VISION 20006/2005
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Vater zu sein, ist die Berufung des Mannes

Artikel drucken Ein Leitbild, das es wiederzuentdecken gilt (Von Marie-Madeleine Martinie)

Viele Menschen leiden unter den schlechten Erfahrungen, die sie mit dem eigenen Vater gemacht haben. Das erklärt den schlechten Kurswert, den dieses Wort heute vielfach hat. Hier eine Wende herbeizuführen, ist gerade für Christen eine besonders dringende Herausforderung.

Der Vater ist von seinem Sockel gestürzt worden: Zunächst als einer, der das Kind zeugt: Die Empfängnisverhütung erlaubt es der Frau, wenn sie es wirklich will, in dieser Frage die letzte Entscheidung zu haben. Sie entscheidet, ob ein Kind zustande kommen soll. Ein Kind von ihrem Mann oder von einem anderen. Ein Kind, das ohne sexuelle Beziehungen zustande kommt. Ein Kind schließlich, das sie nach eigenem Wunsch behalten oder beseitigen lassen kann.

Der Vater ist auch als einer, der lehrt, vom Sockel gestoßen worden, weil sich die Jugendlichen heute nicht mehr als Erben verstehen. In der westlichen oder verwestlichten Welt gibt es nur wenige, die das, was sie für das Alltagsleben brauchen, lernen, indem sie ihren Vätern zuschauen. Selbst im Bereich der Landwirtschaft trauen sich die Väter nicht mehr ihren Söhnen ein Wissen anzubieten, das als überholt gilt. In fast allen Gesellschaftsschichten studieren Kinder Fächer, die ihre Eltern nicht gelernt haben, haben Zugang zu einem neuen Wissen, das zwar vielfach sehr oberflächlich ist, aber beeindruckt. (...)

Ein weiterer Faktor, der zur Abwertung des Vaters beiträgt: die Verweiblichung des Unterrichtswesens. Daß es da eine Parität von Männern und Frauen gibt, ist sowohl für Knaben wie für Mädchen eine gute Sache. In den letzten Jahrzehnten konnte es jedoch passieren, daß Burschen vom Kindergarten bis zur Matura nur von Frauen ausgebildet wurden. Das zeugt von einem ärgerlichen Ungleichgewicht. Ein weiteres Zeichen der Zeit: die für die Jugend bestimmte Literatur. Es ist arg, daß in vielen Büchern heute die Väter, wenn sie überhaupt anwesend sind, oft eine lächerliche, ja eine widerwärtige Rolle spielen.

(...) Ist es nicht unübersehbar, daß all dies nur Waisen produzieren kann? Waisen, die nicht einmal wissen, daß sie Waisenkinder sind! Ein von den Medien hochgejubelter Gitarrist erklärte einmal im Radio: “Ich möchte in keiner Weise das Abbild des Denkens jener sein, die mir in der Zeit vorangegangen sind."

Der arme Bursche wußte offensichtlich nicht, was er denen, “die ihm in der Zeit vorangegangen waren", alles verdankte: Das Haus, das ihn geborgen hatte, seine Kleidung, seine Gitarre, seine Musik, das Radio, das ihm einen Auftritt gewährte, das Spital, das ihn im Falle einer Erkrankung behandeln würde, die Sprache, die er sprach... all das Früchte des Denkens und der Arbeit früherer Generationen. Oder dachte er, das käme alles aus dem Nichts?

In ganz Europa gibt es Millionen von Jugendlichen, denen man nie gesagt hat, was sie jenen, “die ihnen in der Zeit vorausgegangen waren", verdanken. Wie sollten sie sich da als Erben fühlen? Man hat ihnen in keiner Weise Dankbarkeit eingeflößt, sondern einen allgemeinen Verdacht: wer hervorsticht, kann eigentlich nur ein Heuchler, wer entscheidet, nur ein Profiteur, wer Anweisungen gibt, nur ein Tyrann, wer ohne Gegenleistung aufbaut, nur ein Trottel sein. Wie sollen sie da Respekt haben und lieben? Weil sie nichts respektieren, nichts von dem, was ihnen vorausgegangen ist, lieben, zerbrach ja auch das Band zwischen den Generationen.

(...) Was haben wir Christen über die Vaterschaft zu sagen? Wir haben zu sagen: “Gott ist Vater." (...) Als Katechetin in einem Vorort von Paris während meiner Studienzeit sage ich eines Tages einer Bande lieber Lausbuben: “Gott ist Vater." Einer von ihnen - und alle haben ihn bestens verstanden - ruft daraufhin aus: “Na, dann Sch..." Der Pfarrer hat mich nachher aufgeklärt, daß der Bub mit den aufeinanderfolgenden Liebhabern der Mutter aufgewachsen war. Sein Vaterbild war unheilbar verfälscht.

(...) Das Bild des Vaters - darum geht es, mehr noch als um seine Anwesenheit. Die Zeitschrift Informations sociales hat vor Jahren in einer Ausgabe eine lange Liste herausragender Persönlichkeiten veröffentlicht - vorwiegend Männer, wie mir scheint -, die in ihrer Kindheit den Vater verloren hatten. Eine wichtige Liste, die beweist, daß sich der Sohn auch bei physischer Abwesenheit des Vaters voll entfalten kann.

