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Sehnsucht nach Liebe

Artikel drucken Mit Gottes Hilfe der Prostitution entronnen (Von Heinz Purrer & Karina Haudum)

Der erschütternde Lebensbericht einer früheren Prostituierten bringt die „Nackte Wahrheit“ dieses Milieus ans Licht. Und er erzählt, sehr berührend, wie Gott im Leben dieser jungen Frau Wunder getan hat.

Wie falsch, irreführend und naiv ist doch vieles, was wir über Prostitution zu wissen glauben. Ich bin Missio-Diözesandirektor in Linz und hatte mit diesem Thema lange gar nichts zu tun. Bis mir eine junge Frau die Augen öffnete: Das Zeugnis einer früheren Prostituierten.
Vor eineinhalb Jahren durfte ich sie kennenlernen, Sophie Hoppenstedt. Von ihrem 14. bis zum 21. Lebensjahr war sie in der Prostitution gefangen und hat Schlimmes durchgemacht. Erst der Weg zum Glauben an einen Gott, der sie bedingungslos und grenzenlos liebt, konnte sie aus ihrem Gefängnis befreien.
Heute ist sie 26, und ich habe sie ermutigt, ihre Lebensgeschichte niederzuschreiben. Was sie in ihrem Buch Sehnsucht nach Liebe erzählt, macht betroffen, schockiert und gibt Einblick in eine Welt, die oft verfälscht wird.
Die Schilderung gibt aber vor allem auch Hoffnung, weil sie uns zeigt, dass für Gott nichts unmöglich ist: Ja, der Glaube kann Berge versetzen, Gefängnisse öffnen, von der Dunkelheit zum Licht führen. Oder wie Sophie Hoppenstedt selbst schreibt:
„... eine Prostituierte ist keine schmutzige, zwielichtige und unehrliche Person, so wie das in der Gesellschaft verbreitete Bild es vermittelt. Eine Prostituierte ist eine Sünderin, weil sie entfernt von der Liebe Gottes lebt. Sünde beschreibt nichts anderes als das Abgeschiedensein von Gott.
Weil sie nicht geliebt wurde, liebt sie auch sich selbst nicht. Weil ihre Bedürfnisse nicht gedeckt wurden, ist der Schrei in ihr nach Achtung, Anerkennung, materiellem Wohlstand und Liebe so laut, dass sie ihren Körper, der ihr so wertlos erscheint, an jeden hingibt, der ihr als Erfüllungsgehilfe für die Befriedigung dieser Grundbedürfnisse erscheint. Weil sie die Liebe Gottes selbst nicht erfahren hat, weiß sie nicht, dass ihr Körper ein Tempel ist, und sie richtet ihn zugrunde. Und weil man Körper, Seele und Geist nicht trennen kann, muss sie eine künstliche Mauer errichten, sich vor sich selbst verschließen, sich taub machen für jedes Gefühl und jedes Leben in sich verneinen. Denn dieses Leben in ihr schreit ihr Leid heraus. Dieses Leben schreit ihr entgegen, dass sie diese Liebe, die sie braucht, so nicht finden wird. Das Leben in ihr sagt ihr, dass jeden Tag ein Stück ihrer Seele stirbt, und dass es diesem Tod entgegentreten will.“
Erst vor kurzem durfte ich Sophie in die Katholische Kirche aufnehmen. Jetzt ist sie „zuhause“. Endlich.
Auch Karina Haudum, einer Freundin Hoppenstedts und Verfasserin des Nachworts, ist es ein großes Anliegen, dass die Geschichte dieses Buches den Blick der Gesellschaft schärft und die Herzen der Menschen für Gottes Liebe öffnet.
Sie zeigt auf, dass keine dieser Frauen freiwillig sich, beziehungsweise ihren Körper, verkauft. Meist sind es traumatische Erlebnisse oder Schicksalsschläge, die in der Kindheit dieser Mädchen verankert sind. Sich zu prostituieren wird so zu einer Art von Kompensation.
Es sind gebrochene Seelen, die jemanden brauchen, dem sie vertrauen können, der sich in sie hineinfühlt, da ist, zuhört und Liebe schenkt, indem man diesen Frauen die Hand reicht. Eine starke, beschützende Hand, die jene begleitet, die aussteigen wollen. Nur so können diese Frauen es schaffen, ein neues Leben zu beginnen, im Vertrauen auf Gott.
Sophie Hoppenstedt erzählt vom Wunder ihres Neubeginns, der geprägt ist von Höhen und Tiefen, in der ständigen Gewissheit, dass sie von Gott bedingungslos geliebt ist. Ihr Weg aus der Prostitution, einem Leben ohne Drogen und Angst, zeigt auf, dass nichts unmöglich ist.
Es ist ein langwieriger und oft sehr herausfordernder Prozess der Heilung, den diese mutige und ehrgeizige junge Frau durchlebt. Und er dauert bis heute an.
Für mich ist Frau Hoppenstedt nicht nur Vorbild in ihrer Beziehung zu Jesus Christus, sondern auch darin, wie sie denen, die sie gebrochen haben, vergibt. Sie zeigt uns in ihrem Buch ein kleines Stück von der Liebe, die Jesus für uns Menschen hat.

Sehnsucht nach Liebe. Von Sophie Hoppenstedt, Edition Missio, 175 Seiten, 14,90 €, erhältlich über den Missio-Shop
(missio.at/shop) bzw. per Mail an bestellung@missio.at.
Heinz Purrer ist Pfarrprovisor von Pasching, Kirchberg-Thening und Dörnbach in der Diözese Linz sowie Direktor von Missio Oberösterreich und Leiter des spirituellen Zentrums „Aufbruch“.
Karina Haudum ist Mitglied von „Sing&Pray“, Kindergartenpädagogin mit Schwerpunkt Integration, 3 Kinder.

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