VISION 20006/2005
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Ziemlich verunsichert

Artikel drucken Über den Abbau der Unterschiede in der Unisex-Gesellschaft (Von Florence Brière-Loth)

Gesellschaftliche Veränderungen, Feminismus und die Ablehnung von Autorität haben das Leitbild des Mannes verunstaltet. Die Folge: Verunsicherung, ja Identitätskrise bei den Männern. Eine Analyse und die Skizze eines Auswegs.

In den achtziger und neunziger Jahren hat die amerikanische Star-Fabrik dank der Anstrengungen der Schönheitschirurgie der Welt ein neues Modell vorgestellt. Es ist geschlechtslos, keiner Rasse zuzuordnen und es altert nicht: Michael Jackson, eine Puppe in den Händen ihrer Schöpfer. Michaels fulminante Karriere ist der Reflex des Unterbewußtseins einer ganzen Gesellschaft, die zunehmend das Unterscheidende ablehnt - aus Angst. Verweiblichte Männer, kumpelhafte Väter, 60jährige, die sich weigern zu altern: Überall versucht man das Unterscheidende zu verwischen, um sich dem angebeteten Modell des schönen, androgynen und ewig jungen Heranwachsenden anzugleichen.

Aus psychologischer Sicht ist diese Tendenz beängstigend. Simone und Moussa Sabat, ein Psychotherapeuten-Ehepaar, meinen, wir erlebten heute eine Ablehnung der Verschiedenheit, was Zeichen für die psychische und spirituelle Regression der Menschen ist: “Das Unterbewußtsein neigt in Richtung Gleichheit, in Richtung Ablehnung der Unterschiedlichkeit. Das Bewußtsein hingegen sucht die Unterscheidung."

Was die männliche und weibliche Identität anbelangt, steht dabei einiges auf dem Spiel: “Satan greift das Prinzip der Differenzierung an, weil er gegen den Plan Gottes wirkt", stellt Jo Croissant, Autorin eines Buches über die Berufung der Frau, La Femme sacerdotale, fest. “Daher muß jeder seinen besonderen Platz finden."

“Immer wenn Gott schafft, dann trennt Er auch", erklärt Dr. Bernard Dubois von der Gemeinschaft der Seligpreisungen, verantwortlich für die psycho-spirituelle Ausbildung in Château Saint-Luc. “In Genesis schafft Er das Licht, indem Er es von der Finsternis trennt. Als er den Menschen, Adamah, schafft, trennt Er ihn, um ihn als Mann und Frau, Isch und Ischa, zu erschaffen. Immer wenn Gott trennt, geschieht es, damit etwas wachsen kann", setzt Bernard Dubois fort.

(...) In der Beziehung zur Frau schwankt die Identität des Mannes zwischen zwei Bildern: jenem des autoritären Vaters des 19. Jahrhunderts und jenem des unscharfen Profils der Ära nach 1968. Weder das eine, noch das andere sagt der Frau zu: Das erste verwehrt ihr die eigene Existenz. Das zweite versetzt sie in einen Zustand der Verunsicherung, weil sie den Eindruck bekommt, zu dominieren.

Die Frau aber braucht den Mann, braucht seinen natürlichen Schutz, ohne den sie verwundbar ist. “Die Frauen merken, daß ihre Weiblichkeit sie verletzbar macht", erklärt Jo Croissant. “Wenn sie den männlichen Schutz entbehren müssen, entwickeln sie Abwehrmechanismen, durch die sie sich verhärten." Füllt der Mann seinen Platz aus und übernimmt er seine Schutzfunktion, so öffnet er der Frau einen Raum der Freiheit, in dem sie ihre Zerbrechlichkeit als Reichtum annehmen kann: die Zerbrechlichkeit der Mutterschaft, die Zerbrechlichkeit der Sensibilität, usw.

Die Kraft des Mannes, seine Männlichkeit - die nicht nur auf seinem Körperbau beruht - ist eine Lebenskraft. “In der Pubertät hat der Junge manchmal Angst, ein Mann zu werden", stellt Jo Croissant fest, “Angst vor einer Lebenskraft, deren sexuelle Wirkungen ihn erschrecken. Der Mann darf sich jedoch nicht vor seiner Kraft fürchten."

Diese Kraft soll der Mann nach außen wenden und nicht unterdrücken: in der Stimme, in der Gestik, im Auftreten. Wieviele Männer sprechen heute mit stimmloser, sanfter Stimme, auch wenn sie nicht homosexuell sind.

Seine Männlichkeit zu betonen, bedeutet nicht etwa, brutal oder macho zu sein. “Wo immer man eine autoritäre oder gewalttätige Haltung erlebt, ob beim Mann oder bei der Frau, ist das kein Zeichen von Stärke", erklärt Jo Croissant, “sondern ein Zeichen von Schwäche, weil sie einen Mangel an Selbstbeherrschung erkennen läßt."

