VISION 20006/2005
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Franz Stock

Artikel drucken Botschaft an uns (Marie-Gabrielle Leblanc)

Ein deutscher Priester ist hunderten zum Tode verurteilten französischen Widerstandskämpfern in ihrer letzten Stunde beigestanden: Franz Stock, in Frankreich hoch verehrt. Seine Seligsprechung wird betrieben und in einem Brief vom 12. November 2004 von Kardinal Ratzinger, jetzt Papst Benedikt befürwortet.

Als ich nach einer Einvernahme in die Zelle zurückgekommen war, spürte ich, daß jemand anwesend war. Ich öffnete die Augen und sah neben mir einen Priester! Da mein Gesicht blutverschmiert war, wusch er es mir und verband ganz vorsichtig meine Wunden. Dann schaute er mich mit großer Güte an und stellte sich vor: ,Ich bin abbé Stock, der Gefängnisseelsorger.' Er fragte mich: Sind Sie katholisch, mein Sohn?

Ein paar Tage später kam er wieder in meine Zelle, ausgerüstet mit einem Holzköfferchen. Er verdeckte das Guckloch, durch das uns die deutschen Aufseher überwachten und - nachdem er mir die Beichte abgenommen hatte - erteilte er mir die Absolution und reichte mir die Heilige Kommunion...

Wenn er mich nach meinen Eltern fragte, sah ich oft zwei Tränen über seine Wangen laufen. Bei jedem Besuch gab er mir vier oder fünf Brotscheiben und sagte: Sie haben Hunger, mein Sohn, essen Sie!"

Dieses Zeugnis eines Widerstandskämpfers, den die Gestapo 1941 in Fresnes eingesperrt hatte, faßt den Charakter von abbé Franz Stock, einem jungen deutschen Priester, der in den Pariser Gefängnissen wirkte, zusammen: enorme Sensibilität, Leidenschaft für die Seelen und Sorge um das körperliche Wohl, Rücksicht, Respekt und Diskretion, Liebe zu Frankreich, ohne seine Heimat zu verleugnen.

Dem ebenfalls in Fresnes gefangenenen General Cosse-Brissac sagte er eines Tages: “Mein Sohn, in den Augen Gottes gibt es weder Engländer, Deutsche, noch Franzosen. Da gibt es nur Christen. Und ich, der zu Ihnen spricht, bin nur ein Priester des Pariser Bischofs." “Er litt mit uns Leidenden", setzte der Widerstandskämpfer fort. “Wir ahnten, welches Martyrium dieser Mann erlitt, weil er Tag für Tag Greuel miterleben mußte, die das heidnische Regime, das sein Volk unterdrückte, anrichtete."

Wie kam es, daß ein junger deutscher Priester Gefängnisseelsorger in Paris sein und seinen Dienst ausüben konnte, ohne von der Gestapo verfolgt zu werden und ohne mit ihr zu kooperieren?

Franz Stock kam 1904 in Neheim in der Nähe von Paderborn zur Welt. (...) Er war das älteste von neun Kindern einer tiefgläubigen Arbeiterfamilie. Probleme in der Schule - außer in Zeichnen und Kameradschaft. Berufung mit 20, Eintritt ins Seminar mit 21. Ab 1926 mehrere Aufenthalte in Frankreich mit friedensbewegten Gruppen franziskanischer Spiritualität, denen er angehört. “Mein erster Kontakt mit Frankreich fand in der Corèze statt. Seither hat mich dieses Land nicht mehr losgelassen. Ich verdanke ihm einen Großteil meiner spirituellen und literarischen Bildung." 1928 ist er der erste deutsche Student in Frankreich nach dem Krieg. (...) 1932 wird er zum Priester geweiht. Im Jahr darauf warnt er - hoch zu Roß bei einer Veranstaltung - Arbeiter vor den Gefahren des Naziregimes.

