gelassen.

Christian Dick
Mein Bruder, der Papst. Von Georg Ratzinger und Michael Hesemann, Herbig Verlag, 272 Seiten, 20,60 Euro

Diese und andere Bücher können bezogen werden bei: Christoph Hurnaus, Waltherstr. 21, 4020 Linz, Tel/Fax: 0732 788 117; Email: hurnaus@aon.at

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