VISION 20006/2005
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Eltern von 55 Straßenkindern

Artikel drucken Von der Drogenabhängigkeit geheilt, heiratet Maurizio Paola und beide gründen ein Heim in Brasilien (Von Alexa Gaspari)

Mehr als 5.000 Zuschauer verfolgen fasziniert das Fest der Freude der Gemeinschaft Cenacolo - Szenen aus dem Leben Jesu - im Steinbruch von St. Margarethen. Wunderbar inszeniert, mit tollen Lichteffekten, originellen Einlagen, vor allem mit unglaublich viel Engagement der Laiendarsteller, Mitglieder der Gemeinschaft. Man merkt es am Auftreten der jungen Leute: Sie haben in ihrem Leben die Wunder erlebt, von denen hier die Rede ist, und sie bezeugen dies mit Freude und Dankbarkeit an diesem Abend. Auch Maurizio und Paola, geben in einer Pause öffentlich ein beeindruckendes Zeugnis solcher Wunder in ihrem Leben.

Es sind Wunder, wie sie in der von Schwester Elvira Petrozzi vor 21 Jahren gegründeten Gemeinschaft Cenacolo laufend geschehen: Mit Gottes Hilfe finden in den rund 50 Häusern der Gemeinschaft junge Menschen aus einem Leben in Abhängigkeit (vor allem von Drogen und Alkohol) heraus.

Sehr angetan von dem Zeugnis des Paares bitte ich die beiden nach dem Fest um ein Interview für den nächsten Tag. Pünktlich kommen mein Mann und ich Montag in der Früh in Kleinfrauenheid an. Gott sei Dank kann ich gut Italienisch, denn das Gespräch mit Maurizio Alesso und Paola Celani, ein fesches Paar, wird sich in dieser schönen Sprache abwickeln. Sie beginnen mit einem Ave Maria. Und dann erzählt Maurizio aus seinem Leben.

Er stammt aus einer wohlhabenden Turiner Familie mit fünf Kindern. Materiell fehlt es ihm an nichts. Doch schon sehr früh ist eine Unruhe in ihm. Er sucht das große Glück, jene Freiheit, die von den Medien vorgegaukelt wird. Er meint, sie in einem ausschweifenden Leben, in Dingen, die ihn unmittelbar und rein äußerlich befriedigen, zu finden: dem Moped, der Disco, dem Alkohol, dem leichten Sex, den Modegags. Das große Glück findet er damit nicht, und so versucht er es mit Drogen: Erst mit leichten, dann mit härteren.

Mit den Eltern, vor allem mit dem Vater, gibt es schon seit langem Streit wegen seines lockeren Lebenswandels. Mit 13 läuft er zum ersten Mal von zu Hause weg, mit 14 verläßt er das Elternhaus endgültig und bricht die Schule ab. Auch den Glauben an Gott verliert er zusehends. Als Kind ist er noch aus Tradition mit den Eltern in die Sonntagsmesse gegangen, hatte sich sogar einige Zeit einer kirchlichen Jugendgruppe angeschlossen. Doch das ist nun Vergangenheit.

Die nächsten Jahre lebt der Teenager bei Freunden oder er mietet irgendwo ein Zimmer. Hat er denn Geld? “Ja", erinnert sich Maurizio, “denn neben meinem ausschweifenden Leben am Wochenende, wo ich alles probiert habe, was es zu probieren gab, hatte ich ständig kleinere Jobs, von denen ich leben konnte." Meist arbeitet er als Vertreter. Später besucht er eine Abendschule der Handelskammer.

So lebt er zwei Leben: unter der Woche mit Anzug und Krawatte als Vertreter und zum Wochenende in Diskotheken, wo er sich mit Alkohol, Zigaretten, Drogen und Sex betäubt. Außerdem betreibt er intensiv Sport, Karate, und nimmt an nationalen und internationalen Wettkämpfen teil. Daher verzichtet er unter der Woche auf Drogen und Zigaretten. Weil ihm das zunächst gelingt, ist er überzeugt, die Drogensucht im Griff zu haben. Das ändert sich, als er zum Militär eingezogen wird: Den Leistungssport kann er hier nicht mehr betreiben. Kein Grund also, auf Drogen zu verzichten, die in diesem Milieu leicht zu haben sind. So schlittert er doch in die Drogenabhängigkeit.

Als er mit 21 abrüstet, haben die Jahre, die er mittlerweile ohne jede Moral- und Wertvorstellungen verbracht hat, deutliche Spuren in seinem Leben hinterlassen. Immer öfter vernachlässigt er die Arbeit, dann auch den Sport, denn sein Bedarf an harten Drogen wächst und wächst - bis zu dem Tag, an dem er - wie er heute sagt - Gott Sei Dank eingesperrt wird.

