VISION 20006/2011
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Die heilige Mary MacKillop

Artikel drucken Botschaft an uns (Von Dom Antoine Marie OSB)

Mary MacKillop wurde am 15. Januar 1842 als Tochter schottischer Einwanderer in Fitzroy bei Melbourne geboren. Australien war da bereits seit mehreren Jahrzehnten Aufnahmeland für eine wachsende Anzahl von Immigranten, vor allem aus Großbritannien und Irland.

Mary wuchs unter schwierigen Bedingungen auf: Der fehlende Sinn ihres Vaters für das Praktische, die bisweilen überzogenen Ansprüche ihrer Mutter und die Geburt vieler Geschwister belasteten sie sehr. Als junges Mädchen ritt sie voll Übermut die wildesten Pferde zu, und es machte ihr Spaß, Rinderherden zu treiben; sie war dennoch ein Mädchen wie alle anderen und ging gern zum Tanz. 1860 holte sie ein Onkel als Gouvernante für seine kleinen Söhne zu sich; diese bestätigten im Nachhinein ihren segensreichen Einfluss: „Man konnte Mary nicht mit einer schlecht gemachten Arbeit kommen; den Blick, den sie einem dann zuwarf, vergaß man nicht so schnell.“ In dieser Zeit lernte Mary P. Julian Tenison Woods kennen, der in Australien eine Kongregation von Schulschwestern gründen wollte, um eine passende Erziehung für junge Katholiken anbieten zu können. Mary fühlte sich ohnehin zu einem gottgeweihten Leben berufen, und die Begegnung mit P. Woods war entscheidend. 1866 eröffnete sie zusammen mit zwei ihrer Schwestern eine Schule in Penola (Südaustralien) unter der Leitung von P. Julian.
Im Jahr darauf wurde dieser nach Adelaide berufen, um dort den neuen Bischof zu unterstützen: Seine Versetzung war eine glückliche Fügung, denn nun konnte auch das neue Institut in der Hauptstadt Südaustraliens Fuß fassen. Mary – sie nahm den Ordensnamen Schwester Mary of the Cross (Maria vom Kreuz) – und ihre Gefährtinnen legten ihre Gelübde am 15. August ab; das war die Geburtsstunde der ersten australischen Ordenskongregation, der „Sisters of St. Joseph of the Sacred Heart“ (Schwestern des heiligen Josef vom Heiligen Herzen). In einem Brief an ihre Mutter äußerte sich Schwester Mary begeistert über ihr neues Leben: „Welches Glück dürfte Euch der Gedanke bereiten, dass einige Eurer Kinder als Ordensleute Gott dienen wollen... Bedenke, liebe Mama, wie viel Arbeit zu tun ist und wie wenige Menschen sie erledigen, und danke Gott dafür, dass Er einer Deiner Töchter gestattet hat, für Ihn zu arbeiten.“
Gott sandte dem Institut zahlreiche Neuberufene; bald trafen aus allen Landesteilen Anfragen um die Entsendung von Ordensschwestern für den Schulbetrieb ein. 1869 zählte das Institut bereits 70 Mitglieder; die meisten waren Lehrerinnen an rund 20 Schulen in Adelaide sowie an anderen Orten der riesigen Diözese. Daneben widmeten sich die Schwestern auch der Betreuung von Alten, Behinderten, Waisen, Obdachlosen und gefährdeten Mädchen.
Für Schwester Mary und ihre Gefährtinnen mussten Erzieherinnen ihre Aufgabe nach dem Vorbild des heiligen Josef im Geiste unbedingten Vertrauens auf Gott erfüllen: „Unsere Schulen sind schlicht, aber strikt und rein katholisch und einzig für die Armen da. Die Schwestern, die sich um diese Schulen kümmern, sind ebenfalls schlicht und arm an weltlichem Wissen. Sie widmen sich nur deshalb der Erziehung, weil sie durch ihren glorreichen Patron, den heiligen Josef, auf Gott vertrauen, um die für ihre Arbeit erforderlichen Mittel zu erhalten.“