Für den Mann ist es aber wichtig, daß er sich stark fühlt, also Herr seiner selbst ist. In dieser Hinsicht kann die Frau als “Erzieherin zum Frieden" (Johannes Paul II. in seinem Brief vom 1. Jänner 1995) dem Mann helfen, seine Macht zu läutern, seine Aggressivität und seine mangelnde Fähigkeit zu differenzieren zu beherrschen.

(...) Die allgemeine Gleichbehandlung in jenem Alter, in dem sich die Persönlichkeit bildet, begünstigt die geschlechtliche Differenzierung jedenfalls nicht. “Die Burschen brauchen Betätigungen mit Burschen, die Mädchen mit Mädchen," erklärt Jo Croissant weiter. “So kann sich ihre Besonderheit ausbilden. Je mehr jemand seine Identität festigt, umso größer wird auch sein Wunsch, den anderen zu entdecken. Gott hat uns unterschiedlich geschaffen, damit wir das, was uns fehlt, in einem Akt der Liebe empfangen." Was bleibt denn als Anziehung und Geheimnis bei einem Wesen, das mir allzu ähnlich ist?

(...) Der Vater muß von seinen Kindern als ein von der Mutter unterschiedliches Wesen wahrgenommen werden, nicht nur physisch. Er nimmt einen ganz eigenen Platz ein.

Für Guy Corneau, einen kanadischen Psychotherapeuten und Autor von Père manquant, fils manqué (Fehlender Vater, verfehlter Sohn), muß der Vater eine von den Kindern wahrgenommene Autorität ausüben. “Sich von seinem Vater geliebt zu wissen, bedeutet, erfahren zu haben, daß er einem Aufmerksamkeit geschenkt, sich wirklich für unsere Anliegen interessiert hat, daß er sich bemüht hat, bestimmte Grenzen zu setzen. Es bedarf einer liebevollen Autorität. Sie verhilft zu Wachstum."

(...) “Der Vater ermöglicht zu wachsen", erklärt Bernard Dubois, “indem er die Loslösung von der Mutter erleichtert, indem er die intime Mutter-Kind-Beziehung im dritten Lebensjahr des Kindes beendet und diesem schrittweise ermöglicht, seine Identität und Freiheit zu erlangen." Wie? Einfach, indem er dem Kind nahe ist, mit ihm spielt und zu zweit etwas unternimmt. “Mit seinem Siebenjährigen Kugel zu spielen ist zwar weniger imageträchtig als viele ernste Beschäftigungen (auch im katholischen Milieu), aber sehr oft viel konstruktiver," erklärt Yves, Vater von sechs Kindern. Der Mann muß mit seinem Kind eine Vertrautheit entwickeln, die von der Frau unterstützt werden sollte. “Ab dem vierten, fünften Lebensjahr braucht das Kind seinen Vater sehr," erklärt Dubois. “Wenn sich dieser Übergang von der Mutter auf den Vater reibungslos abspielt, wird es nie zu Problemen der Homosexualität kommen."

Das Geheimnis echter Vaterschaft ist für P. Doze eine Verbindung von Kraft und Respekt: “Eine vollkommene Präsenz, die das Kind in jeder Hinsicht unterstützt, ebenso wie ein totales Zurücktreten, denn der Vater darf nie an die Stelle des Kindes treten, sondern er muß dessen Freiheit respektieren." Das heißt nicht, daß dem Kind die Orientierung vorenthalten wird. Es ist Aufgabe des Vaters, den Kindern das Gesetz nahezubringen.

(...) “In der Bibel hat der Mann eine priesterliche Berufung", erklärt Jo Croissant. “Im Hebräischen wird diese Dimension mit dem Wort ,Zarar' bezeichnet: das Werk Gottes in Erinnerung zu rufen, etwas Vergangenes zu aktualisieren. Dieser Begriff wird mit dem Mann in Verbindung gebracht; er hat die Aufgabe, Kinder mit ihren Wurzeln in Verbindung zu setzen. Im Alten Testament ist das gut zu erkennen."

Joseph war Jesu Nährvater, Ernährer des Leibes und der Seele. Er hat Ihm beide Nahrungen, von denen Kapitel 8 Deuteronomium berichtet, gereicht: das Brot und das Wort Gottes. In der jüdischen wie in der christlichen Tradition ist es der Vater, der die Hausliturgie leitet und die Schrift weitergibt. Weil er über körperliche Kraft, über Autorität verfügt und weil er Grenzen setzt, kann der Vater das Kind auch beschützen.

Das Kind lebt in dem Maß in Sicherheit, in dem der Vater diese Aufgaben wahrnimmt, und so kann es Mut fassen. Jeder kennt diesen bezeichnenden Kinderspruch: Mein Vater ist der stärkste. Ein Vater, der in allem nachgibt, erscheint dem Kind - wenn es ihn so leicht aushebeln kann - nicht als das Bollwerk, das es braucht, um sich in die Außenwelt vorzutrauen.

Florence Brière-Loth

Auszug aus Famille Chrétienne Nr. 903

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