VISION 20005/2004
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In der Schöpfung grundgelegt

Artikel drucken Die Lehre von “Humanae vitae" macht Sinn

Obwohl sie sich längst als prophetische Schrift herausgestellt hat, wird die Enzyklika “Humanae vitae" immer noch von vielen kritisiert. Im folgenden der Versuch, den tiefen Sinn des päpstlichen Schreibens darzustellen.

Der eheliche Liebesakt soll nach der Lehre der Katholischen Kirche in freier gegenseitiger Hingabe und in voller Natürlichkeit vollzogen werden. Das freie Ja der Partner entspricht dem Grundgebot der Liebe und der gegenseitigen Achtung voreinander und wird grundsätzlich nicht in Frage gestellt. Die gegenseitige Hingabe ist daher kein besonderes Problem in der theoretischen Behandlung der Ehemoral, obwohl die Praxis zeigt, daß es mitunter zu Egoismen - vor allem von Seiten des Mannes kommt.

Die zweite Forderung der Kirche hinsichtlich des ehelichen Aktes betrifft die Natürlichkeit und schließt alle Methoden der Empfängnisverhütung aus. Obwohl diese Forderung von vielen nicht akzeptiert wird, geht die Kirche nicht von ihr ab. Sie besteht vielmehr - trotz aller Kritik und vielfältiger Ablehnung - auf der “Offenheit für das Leben".

Dazu möchte ich allerdings einen Einwand vorbringen: Bei einem Geschlechtsakt während der sicher unfruchtbaren Tage der Frau ist diese “Offenheit für das Leben" aber nur sehr theoretisch, nach der Menopause überhaupt nicht gegeben. Wenn die Kirche ohne wenn und aber - für alle Zyklusphasen und alle Altersstufen - diesen natürlichen Vollzug der ehelichen Liebe fordert, dann muß diese Forderung eine noch tiefere Begründung haben.

Gott schuf den Menschen “als sein Abbild" (Gen 1,27), und Er gab ihm den Auftrag, an der Schöpfung mitzuwirken, indem er sagte: “Seid fruchtbar und vermehret euch" (Gen 1,28). Durch den Sündenfall verlor der Mensch -und mit ihm der ganze Kosmos - den ursprünglichen, vollkommenen, paradiesischen Zustand. Der Tod hielt Einzug in die Welt. Von diesem Zustand der Vollkommenheit und Gottähnlichkeit blieb aber die Fruchtbarkeit erhalten.

Auch in der gefallenen Schöpfung regiert nicht nur der Tod, es blieb vielmehr ein wesentlich schöpferisches Element erhalten: die Zeugung. Die Fruchtbarkeit von Mann und Frau kann neues Leben hervorbringen. Auch außerhalb des Paradieses gibt es einen paradiesischen Bereich im Leben, die schöpferische Vereinigung in Liebe. Ein christliches Ehepaar muß grundsätzlich für diese Fruchtbarkeit offen sein, außer es sprechen in seltenen Ausnahmefällen triftige Gründe dagegen.

Diese Offenheit ist aber nur ohne Verhütung möglich. Wenn aus persönlichen Gründen eine Schwangerschaft noch nicht oder nicht mehr erwünscht ist, kann das Ehepaar aber im Rahmen der natürlichen Ordnung die unfruchtbaren Tage nutzen, ohne gegen die Schöpfungsordnung zu verstoßen.

Der Apostel Paulus bringt die Beziehung zwischen Mann und Frau mit der Beziehung zwischen Christus und der Kirche in Verbindung, und er schreibt im Epheserbrief, daß dies ein tiefes Geheimnis ist. Wörtlich schreibt Paulus: “Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche." (Eph 5,31-32).

Es ist überraschend, daß Paulus den ehelichen Akt mit Christus und der Kirche in Verbindung bringt. Diese Verbindung ist nicht zufällig von Paulus erwähnt. Wie die Ehepaare durch ihre liebende Vereinigung neues “menschliches Leben" hervorbringen, so bringt Christus durch seine Vereinigung mit der Kirche immer wieder “himmlisches Leben" hervor.

Diese Verbindung zwischen Ehe und Kirche kann die schwierige Frage erhellen, die ich im ersten Teil aufgeworfen habe: Wie ist ein Geschlechtsakt, dem kein Leben entspringt, in den Schöpfungsauftrag einzuordnen? Hier kann uns die zitierte Schriftstelle in Verbindung mit dem Einsetzungsbericht nach Lukas weiterhelfen. Die Wandlungsworte nach Lukas lauten: “Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird" mit dem Zusatz: “Tut dies zu meinem Gedächtnis!" (Lk 22,19). Christus ist einmal am Kreuz gestorben, er hat einmal seinen Leib hingegeben und sein Blut vergossen, aber bei jeder Wandlung wird diese einmalige Hingabe unblutig erneuert. Es ist eine unblutige Gegenwärtigsetzung des Kreuzesopfers, ohne daß Jesus neu sein Leben gibt.

Paulus bringt die eheliche Vereinigung mit Christus und der Kirche in Verbindung. Die einmalige Hingabe Christi am Kreuz hat uns das ewige Leben gebracht und wird bei jeder Eucharistiefeier als “Gedächtnis" gefeiert. Die gegenseitige Hingabe der Eheleute bringt irdisches Leben hervor. Wenn die Ehepaare grundsätzlich offen für das Leben sind, kann jeder eheliche Akt sozusagen ein “Gedächtnis" jenes Aktes sein, der tatsächlich Leben hervorgebracht hat oder hervorbringen wird. Dadurch wird jene Situation, die schöpferisch Leben hervorgebracht hat, “erneuert" und neu gefeiert.

Wenn sich die Ehepaare bei ihrer Vereinigung in einem “paradiesischen Zustand" befinden, der schöpferisch ist, neues Leben zeugt oder das Gedächtnis neuen Lebens feiert, dann tauchen die Liebenden sozusagen in die Schöpfungsordnung ein. Daher ist es nicht zu verwundern, daß dieses Eintauchen ins “Paradies" auch mit einem “paradiesischen Zustand" des Paares verbunden sein kann. Und es ist wohl auch klar, daß jeder Eingriff in diese natürliche Ordnung unnatürlich und nicht gottgewollt ist. Wir erleben zunehmend die negativen Folgen der Eingriffe in das Ökosystem und beginnen langsam, unser Verhalten zu ändern. Dies muß sich auch auf das Eheleben erstrecken, damit die Familien von ihrer Quelle her gesunden.

Die Beachtung der Schöpfungsordnung rechtfertigt daher nur den natürlichen Verkehr und die in die Schöpfungsordnung eingebundene Familienplanung unter Beachtung der natürlichen Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit der Frau, die immer genauer bestimmt werden kann.

Horst Obereder

Die Enzyklika “Humanae vitae" wird auch in einem Kapitel des kürzlich erschienen und von Horst Obereder mitverfaßten Behelfes “Hauskreise" für die Gestaltung von Familienrunden thematisiert. Wir haben diesen Behelf in VISION 4/04 empfohlen. Er kann telefonisch unter 0043 (0)7448 3339 (Fax -50) bestellt werden.

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