1867 legte P. Julian die Grundgesetze des Instituts schriftlich nieder; sie wurden im folgenden Jahr vom Bischof gebilligt. Im Dezember 1869 gründeten die Schwestern ein Haus in Brisbane in Queensland. Doch schon bald kam es dort zu Schwierigkeiten. Mutter Mary schrieb an P. Julian: „Wir fühlen uns alleine; kaum jemand denkt an uns, es gibt kein freundliches und vertrautes Herz, das uns zu Hilfe kommt; doch nein, Pater, ich irre mich! Wir haben doch eins. Sie wissen, dass wir das Heiligste Herz Jesu haben, jenes Herz, das über allen anderen steht...“
In Mutter Marys Abwesenheit verschärfte sich die Situation in Adelaide: Eine Gruppe von Diözesanpriestern lehnte das neue Institut ab und forderte dessen Auflösung. Für die Klagen gegen die Schwestern zeigte sich Bischof Sheil zunächst wenig empfänglich: Er hatte sie ja selbst eingesetzt. Doch nach und nach konnten ihn die Unzufriedenen auf ihre Seite ziehen; ihre Beschwerden betrafen im Wesentlichen die Weigerung der Schwestern, staatliche Finanzierung zu akzeptieren, sowie die angeblich mangelnde Eignung einzelner Schwestern für das Lehramt. Bischof Sheil ließ sich überzeugen, dass er die Grundgesetze ändern müsse, und wollte seinen Willen schließlich unter Überschreitung seiner Befugnisse durchsetzen.
Das konnten die Schwestern nicht hinnehmen. In der Tat dürfen nach dem Kirchenrecht die Grundgesetze einer anerkannten religiösen Kongregation nicht ohne die Zustimmung des Generalkapitels geändert werden. Angesichts der Weigerung Mutter Marys griff Bischof Sheil zu einer extremen Maßnahme und exkommunizierte sie am 22. September 1871 in Gegenwart des Konvents. Die Schwestern ließen sich daraufhin fast einmütig lieber von ihren Gelübden entbinden als die Grundgesetze zu akzeptieren, die der Bischof ihnen aufzwingen wollte. Innerhalb weniger Tage mussten sie ihre Ordenstracht ablegen, die Stadt verlassen: Die Kongregation existierte nicht mehr.
Nachträglich beschrieb Mutter Mary ihre Gefühle in dem Augenblick, als der Bischof vor mehreren Priestern die Exkommunikation über sie verhängte, so: „Ich empfand so viel Liebe, ... eine Art Ehrfurcht vor dem Urteil, das mit solchem Impetus gegen mich verkündet wurde. Ich weiß nicht, wie ich das Gefühl beschreiben soll, aber ich war durch und durch glücklich und fühlte mich Gott näher denn je.“ Mutter Mary wurde von befreundeten Familien aufgenommen und von einer Jesuitengemeinschaft moralisch unterstützt; um Ärger zu vermeiden, durfte sie allerdings keinen Kontakt zu den Schwestern unterhalten und musste, so schwer es ihr auch fiel, weltliche Kleidung tragen.
Im folgenden Februar erkrankte Bischof Sheil schwer. Kurz vor seinem Tode sah er ein, dass er schlecht beraten gewesen war und hob das Urteil gegen Mutter Mary auf. Zum Fest des heiligen Josef am 19. März 1872 konnten die Schwestern zu ihrer großen Freude die Ordenstracht wieder anlegen. Für Mutter Mary kam die positive Lösung der Situation einem Sieg gleich. Doch sie brach darüber nicht in Jubel aus, denn sie machte sich keine Illusionen über die Zukunft: „Mein Weg wird immer der Weg des Kreuzes sein. Ich will es nicht anders, und ich liebe und lobe den sanften Willen, der mir meine Ration zuteilt.“
Am 28. März 1873 brach Mutter Mary nach Rom auf, um für ihre Kongregation die Approbation des Heiligen Stuhls zu beantragen. Sie verließ Europa erst, nachdem sie mehrere Länder besucht und sich über die besten Unterrichtsmethoden informiert hatte. Nach ihrer Heimkehr berief sie das Generalkapitel der Kongregation für den 19. März 1875 ein, um alle über die Entscheidung Roms zu informieren: Die Kongregation wird vom Heiligen Stuhl anerkannt, wenn im Gegenzug einige Änderungen in der Lebensführung der Nonnen vorgenommen werden.
