VISION 20005/2019
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Auf das Martyrium gefasst

Artikel drucken Gespräch über die Situation der Christen im Irak

Über Nacht mussten 120.000 Christen ihre Dörfer in der iraki­schen Ninive-Ebene auf der Flucht vor mordenden Truppen des „Islamischen Staates“ ver­lassen. Mittlerweile sind viele zurückgekehrt, haben oft nur noch Ruinen vorgefunden. Kir­che in Not unterstützt den Wie­deraufbau und sprach mit Erzbi­schof Bashar Warda – er war und ist die Anlaufstelle für die Hilfs­leistungen – über die Lage der Christen im Vorderen Orient.

Fünf Jahre sind seit den IS-Eroberungen und der dadurch ausgelösten Flüchtlingswelle ver­gangen. Was sind Ihre Erfahrungen aus dieser leidvollen Zeit?
Erzbischof Bashar Warda: Wir stehen nach wie vor in einem existenziellen Kampf. Die unmittelbare Ursache ist der Angriff des IS am 6. August 2014. In einer einzigen Nacht verloren die Christen im Irak Unterkunft, Arbeit, Eigentum, Kirchen und Klöster. Unsere Unterdrücker beraubten uns unserer Gegenwart, als sie versuchten, unsere Geschichte auszulöschen und unsere Zukunft zu zerstören. Dies war eine außergewöhnliche, aber keine einmalige Situation. Sie gehört zu den seit mehr als 1400 Jahren immer wiederkehrenden Gewaltwellen im Nahen Osten.

War die IS-Invasion also nur die Spitze des Eisbergs?
Erzbischof Warda: Mit jeder weiteren Welle der Gewalt ist die Zahl der Christen zurückgegangen, bis heute. Wir Christen im Irak sind vom Aussterben bedroht. Was wird dann die Weltöffentlichkeit sagen? Dass wir durch eine Naturkatastrophe oder durch langsame Auswanderung ausgelöscht wurden? Dass die IS-Angriffe unerwartet kamen und uns überrascht haben? Oder wird womöglich nach unserem Verschwinden die Wahrheit ans Licht kommen: dass wir im Laufe von 1400 Jahren beharrlich und stetig durch ein Glaubens­sys­tem beseitigt wurden, das regelmäßige und wiederkehrende Gewaltwellen gegen uns zuließ?

Aber hat es in den 1400 Jahren Unterdrückung, von denen Sie sprechen, nicht auch Zeiten der Toleranz gegeben?
Erzbischof Warda: Es gab Zeiten relativer Toleranz. Das arabische Goldene Zeitalter wurde auf der Grundlage chaldäischer und syrischer Gelehrsamkeit errichtet. Es war christliche Gelehrsamkeit. Es hatte sich ein Stil des akademischen Dialogs entwickelt, der nur möglich war, weil eine Reihe von Kalifen Minderheiten tolerierte. Aber diese Augenblicke der Toleranz waren und sind eine einseitige Erfahrung. Es war und ist keine Frage der Gleichstellung. Wir Christen sollen nicht als Gleichgestellte behandelt werden; wir sollen nur toleriert oder nicht toleriert werden, je nachdem wie sehr die Herrschenden der Lehre des Dschihad folgen. Ja, die Wurzel all dessen ist die Lehre des Dschihad, die zur Rechtfertigung für Gewaltakte herangezogen wird.

Nach der Rückeroberung kehren viele Christen in ihre Dörfer zurück. Wird die Lage besser?
Erzbischof Warda: Es gibt immer noch extremistische Gruppen, die immer größer werden, und die behaupten, das Töten von Christen und Jesiden trage zur Verbreitung des Islam bei. Das ist jedoch noch nicht alles. Nach der Verfassung des Irak sind wir zweitklassige Bürger. Wir sind denen ausgeliefert, die sich uns gegenüber überlegen erklären. Un­ser Menschsein gibt uns keine Rechte.

Manche sagen, die Brutalität des IS habe auch die islamische Welt verändert. Was meinen Sie?
Erzbischof Warda: Der IS hat eindeutig das Bewusstsein der Welt erschüttert, auch der islamischen Welt. Die Frage ist nun, ob der Islam eine politische Richtung bleibt, in der die Scharia die Grundlage des Zivilrechts ist und in der fast alle Aspekte des Lebens der Religion untergeordnet sind oder ob sich eine zivilisiertere und tolerantere Bewegung entwickeln wird. Mit der Niederlage des IS ist die Idee einer Wiederherstellung des Kalifats nicht untergegangen. Diese Idee ist wiederaufgetaucht und heute in den Köpfen der muslimischen Welt fest verankert.

Wie wird der Westen Ihrer Meinung nach darauf reagieren?
Erzbischof Warda: Darauf wüssten die religiösen Minderheiten im Nahen Osten nur zu gerne die Antwort. Wenn die nächste Welle der Gewalt auf uns zukommt, wird dann jemand an den westlichen Universitäten Demonstrationen organisieren und Transparente tragen, auf denen steht: „Wir sind alle Christen“? Ich spreche von der nächsten Welle der Gewalt, denn diese ist das zwangsläufige Ergebnis eines Regierungssystems, das Ungleichheit predigt und Verfolgung rechtfertigt.
Was könnte ein Ausweg aus diesem Dilemma sein?
Erzbischof Warda: Der Wandel muss durch eine bewusste Arbeit in der muslimischen Welt selbst herbeigeführt werden. Wir sehen kleine Anfänge davon, vielleicht in Ägypten, Jordanien, Asien, sogar Saudi-Arabien. Es bleibt sicherlich abzuwarten, ob dies wirklich aufrichtig ist.

Ihre Zukunftsperspektive für die Christen im Irak ist sehr düster …
Erzbischof Warda: Seien wir ehrlich: In den Jahren bis 2003 gab es hier bis zu 1,5 Millionen Gläubige, das waren sechs Prozent der irakischen Bevölkerung. Heute sind vielleicht nur noch 250.000 Christen übrig, vielleicht weniger. Und diejenigen von uns, die übrig sind, müssen auf das Martyrium gefasst sein. Wir werden auf unserem Weg zum Aussterben nicht schweigend weitermachen. Dann kann, wenn wir eines Tages verschwunden sein sollten, niemand sagen: Wie konnte das geschehen? Die Gewalt und Diskriminierung von Unschuldigen muss ein Ende haben. Diejenigen, die sie predigen, müssen damit aufhören. Wir Christen im Irak sind bereit, Zeugnis abzulegen, ganz gleich welche Folgen das hat.

Das Gespräch führte Maria Lozano für Kirche in Not, gekürzt aus Pressemitteilung v. 6.8.19

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