“Ich hatte einen Drogenhändler bei mir, dem die Polizei auf den Fersen war und den sie ausgerechnet in meiner Wohnung aufspüren konnten. Trotz aller Beteuerungen, daß ich nichts mit dem Dealen zu tun hätte, habe ich die gleiche Strafe wie er ausgefaßt: ein Jahr strenge Haft." Ein schlimmes Jahr für Maurizio.

Das hatte folgenden Grund: Maurizios Bruder, ebenfalls drogensüchtig, war damals schon im Cenacolo, um von der Sucht geheilt zu werden. Als nun Maurizio verhaftet wird, wenden sich seine Eltern an Schwester Elvira und diese rät dem Paar folgendes: Weil Maurizio sich dieses Jahr “redlich verdient" habe, solle er es auch “auskosten". Also kein Rechtsanwalt, der ihn heraushaut und keine Besuche der Eltern.

Der Ex-Häftling erinnert sich an diese Zeit: “Es war schlimm: keine Gespräche mit den Eltern, niemand, der mir geholfen hätte, ganz isoliert war ich. Eine harte Wirklichkeit. Doch es war genau das, was ich gebraucht habe, um zur Besinnung zu kommen, um nach jedem Strohhalm zu greifen. Als mir Schwester Elvira zu Beginn dieses Jahres einen Brief geschrieben hatte, um mir für die Zeit nach der Entlassung die Gemeinschaft anzubieten, war ich noch nicht reif für das Angebot. Ich dachte: Das brauch' ich nicht, ich komm' schon allein klar. Doch bald sah ich das anders: Die Verzweiflung wuchs. Und so bin ich, kaum daß ich entlassen wurde, freiwillig zu Schwester Elvira gegangen. Damals war ich 25."

Im Cenacolo sieht Maurizio, wie die Burschen dort beten: “Schwester Elvira," ist seine Reaktion, “das ist nichts für mich. Ich glaub' ja nicht an Gott!" Die Schwester kennt solche Reaktionen seit langem. Ihre Antwort: “Vertrau' mir nur, ich habe genug Glauben auch für dich. Alles, was du brauchst, ist Vertrauen."

“Ja, ich habe die große Gnade bekommen, von Anfang an vertrauen zu können," stellt Maurizio fest und fügt hinzu: “Vertrauen war das einzige, was ich zu meiner Genesung beigetragen habe. Keine Frage: Das ist eines der großen Wunder in meinem Leben."

Schon nach kurzer Zeit in der Gemeinschaft wird ihm bewußt, daß das Leben hier eigentlich genau das ist, was er gesucht hatte: ein einfaches, reines Leben mit Gott, den er nun im Gebet zu finden beginnt. (Tief im Inneren vergraben war da wohl noch etwas vom Kinderglauben erhalten geblieben, denn nichts Gutes geht verloren). Maurizio strahlt mich an: “Ich spürte, wie Gott mir meine Fehler verzieh und mich tröstete und mir sagte, ich sollte mir keine Sorgen machen. Gott schenkte mir viele ,Zuckerln' im Gebet, was ich dringend brauchte. Täglich suchte ich diesen intensiven Kontakt mit Gott. Das ist heute nach 17 Jahren - ich bin jetzt 44 - noch genauso: Ich habe eine starke Sehnsucht nach dieser wunderbaren Begegnung, nicht nur in einzelnen Gebets-Regentropfen, sondern im tiefen Eintauchen ins Gebet."

3,5 Jahre bleibt der junge Mann in der Gemeinschaft. Viele innere Kämpfe müssen ausgefochten werden, allein oder mit Hilfe der Gemeinschaft. Aber es gibt auch große und kleine Siege, Freude und Glückseligkeit. Ich meine, sie in Maurizios strahlendem Blick zu erkennen, einem Leuchten in den Augen, das das Markenzeichen der jungen Männer dieser Gemeinschaft - über 90 Prozent von ihnen werden geheilt - zu sein scheint. Kaum zu glauben, daß diese Burschen meist eine schlimme Vergangenheit hinter sich hatten! Dabei gibt es im Cenacolo keinerlei weltliche Genüsse: kein Fernsehen, kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Zeitungen, kein eigenes Gewand. Die jungen Leute sind in allem, was sie zum Leben benötigen, von der Vorsehung abhängig, was auch Entbehrung bedeuten kann. Aber es gibt viel Arbeit, viel Gebet, viel gegenseitige Hilfe, Freude, Humor und Heiterkeit. Hier wird man ohne wenn und aber an- und ernstgenommen, eben geliebt. Kurzum: Hier erleben sie, wie Gott zu ihnen ist. Eine neue Selbstsicherheit wächst und das Wissen, daß man außer Gott und lieben Menschen nicht viel braucht, um im Leben bestehen zu können.