Wie Mutter Mary vorhergesehen hatte, gab es trotz der Unterstützung aus Rom reichlich Schwierigkeiten. Der neue Bischof von Adelaide, Reynolds – einst ein großer Unterstützer der Schwestern –, ließ sich weismachen, Mutter Mary sei ihres Amtes unwürdig. Er maßte sich das Recht eines Vorgesetzten an und verwies Mutter Mary der Diözese von Adelaide. Sie zog nach Sydney, wo sie vom Erzbischof, Kardinal Moran, herzlich aufgenommen wurde; er sollte ein Freund und Beschützer des Instituts werden. Der Kardinal wurde bald vom Heiligen Stuhl beauftragt, die Vorwürfe Bischof Reynolds gegen die Gründerin zu untersuchen.
In einem Brief an die Schwestern bewies Mutter Mary eine bewundernswerte Hochachtung und Nachsicht dem Bischof gegenüber: „Wir wollen davon ausgehen, dass alles in guter Absicht geschehen ist, und niemals vergessen, was dieser gute Bischof in der Vergangenheit für uns bedeutet hat; ich brauche bestimmt keine von euch, meinen wahren Töchtern, zu bitten, in diesen schweren Zeiten nie etwas zu sagen oder zu tun, was dem Bischof, seinen Geistlichen oder seinem Volk schaden könnte. Jetzt müssen wir demütiger, geduldiger und barmherziger sein denn je und vergeben ... Aus diesem Schmerz ist viel Gutes erwachsen, und das wird sich weiter fortsetzen.“
Die Vorsehung belohnte die Geduld der Schwestern tatsächlich. Am 25. Juli 1888 bestätigte die römische Kongregation für die Verbreitung des Glaubens die zentrale Leitung des Instituts der Schwestern des heiligen Josef und die Verlegung des Mutterhauses nach Sydney.
Die folgenden Jahre verbrachte Mutter Mary damit, die einzelnen Häuser der Kongregation in Australien und Neuseeland zu besuchen. Im Jänner 1899 wurde sie nach einigen Jahren freiwilligen Rückzugs wieder zur Generaloberin gewählt. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich indes. 1902 erlitt sie einen Schlaganfall, nach dem sie zunächst nicht mehr laufen konnte und am rechten Arm gelähmt war. Mit der Zeit gewann sie ihre Bewegungsfähigkeit zurück. Bald ließen jedoch ihre Kräfte nach, und am 8. August 1909 gab sie ihre Seele an Gott zurück. Heute leben etwa 1.000 Schwestern des heiligen Josef verstreut in Australien, Neuseeland, im östlichen Timor, Europa und Südamerika.
„Inmitten der unermesslichen Weite des australischen Kontinents ließ sich die selige Mary MacKillop weder durch die große Wüste und den Busch, noch durch die geistliche Wüste, in der sich viele ihrer Landsleute befanden, beirren“, betonte Papst Johannes-Paul II. „Mutig bereitete sie dem Herrn den Weg, unter beschwerlichsten Bedingungen. Auch heute sieht sich die christliche Gemeinschaft mit zahlreichen modernen ‚Wüsten' konfrontiert: den Wüsten der Gleichgültigkeit und der Intoleranz, des Rassismus und der menschlichen Verachtung, der Unfruchtbarkeit des Egoismus und der Gottlosigkeit: der Sünde in all ihren Formen und Ausprägungen, wobei der Skandal der Sünde durch die sozialen Kommunikationsmittel noch gesteigert wird. Wenn die Kirche stets an das Gesetz Gottes erinnert, das in das Herz der Menschen eingeschrieben und im Alten wie im Neuen Testament offenbart ist, so geschieht das nicht aus einem willkürlichen Festhalten an einer überholten Tradition und an verstaubten Ansichten heraus, sondern deswegen, weil der von seinem Schöpfer und Erlöser getrennte Mensch sein Schicksal nicht vollenden und keinen Frieden finden kann.“

Der Autor ist Abt der Gemeinschaft Saint-Joseph de Clairval in Flavigny-sur-Ozerain, Frankreich.

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