Kardinal Verdier, ehemaliger Provinzial der Karmeliten, braucht einen Rektor für die deutsche Gemeinde in Paris. Er erinnert sich an den Studenten Stock und erreicht, daß dieser die Aufgabe übernimmt. Viele Deutsche, Juden und Regimegegner flüchten und lassen sich in Frankreich nieder, wo sie eher Not leiden. Ihnen widmet sich Franz Stock, insbesondere den Juden. So lebt ein Teil seiner Gemeinde gewissermaßen im Untergrund. Rue Lhomond, wo man sich traf, gab es weder Hitlerbild, noch -gruß. Die Kontakte zur Botschaft reduziert Stock auf ein Minimum.

Nach der Kriegserklärung wird er nach Deutschland zurückbeordert, übernimmt aber ab Herbst 1940 wieder seine Aufgaben in Paris und wird zusätzlich Seelsorger in den Gefängnissen Fresnes, La Santé und Cherche Midi. Er dürfte sich freiwillig gemeldet haben, um den Kriegsgefangenen beizustehen. Damit beginnt aber sein Martyrium.

Erstmals mußte er 1940 einen zum Tode Verurteilten zum Galgen führen - eine aufwühlende Erfahrung, die sich 1.200 Mal wiederholen sollte. Er mußte jungen Männern beistehen, die er monatelang geistlich begleitet, körperlich gepflegt und moralisch unterstützt hatte. Und sie wurden von seinen eigenen Landsleuten umgebracht. Viele baten ihn, sich ihnen gegenüber hinter dem Exekutionskommando aufzustellen, damit sie im Augenblick des Todes in ein menschliches Antlitz blicken könnten.

Nach den Hinrichtungen mußte er den Familien die Todesnachricht überbringen. “Oft habe ich den Eindruck, daß ich am Ende bin. Was ich hier erlebe, ist so schrecklich, daß ich Nächte hindurch nicht schlafen kann." “Wie schrecklich sind doch die Menschen!", stellte er immer wieder nach Vollstreckungen fest. “Wie böse sind doch die Menschen! Hat denn die Grausamkeit kein Ende?"

Unerschöpflich war seine Güte. Die tiefen Taschen seines Priesterrocks erlaubten es ihm, einiges ins Gefängnis zu schmuggeln. Um nichts zu vergessen, notierte er: “Zweiter Gang braucht einen Löffel, die Zelle 387 ein Leben Jesu, 311 ein Bild, 299 eine Zahnbürste, 262 wünscht sich Racine, Claudel und Rimbaud, 257 ein Buch über Heilige. Der vierte Gang braucht einen Spiegel, der fünfte Rasierklingen, der dritte eine Schere zum Haarschneiden, die Zellen 261, 153, 394, 393, 501 brauchen Kämme, 110 ein Gebetsbuch."

Abbé Stock war der einzige Seelsorger, der das Vertrauen der Gefangenen - von vornherein mißtrauten sie ja einem deutschen Priester - gewinnen konnte. Er war auch der einzige, der in lebendiger Erinnerung geblieben ist. Seine strahlende Güte, sein Mitleid (er überbrachte unzählige Informationen zwischen Gefangenen und deren Familien) waren es jedoch nicht allein. Er warnte die Gefangenen auch davor, sich bestimmten Geistlichen, die Gestapospione waren, anzuvertrauen. Bei den Beichten wollte er nie wissen, warum jemand verhaftet worden war, um zu verhindern, daß er seinerseits - sollte er gefoltert werden - jemandem schaden könnte. (...)

Da es keinen Rabbiner für die jüdischen Häftlinge gab (vergebens suchte er bei der Gestapo um einen solchen an, was von ihm, der eher ängstlich war, zweifellos Heldenmut verlangt hat), betete Stock mit ihnen Psalmen in der Zelle.