Nicht lange nachdem Maurizio die Gemeinschaft verläßt, wird er von einem Kirchenchor - junge Leute, die singend das Evangelium in die Welt tragen - eingeladen, Zeugnis von seiner Bekehrung und seinem Ausstieg aus den Drogen zu geben. “Dort habe ich Paola zum ersten Mal gesehen. Der Blitz hat eingeschlagen," lacht er und strahlt seine hübsche Frau an, die sein Lächeln erwidert. “ Als mich der Chor noch einmal eingeladen hat, bin ich nur allzu gerne wieder hingegangen."

Als sich Maurizio und Paola in der Folge wiedersehen, traut sich der junge Mann aus verständlichen Gründen nicht, diesem offensichtlich braven und soliden Mädchen, das eben das Gymnasium abschließt, seine Liebe zu gestehen. “Es entstand zwischen Paola und mir zwei Jahre hindurch eine Freundschaft, die wirklich ,nur' eine reine Freundschaft war. Eine wunderbare Zeit. Ich traute mich lange nicht, ihr meine tiefen Gefühle für sie zu gestehen, da ich Angst hatte, zurückgewiesen zu werden. Alles sprach ja dafür: Ein ehemaliger Drogenabhängiger, Ex-Sträfling der außerdem 12 Jahre älter war als sie," schildert Maurizio seine Sorge. Diese zwei Jahre der Freundschaft erleben beide allerdings als Gnade: “Als Freunde kann man freier, ehrlicher sein," erklärt mir Maurizio.

Ob es bei Paola auch Liebe auf den ersten Blick gewesen sei, frage ich sie. “Nein," gesteht sie. “Bei mir hat sich die Liebe zu Maurizio erst in diesen Jahren des Kennenlernens und der tiefen Freundschaft entwickelt, bis mir eben Maurizio nach zwei Jahren seine Liebe gestanden hat."

Immer wieder erzählt ihr der junge Mann von der Gemeinschaft und von Schwester Elvira. Und so lernt Paola eines Tages - wir schreiben 1993 - Schwester Elvira persönlich kennen. “Wir haben ihr erzählt, daß wir heiraten und unsere Ehe auf einer soliden Basis bauen wollten", berichtet Paola. “Und da hat sie uns vorgeschlagen, die Vorbereitungszeit auf eine christliche Ehe in einer, zu diesem Zweck, von ihr gegründeten Gemeinschaft für Verlobte, zu verbringen."

Maurizio nimmt sich sechs Monate Auszeit von seiner Arbeit und Paoletta, wie Maurizio sie liebevoll nennt, die nach der Schule ein Diplom gemacht und eine gute Stelle in Aussicht hat, ist auch bereit, ins Cenacolo zu übersiedeln. Paolas Vater ist allerdings nicht begeistert: Die Tochter sei zu jung - und was solle sie in einer Gemeinschaft, die sich um Drogenabhängige kümmert?

Paola jedoch hat ihre Entscheidung getroffen: Ihre Ehe soll für die Ewigkeit halten und sie meint, hier die Grundlage dafür bekommen zu können. Maurizios Heilung und Bekehrung sind für sie Beweis genug, daß scheinbar Unmögliches hier möglich werden kann! “Eines Morgens habe ich mich von den Eltern verabschiedet und ihnen gesagt, sie könnten mich in der Gemeinschaft Cenacolo wiederfinden."

Für beide werden die folgenden Monate eine sehr wertvolle Zeit. Die Verlobten leben und teilen fast alles miteinander: Arbeit, Gebet, Gespräche, die Gemeinschaft mit den anderen Paaren. Sie lernen, Meinungsverschiedenheiten auszutragen, den anderen wichtiger als sich selbst zu nehmen, sich zu versöhnen... Doch nachts sind sie getrennt in zwei Häusern untergebracht, eines für die Burschen, eines für die Mädchen. Lächelnd erklärt mir Maurizio: “Durch diesen Verzicht - in vielen anderen Dingen auch - haben wir gelernt, das Fundament unserer Ehe auf etwas sehr Stabilem aufzubauen. Auch spätere Probleme im Leben überwindet man leichter, wenn schon eine gute solide Basis in der Beziehung zum anderen da ist. Es war eine wunderschöne Zeit."

