VISION 20006/2005
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Gegen die Moralinflation heute

Artikel drucken Plädoyer für die Kardinaltugenden in Politik und Wirtschaft

Zahlreich sind theologische Traktate über die Tugenden, zahlreich politisch intendierte Schriften über Miß- und Umstände in Wirtschaft und Politik unserer Tage. Wert und Bedeutung des neuen Buches des Dominikanerpaters Heinrich Basilius Streithofen liegen darin, daß er sein profundes philosophisch-theologisches Nachdenken über Tugenden, Werte und Normen in einer dem heutigen Zeitungsleser verständlichen Sprache auf Politik und Wirtschaft unserer Tage anwendet. Nicht ohne klares Ziel, wie der Leser rasch bemerkt: der streitbare und mit den Niederungen von Politik und Ökonomie vertraute Pater möchte einer in die Vertrauenskrise geratenen sogenannten Elite eine Art intellektuelle Bluttransfusion verpassen: die Kardinaltugenden nämlich.

Wer noch einen Zweifel haben sollte, daß eine Rückbesinnung auf die Kardinaltugenden ein Königsweg wäre, um die weit fortgeschrittene Entfremdung der Gewählten von den Wählern, der Konsumenten von den Produzenten zu überbrücken, wird durch Streithofens flott geschriebenes Plädoyer eines Besseren belehrt. Scharfsichtig wie es einem geistigen Sohn des heiligen Dominikus und des wohl größten Theologen aller Zeiten, Thomas von Aquin, zukommt, stellt Streithofen fest, in Deutschland (und nicht nur hier) herrsche “so etwas wie eine Moralinflation". Kein Grund, sich beruhigt zurückzulehnen, sondern die moralisierenden Nebelwerfer aus Journalismus, Gewerkschaften und Theologie gekonnt beiseite zu schieben.

Streithofen verjagt tatsächlich die Nebel, gibt den ungetrübten, wertenden Blick auf Ist und Soll frei. Er tut dies, indem er einfache pädagogische Weisheiten wie auch in Jahrhunderten gereifte theologische und philosophische Erkenntnisse kenntnisreich und maximal konkret auf die Wirklichkeit von Politik und Wirtschaft anwendet. In dieser Verknüpfung liegt der Wert und die Unverzichtbarkeit des neuen Buchs von Pater Streithofen.

Der Autor ist überzeugt, daß die Zehn Gebote und die vier Kardinaltugenden - Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß - “auch in einer sich wandelnden Welt gültig" bleiben. “Sie müssen nur auf die veränderten Verhältnisse in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft angewandt werden." Genau dies exerziert Streithofen vor.

Er demaskiert Verstöße gegen die Klugheit, etwa in der Struktur- und Wettbewerbspolitik, bei Technologie und Forschung. Er trifft kluge Unterscheidungen zur Rechtspolitik, etwa wenn er die Dimensionen des Lebens- und des Umweltschutzes wieder ins Lot bringt und das Schlagwort von der “sozialen Gerechtigkeit" als Willkürbegriff enttarnt. Er geißelt “strangulierende Vorschriften" im Arbeitsmarkt und ein “Übermaß an Regulierung".

Vorbehaltlos ist dem Autor zuzustimmen, wenn er das Ausufern der Staatlichkeit ins Visier nimmt: “Es ist ein Irrglaube, möglichst viele Gesetze könnten die Moral ersetzen."

In der Tat ist nichts von Gesetzen zu halten, “die zwar im Bundestag verabschiedet werden, aber von denen, für die sie gemacht sind und die sie verpflichten, nicht verstanden werden können". Man kann ihm auch kaum widersprechen, wenn er keck behauptet: “Einige Gewerkschaftsführer sind in Deutschland die reaktionärsten aller wirtschaftlich-sozialen Interessensvertreter."

Auch wenn manche Polemik (etwa gegen den Widerstand gegen Bushs Irak-Feldzug) und manche referierte Theorie (etwa die “klassischen Bedingungen für einen gerechten und erlaubten Krieg") beim Leser auf Widerspruch stoßen mögen: Streithofens gelehrte Schrift ist unterhaltsam und bereichernd - nicht nur für die Täter in Wirtschaft und Politik.

Seine Erklärungen zu den vier Kardinaltugenden, seine religionsvergleichenden Studien über einen “Kern von moralischen Grundsätzen" und seine fundierte Kritik verschiedener moraltheologischer Ansätze verdienen Beachtung. Streithofens teilweise gepfefferten Polemiken gegen bestimmte Praktiken in Politik und Wirtschaft geben dem Buch eine überaus praktische Bedeutung: etwa als Weihnachtspräsent für befreundete Politiker und Unternehmer.

Stephan Baier

Macht, Moneten und Moral. Die Kardinaltugenden als Normen für Politik und Wirtschaft. Von Heinrich Streithofen. MM Verlag, Aachen 2005, 186 Seiten, Euro 17,-

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