Abbé Stock wußte, daß er überwacht wurde und war dementsprechend vorsichtig. Begegnungen mit Leuten, die im Widerstand tätig waren, wurden als Beichten getarnt. Zornig erlebte man ihn eigentlich nur, wenn jemand um Hitlers Tod betete. “Er haute mit der Faust auf den Tisch und schrie: ,Nein! Mögen Hitler und seine Vassalen die Zeit haben, ihre schlimmen Irrtümer zu erkennen und wiedergutzumachen. Dann erst werden wir sehen, was wir zu machen haben..."

Wie war es möglich, daß die Nazis abbé Stock gewähren ließen? Aus Zynismus waren sie der Ansicht, daß er ihnen die Exekutionen erleichterte, wurden die Verurteilten doch durch seinen Einfluß zu sanften Lämmern. Sie gingen in den Tod und vergaben ihren Henkern; christliche Offiziere drückten sogar dem Kommandanten der Exekutionskommandos die Hand.

Ein umwerfendes Zeugnis läßt das Ausmaß der Bekehrungen erkennen: “Nur keinen Haß auf die, die mich erschießen", schreibt ein junger Widerstandskämpfer drei Stunden vor seiner Hinrichtung an seine Eltern. “Liebt einander, sagt Jesus und der Glaube, zu dem ich wiedergefunden habe. Ich habe meinen Wächtern die Hand gereicht. Gleich kommt der abbé: Riesenfreude. Gott ist gut."

“Monsieur l'abbé, ich möchte Ihnen danken, daß Sie meinem kleinen Roger so knapp vor seiner Hinrichtung zum Frieden verholfen haben", schreibt die Mutter des jungen Mannes, “daß sie ihm den Weg des Heiles in den elf Monaten seines Martyriums eröffnet und uns, seinen Vater und seine Mutter, durch seinen glühenden Glaubenseifer gestärkt haben."

Lange schon standen bei der Résistance abbé Stock und seine Familie auf der Liste jener Personen, die beim Sieg zu beschützen seien. Bei der Befreiung lehnt Stock es ab, nach Deutschland heimzukehren. Er sei ja Spitalseelsorger. Als er sich einmal gerade in La Pitié um schwerverletzte deutsche Soldaten kümmert, erscheint ein Kommando der Befreiungstruppen und will alle niederschießen. Als dessen Kommandant - er ist ein Überlebender von Fresnes - abbé Stock erkennt, stellt er das Spital sofort unter seinen Schutz.

In Cherbourg gerät Franz Stock in amerikanische Gefangenschaft. Abbé Rodhain, ein Freund, der Seelsorger bei den französischen Gefangenen in Deutschland gewesen war, ist nun Leiter der Seelsorge an deutschen Gefangenen. Als die französischen Behörden beschließen, alle gefangenen deutschen Seminaristen zusammenzufassen, damit sie später ihrem Land spirituell zu Hilfe kommen können, fragt man Stock, ob er nicht Leiter dieses “Stacheldraht-Seminars" in Rechèvres bei Chartres werden will. 939 junge Leute wurden so zu “Chartrensern", 630 von ihnen Priester.

Franz rief deutsche Professoren zu Hilfe. Sie wurden freiwillig Gefangene, um das - trotz des Wohlwollens mancher französischer Offiziere - harte Leben ihrer Schüler zu teilen. Erzbischof Roncalli - der spätere Johannes XXIII., damals Nuntius in Paris - kam, um die Kandidaten zu weihen.

1947: Die Gefangenen werden freigelassen und lassen Franz Stock erschöpft zurück. Sein vorzeitig von all den erlebten Scheußlichkeiten geschwächtes Herz hört am 24. Februar 1948 zu schlagen auf. Er ist 44 Jahre alt. Er, der so viele Todgeweihte begleitet hatte, stirbt allein, bevor man ihm die Sterbesakramente reichen konnte.

Stocks Begräbnis leitet Erzbischof Roncalli in Gegenwart von Edmond Michelet, einem Widerstandskämpfer, der später Minister wurde. Dieser würdigte den Verstorbenen als “Erzengel in der Hölle", als einen Märtyrer für die deutsch-französische Freundschaft.

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