Die zwei Männer, die ich am meisten geliebt habe, meinen Großvater mütterlicherseits und meinen Vater, hatten selbst den Vater verloren, einer als Zwei-, der andere als Zwölfjähriger. Beide aber hatten einen Onkel, an dem sie Väterlichkeit erleben durften: jene Mischung aus Festigkeit und Zärtlichkeit, ohne die es dem kleinen Mann schwerfällt, sein Gleichgewicht zu finden.

Der leibliche Vater ist wichtig, das stimmt. Jeder Mensch will wissen, woher er kommt. Derjenige, der die Aufgabe des Vaters übernimmt, ist allerdings noch wichtiger. Eines Tages habe ich bei einem Cocktail einen jungen Mann getroffen, dessen Vater ich gekannt hatte, bevor dieser starb, als der Bub sieben Jahre alt war.

“Erzählen Sie mir von meinem Vater! Meine Mutter erzählt von ihm, aber etwas, was von außen kommt, würde mich sehr interessieren." Und wir haben geredet. Beim Weggehen sagte er mir: “Ich habe zwei Väter. Denn für mich ist mein Papa der, der mich aufgezogen hat, der zweite Mann meiner Mutter." Der junge Mann hatte begriffen, was Pagnol geschrieben hat: “Der Vater ist jener, der liebt."

(...) Mögen die Väter, die zwar anwesend, aber so viele außerhäusliche Verantwortungen und Beschäftigungen übernehmen, daß man nur ihr Vorüberrauschen erlebt, ab und zu an den Titel dieses vor kurzem veröffentlichten Buches eines Psychiaters denken: Fehlender Vater, verfehlter Sohn. Sie sollten versuchen, wenigstens von Zeit zu Zeit als Vater gegenwärtig zu sein: um ein Puzzle mit dem jüngsten zu machen, sich vom mittleren beim Tischtennis schlagen zu lassen, mit dem ältesten einen Film anzuschauen, um nachher mit ihm darüber zu reden, einfach gegenwärtig zu sein, um ihnen zuzuhören, und sei es nur ab und zu... Sich zu interessieren für das, was sie interessiert, denn man tritt beim anderen nur durch dessen Türe ein - auch bei den eigenen Kindern.

Nur ein Vater, der die Memoiren von Margreth Thatcher weglegt, um mit seinem Sohn Tim und Struppi zu lesen, kann hoffen, daß ihm dieser später Bücher borgt und ihn um seine Meinung über deren Inhalt fragt.

Einmal hat mir ein Zwölfjähriger gesagt: “Mein Vater und ich, wir haben nicht dieselben politischen Vorstellungen. Aber wir reden darüber." Da dachte ich mir: Was für ein Glück hat doch dieser Bub, daß man ihm nicht sagt: “Sei still, davon verstehst Du nichts!", sondern daß man ihm zuhört und Antwort gibt.

Denn Zuhören bedeutet nicht, alles zu akzeptieren. Der Vater muß nicht vor seinen Kindern auf dem Bauch liegen. Im Gegenteil: Er muß sie anleiten. Aber er muß sie auch dort abholen, wo sie sind, um sie bis dorthin zu führen, wohin sie gehen können - und auf einem Weg, der nicht unbedingt der des Vaters ist.

Sie dort abzuholen, wo sie sind, erfordert, daß man sie kennt. Man kennt aber nur jene, mit denen man etwas unternimmt. Alles, was die Gelegenheit für eine gemeinsame Erfahrung eröffnet, kann die Chance zur gegenseitigen Entdeckung bieten: gemeinsam ein Fußballspiel anzuschauen, ein Konzert anzuhören, einen interessanten Ort aufzusuchen (interessant für den Vater - aber vor allem interessant für den Sohn), ein Schiffsmodell zu bauen, über Felsen zu klettern...

Wer will, daß seine höheren Werte angenommen werden, der muß das Terrain durch ein gegenseitiges Verständnis gut vorbereiten. Es wächst im gemeinsamen Tun, bei einer gemeinsamen Anstrengung, einer gemeinsam erlebten Freude, einer gemeinsamen Erfahrung, für die man Gelegenheiten schaffen muß. Man findet solche, wenn man sich darum bemüht auch dann, wenn man ein sehr beschäftigter, sehr in Anspruch genommener Vater ist.

Für solche Väter hat ein Priester im Yorkshire “Vater und Sohn-Wochen" ins Leben gerufen, in einem Haus in einer wildromantischen Gegend. Dort konnten Väter mit ihrem Sohn oder mit ihren Söhnen gemeinsam wohnen. Wanderungen, schwimmen, Kajak, Tennis, tolle Spiele mit Vätern und Söhnen standen auf dem Programm.

Wer weiß, wieviele Bande zwischen Vätern und Söhnen da geknüpft wurden. Und was konnten die Väter da nicht alles sagen, gerade auch über fundamentale Fragen, über die der junge Mensch einfach von den Erwachsenen etwas erfahren muß: daß Anstrengung Freude und nicht nur Müdigkeit verheißt, daß der Beruf Erfüllung und Dienst, nicht nur eine Beschäftigung ist, daß Liebe Hingabe seiner selbst und Respekt vor dem anderen und nicht nur ein instinktgesteuertes Geschehen - und daß Gott Vater ist. Und weil Er Vater ist, erwartet er etwas von jedem von uns.

Marie-Madeleine Martinie

Auszug aus L'Homme Nouveau" v. 17.7.94

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