Im Mai 1994 heiraten die beiden. “Daß ich Paola als Frau bekommen habe, ist eines der großen Wunder meines Lebens," stellt Maurizio dankbar fest.

Als Schwester Elvira das Paar nach seinen Zukunftsplänen fragt, erklären beide, sie möchten in die Mission nach Brasilien zu den Ärmsten, den Straßenkindern, gehen. Maurizio ergänzt: “Paola hatte schon immer eine besondere Liebe für Kinder. Mittlerweile habe ich sie auch." Die Schwester ist begeistert - wunderbar, ein Haus in Brasilien, das habe sie schon lange gewollt! So bleiben die beiden in der Gemeinschaft.

Nach einer Vorbereitungszeit im Cenacolo in Medjugorje, wo sie der Muttergottes für alles danken und sie um die Gnade bitten, dem Ruf, den sie erhalten haben, und ihrem Ehegelöbnis treu zu bleiben, übersiedeln sie im Jänner 1996 nach Brasilien. “Unser ganzes Leben war wohl eine Vorbereitung auf Brasilien," erklärt mir Paola. “In der Zeit, die wir in Medjugorje verbrachten, haben wir besonders gelernt, Geduld zu haben, zuzuhören, zu lächeln, dich dem Nächsten zuzuwenden, auch wenn dir gerade hundert andere Dinge durch den Kopf gehen, einfach in der Gegenwart zu leben und Gott tiefer zu begegnen."

Nun lebt das Ehepaar seit zehn Jahren in der Nähe von Sao Paolo. Wie denn dort ihre Arbeit aussieht, interessiert mich und ich bekomme Erschütterndes zu hören: “Wir kümmern uns um Kinder, die auf der Straße leben. Ihre Eltern sind entweder verstorben, haben sie ausgesetzt oder können sie einfach nicht ernähren. Manche der Eltern sind Alkoholiker oder drogenabhängig oder verdienen ihr Geld durch Prostitution. Oft haben diese Kinder Schreckliches mitgemacht. Etlichen wurde Gewalt angetan, viele wurden auf vielerlei Art ausgebeutet. Wenn sie uns vom Richter zugesprochen werden, übernehmen wir das Sorgerecht."

Voll Liebe fährt Paola fort: “Wenn die Kinder zu uns kommen, sind sie voller Wut, ohne jede Hoffnung. Sie haben nie erfahren, daß ihnen jemand Gutes tun möchte, nämlich Gutes, das ohne irgend ein anderes Interesse ist, als dem, sie glücklich zu sehen. Wenn sie dann aber entdecken, daß sie - selbst wenn sie nicht folgen, frech sind oder sonst etwas anstellen - trotzdem geliebt und nicht fortgeschickt werden, dann verändern sich ihre Gesichter: Sie werden entspannter, beginnen zu lächeln, mit uns zu reden, ohne uns zu mißtrauen. Dann hören sie zu und fassen endlich Vertrauen."

“Aber", fügt die junge Frau hinzu, “wir müssen stets darauf achten, daß unser Leben das widerspiegelt, wovon wir reden." Immer wieder lädt Paola daher die Kinder in ihre eigene kleine Wohnung ein. Hier können sie bei ihr sein, mit ihr über alles mögliche plaudern, während sie bügelt, wäscht oder andere Arbeiten erledigt. “Natürlich scheint die Zeit immer zu kurz zu sein, aber in Wirklichkeit genügt sehr wenig Zeit für eine Geste der Liebe. Manchmal machen sie ihre Aufgaben bei mir und ich helfe ihnen dabei oder sie helfen mir bei der Hausarbeit. Beim Zusammenlegen der großen Wäschestücke können wir uns in die Augen schauen und einander anlächeln."

“Wie sagen denn die Kinder zu ihnen, Papa und Mama?" möchte ich wissen. “Einige haben das Bedürfnis, uns so zu nennen. Die dürfen das natürlich," erklärt mir Paola, “aber eigentlich lassen wir uns Tante und Onkel rufen. Wir wollen nämlich, daß die Kinder wissen, daß sie eigene Mütter und Väter haben, auch wenn diese im Himmel sind oder sich nicht in rechter Weise um sie kümmern können. Sie sollen einfach wissen, daß sie nicht als Waisen auf die Welt gekommen sind."

Derzeit leben in Mogi 55 Kinder. Innerhalb der großen Hausfamilie werden sie in Einheiten von sieben bis acht Kindern von jungen Männern und Frauen betreut. Immer wieder verpflichten sich auch junge Ehepaare für eine gewisse Zeit zur Mitarbeit. Die Mahlzeiten, Gebetszeiten sowie die Ausbildung finden gemeinsam statt. Die Kinder schlafen in Mogi, gehen von dort in die Schule, werden in verschiedenen Berufen ausgebildet.

