VISION 20005/2021
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Fortschritt um jeden Preis – aber wohin eigentlich?

Artikel drucken Eine Antwort aus christlicher Sicht (Juliette Levivier)

Man kann den Appell nicht oft genug wiederholen: Es ist höchste Zeit, die Richtung unseres gesellschaftlichen Fortschritts grundsätzlich zu hinterfragen. Dieser Herausforderung müssen sich Christen heute unbedingt stellen. Eine Anregung dazu im folgenden Beitrag.

Man muss sich vor den Ingenieuren hüten: Es beginnt mit der Nähmaschine und endet mit der Atombombe.“ Marcel Pagnol wäre fassungslos, hätte er mitbekommen, wie recht er hatte – vor allem, weil sich diese Feststellung auf viele Bereiche des wirtschaftlichen und sozialen Lebens beziehen könnte. Auch vor den Landwirten müsste man sich hüten: Da fängt es mit dem Misthaufen an und endet bei den Nitraten. Oder den Ärzten: Da beginnt es mit dem Penicillin und hört mit dem Klonen, der Eugenik, der Beihilfe zum Selbstmord, der Euthanasie, dem Transhumanismus, der Leihmutterschaft, usw. letztendlich auf.  „So ist eben der Fortschritt…“, seufzte Pagnol.
Sicher ist das nicht! Fortschreiten bedeutet, auf etwas Besseres zugehen: Der wahre Fortschritt zielt auf ein höheres Gut ab. Die Frage ist nun, wie man das Gute definiert – und da drückt der Schuh.
In einer pluralistischen Gesellschaft, die Subjektivität zum Prinzip erhebt, findet das objektiv Gute und der Wille, sich diesem anzunähern nur wenige Anhänger. In jüngster Zeit richtet sich der Fortschritt auf das Neue aus (was übrigens nicht immer zutrifft), auf die Möglichkeit, unsere verrücktesten Wünsche zu erfüllen, oder er orientiert sich nach seinem Wunsch, sich von den Begrenzungen der realen Gegebenheiten zu befreien.
In dieser letzten Kategorie toben sich die Zauberlehrlinge des Transhumanismus aus. Sie versprechen uns einen „verbesserten“ Menschen für ein „höherwertiges“ Leben, insgeheim in der Hoffnung, den Tod zu besiegen, den sie als ein Eintauchen ins Nichts verstehen. Wie viele brave Leute sind beinhart davon überzeugt, es sei der Gipfel des Fortschritts, wenn es gelingt, den Tod um ein paar Jahre hinauszuschieben.
969 Jahre wie Methusalem zu leben oder wie Noah mit 500 Jahren noch Kinder zu zeugen, was für ein Fortschritt, kaum zu glauben! Man stelle sich vor: Unser ohnedies überbevölkerter und ausgebeuteter Planet, bewohnt von Milliarden alter, dem Jugendkult huldigender Leute, die auf Kos­ten einer Minderheit von ausgebluteten Jungen leben. Ein Traum geht in Erfüllung.
Wie kann man den Menschen so hassen, dass man ihm eine solche Zukunft in Aussicht stellt? Wenn das nicht die Hölle ist, so schaut es ihr zumindest sehr ähnlich! Auf diese Weise wird nicht der Tod besiegt, sondern das Leben, die Freude, die Hoffnung.
Um den Sinn des Lebens hier auf Erden wiederzufinden, muss man das Ziel des Lebens erkennen und dessen Ende akzeptieren. Das Ziel ist das Leben in Gott; das Ende ist der Tod, der Tod, der nicht gleichzeitig der Schlusspunkt von allem ist, sondern der unausweichliche, zweifellos beängstigende Hinübergang zum Herrn. Der Tod führt uns von einem begrenzten Leben in einem begrenzten Körper in ein ewiges Leben in einem verherrlichten Leib. Wir werden das „höherwertige“ Leben, den inneren Frieden, die Freude am Leben nicht im Transhumanismus und seinen Wahnvorstellungen finden, sondern in Gott.
Die Erfüllung  kommt nicht von einem endlosen Leben hier auf Erden, sondern von einem Ziel im Leben. Hat man so ein Ziel, dann bekommt das Leben Sin, und man sehnt sich danach, darauf zuzuschreiten. Was ist also der wahre Fortschritt? Auf das wahre Gut zuzugehen, sich der Wahrheit zu nähern, seine Hoffnung zu stärken, den Glauben zu vertiefen, zu größerer Gerechtigkeit voranzuschreiten, den Frieden zu suchen, mehr und mehr zu lieben und sich auf die große Begegnung mit dem Herrn vorzubereiten. Es geht nicht darum, hier auf Erden „perfektioniert“ zu werden, sondern „erfüllt“ zu sein, das heißt, immer mehr auf das Gute zuzugehen, um sich zu verschenken für sich selbst, für die anderen und für Gott nach dem Gebot, das Christus uns hinterlassen hat (Joh 15,9).
Der wahre Fortschritt also? An Heiligkeit zunehmen. Am Ostermorgen hat uns Christus nicht die Tore zu einem „perfektionierten“ Leben aufgetan, sondern die zum ewigen Leben. Mit Ihm ist der Tod tot und Beginn des wahren Lebens. Das scheint doch verheißungsvoller zu sein – oder nicht?

Famille Chrétienne v. 20.-26.4.19


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