VISION 20006/2011
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Man kann Gott nicht einfach ausblenden

Artikel drucken Über die tiefen Wurzeln der Krise

Zuerst die Finanzkrise in den USA, dann die Probleme mit Griechenland, die weit verbreitete Überschuldung der öffentlichen Haushalte, der sich abzeichnende Konjunktureinbruch. Was passiert da eigentlich?

Von einer gewissen Warte aus betrachtet, ist all das nichts Neues unter Sonne: die Probleme der öffentlichen Verschuldung, der Steuern, der Steuerflucht, der Streiks, der Arbeitslosigkeit, der fallenden Börsenkurse. Das ist seit langem bekannt. Mit all dem sind die Menschen immer wieder konfrontiert worden. Man tut gut daran, sich daran zu erinnern, dass das – allzu – menschliche Projekt, in dieser Welt ein perfektes System zu errichten, in dem es allen gut geht und alle mit der Regierung zufrieden sind, wo es Reichtum für alle gibt und alles wie am Schnürchen klappt, dass es so ein Projekt – seien wir ehrlich – nicht geben kann.
(…) Darüberhinaus muss man jedoch zugeben, dass in dem, was jetzt geschieht, etwas ganz Neues in Erscheinung tritt: Wir sind in eine Ära großer kollektiver Unsicherheit eingetreten. Viele Sicherheiten, auf die sich die Menschen des 20. Jahrhunderts verlassen hatten, sind weggeschmolzen wie Schnee an der Sonne. (…) Die Ideologien aus dem 19. Jahrhundert, vor allem der Kommunismus in all seinen Varianten, wurden weggefegt. Auf den Trümmern dieser Greuel dachte man, eine neue Welt errichten zu können, eine, die auf einem einzigen politischen und moralischen Prinzip basieren sollte: der Freiheit. Eine freie Gesellschaft würde auch eine reichere sein und daher auch ein glücklichere – eine suggestive, faszinierende These, weil die Sehnsucht des Menschen nach Freiheit und Glück in seine Natur eingeschrieben ist.
Was jetzt geschieht, macht aber unübersehbar deutlich, dass diese These falsch ist, nicht nur aus wirtschaftlicher, sondern aus anthropolotischer Sicht. Daher kommt es zu einer Reihe von negativen Folgen, deren Rechnung die moderne Welt jetzt präsentiert bekommt.
Viele hatten gedacht, dass die Marktwirtschaft den Gegensatz zum Marxismus darstellt, ohne sich bewusst zu machen, dass beide eine gemeinsame Wurzel haben: Sie reduzieren den Menschen auf seine wirtschaftliche und materielle Dimension. Trotz der unterschiedlichen Vorstellungen, wie das Ziel zu erreichen sei, gingen beide Systeme von der Vorstellung aus, das Heil stelle sich mit wachsendem Bruttonationalprodukt ein. Der kommunistische Zugang erwies sich als Fehlschlag, der liberale als viel funktionaler. Letztlich aber müssen beide Systeme für den prometheischen und antikatholischen Grundirrtum büßen, der ihnen zugrunde liegt: Gott und das ewige Leben aus der Mitte zu entfernen und alle Anstrengungen darauf zu konzentrieren, eine Welt voller Nützlichkeit und Vergnügen zu bauen. (…)
Unsere Gesellschaft ist im Grunde genommen der – teilweise gelungene – Versuch, in einem riesigen Vergnügungspark zu leben, in dem die alten moralischen Regeln der 10 Gebote durch die scheinbar aseptischen Regeln von Angebot und Nachfrage ersetzt wurden. Eine Zeit lang hat dieses Spiel funktioniert. Aber jetzt dürfte es kaputt gehen. Unglücklicherweise scheinen die Ökonomen, die Bankleute, die politischen Führer nicht imstande, den Fehler zu finden, um ihn zu reparieren. So wird auf Sicht navigiert – ohne viel Hoffnung.
(…) Es ist in der Kirche nicht üblich, mit millenaristischen oder apokalyptischen Begriffen zu argumentieren und daher bewahren wir auch im jetzigen Engpass der Geschichte Ruhe und Vorsicht. Dennoch befindet sich die Welt von heute zweifellos nicht nur in einer wirtschaftlichen, finanziellen Krise, sondern vor allem in einer moralischen.
Die schwerwiegenden Argumente dafür sind so zahlreich und bekannt, dass es sich erübrigt, sie aufzuzählen. Es wäre ja auch wirklich zu erstaunlich, wenn eine so korrupte, so allgemein sich gegen Gott und dessen Gesetze auflehnende Menschheit im Wohlstand und in der Freude leben würde. Ein Leben gegen die Natur erzeugt eben Ungeheuer und zerstört letztlich das gesellschaftliche Zusammenleben. Es gibt da die Passage aus dem 2. Timotheus-Brief, in dem der Apostel Paulus mit eindrucksvoller Präzision die Welt, in der wir leben, zu fotografieren scheint:
„Das sollst du wissen: In den letzten Tagen werden schwere Zeiten anbrechen. Die Menschen werden selbstsüchtig sein, habgierig, prahlerisch, überheblich, bösartig, ungehorsam gegen die Eltern, undankbar, ohne Ehrfurcht, lieblos, unversöhnlich, verleumderisch, unbeherrscht, rücksichtslos, roh, heimtückisch, verwegen, hochmütig, mehr dem Vergnügen als Gott zugewandt. Den Schein der Frömmigkeit werden sie wahren, doch die Kraft der Frömmigkeit werden sie verleugnen.“
Wie kommen wir aus dieser Krise heraus? Überlassen wir den Politikern und Ökonomen die schwierige Aufgabe technische Auswege zu finden. Wir aber wissen, dass in einer Welt, wie sie Paulus beschreibt, keine gesunde Wirtschaft möglich ist. Daher ist die einzige wahre Lösung, zu einer wirklich katholischen Sicht des Lebens zurückzukehren.
Fangen wir neu an, die persönlichen Tugenden zu pflegen. Sie können vom Staat nicht ersetzt werden. Vor allem aber wenden wir uns einem intensiven Glaubensleben zu, gestützt auf die sicheren Pfeiler der Eucharistie und der Gottesmutter, von denen Don Bosco in seinem berühmten Traum spricht. Wenden wir uns der Katholischen Kirche zu, ohne theologische Spitzfindgkeiten, ohne hohles Wortgeklingel und der Erwartung, dass das Heil von den anderen oder den demokratischen Einrichtungen kommt.

Mario Palamaro
Auszug aus dem Artikel „Ma che cos’ è questa crisi?“ in „il Timone“, Sept.-Okt 2011

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