“Wie alt sind ihre Schützlinge?" frage ich. “Wir nehmen sie oft schon als Babys auf," erklärt mir Maurizio. “Meist bleiben sie bis sie 17, 18 sind. Wir helfen ihnen dann, im Leben Fuß zu fassen: bei der Suche nach einem Job, einer Unterkunft..."

Mittlerweile haben Paola und Maurizio auch fünf eigene Kinder - was gar nicht selbstverständlich war, wie sie mir erzählen. Die Ärzte meinten nämlich, daß bei Paola keine Schwangerschaft länger als drei Monate dauern könnte. Die Kinder würden ab dann nicht mehr weiterwachsen.

Anfangs schien das zuzutreffen, bis Paola gegen alle Prognosen dann doch einen Sohn austragen kann. Für die Eltern steht fest: Sie sind Zeugen eines Wunders. Dankbar erzählt Paola: “Von dem Moment an habe ich Jesus täglich in der Eucharistie zu mir genommen und allen erzählt, daß ich die ,Medizin' gefunden hätte, die Kinder wunderbar gedeihen läßt. Und so war es auch," ergänzt sie. Das große Wunder hat mittlerweile fünf Bubennamen: Francesco M., Stefano M., Tommaso M., Filippo M. und Lorenzo M. - der älteste acht Jahre, der jüngste 10 Monate alt.

Im Rückblick auf ihr Leben meint Paola: daß sie die Gemeinschaft kennenlernen durfte, sei das größte Geschenk gewesen, das ihr Maurizio machen konnte. “Dort habe ich erst richtig beten gelernt. Nicht, daß ich vorher nicht auch schon gebetet hätte, etwa am Sonntag in der Messe. Aber das war mehr eine Sache des Gefühls. Ich habe bis dahin auch die Kommunion bekommen, ohne aber recht zu wissen, was das bedeutet. Ich hatte einen sehr oberflächlichen Glauben. Nun bekam ich jedoch die Möglichkeit, täglich zur Anbetung zu gehen, mich jeden Tag vor Christus zu stellen. Meine Oberflächlichkeit mußte sich ändern, das war mir bald bewußt. Konkret hat das z.B. verlangt, in der Früh an etwas Gutes zu denken, um die anderen mit einem fröhlichen Gesicht begrüßen zu können. Oder: mit anderen Mädchen eine Gemeinschaft aufzubauen, Stille halten zu können, sich entschuldigen zu lernen, wieder anzufangen, wenn man Fehlschläge erlebt hat."

Und sie fügt hinzu: “Wie mein Vater schaffte ich es nicht, über Verletzungen, die mir zugefügt wurden, zu sprechen. Ich versuchte immer, es allen recht zu machen. In der Gemeinschaft habe ich gelernt, über die Dinge zu reden, nicht vor Problemen davonzulaufen, auszuhalten unter dem Kreuz. Das und vieles mehr hat mir die Gemeinschaft vorgelebt und mir Kraft und Energie gegeben.

Das einfache Leben hatte ich schon als Kind gelernt. Ich komme nicht wie Maurizio aus einer wohlhabenden Familie. Wir waren zu Hause arm. Verzichten gehörte immer dazu: Manchmal haben wir Kinder - ich habe zwei Brüder - die Mutter angebettelt, wenn wir meinten, etwas dringend zu brauchen. Dann hieß es oft, dies sei nicht möglich, sonst wäre am Monatsende nicht genug zum Überleben da. Daheim haben wir also gelernt, mit Würde die Armut zu leben - und, daß das meiste entbehrlich ist. Dafür bin ich meiner Familie sehr dankbar. Aufgrund dieser Erfahrung wollte ich immer heiraten und Kinder haben, eine schöne Familie."

Nun Kinder haben Paola und Maurizio jede Menge. Werden sie für den Rest ihres Lebens in Brasilien, im Cenacolo bleiben? Paola lächelt: “Wir sind in den Händen Gottes und der Schwester Elvira. Wir haben versprochen, in Vertrauen und Gehorsam für immer in der Gemeinschaft “Cenacolo" zu bleiben. Daher: Was immer für uns entschieden wird, werden wir tun."

Eindrucksvolle Worte von einem außergewöhnlichen Ehepaar, die ich mitnehme, als ich mich von beiden verabschiede und sie mich herzlich nach Brasilien einladen. Wie gerne würde ich die beiden wiedersehen, denke ich, während ich diese Zeilen schreibe, und ihr Leben mit den Straßenkindern von Sao Paulo aus der Nähe kennenlernen.

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