VISION 20005/2004
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Treue betrifft weit mehr als nur das Sexuelle

Artikel drucken Es geht um Bewährung im Alltag, nicht nur bei großen Versuchungen

Was bedeutet Treue in der Ehe?

Christine Ponsard: Wenn von Treue die Rede ist, wird oft “Untreue", also “Ehebruch" assoziiert. Das ist eine Verkürzung. Man kann untreu sein und keinen Ehebruch begehen! Immer wenn ich mein Leben abseits von meinem Ehegatten organisiere, bin ich untreu. Bischof Thomazeau sagt zurecht, die Untreue sei eine Fehlhaltung, die darin besteht, sein Leben ohne Rücksicht auf den anderen zu gestalten."

Passiert das nicht tagtäglich?

Ponsard: Sicher. Die Treue betrifft nicht nur die Sexualität. Letztere ist wichtig, keine Frage, Jesus sagt uns ja: “Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen." (Mt 5,28) Mann und Frau sind in der Ehe “ein Herz, eine Seele, ein Fleisch". Die Untreue kann alle Aspekte des Ehelebens betreffen: Man kann seinen Ehepartner mit der Arbeit, der Briefmarkensammlung, dem Auto, dem Geld, der Pfarr-Caritas, den eigenen Kindern, ja sogar mit einer gewissen Art, seinen Glauben zu leben, betrügen! Alles an sich gute Dinge, die mich aber von der Liebe abbringen können, die ich meinem Ehepartner schulde.

... Sogar mit den Kindern?

Ponsard: Ich kann meine Kinder in einer Art lieben, die mich die Liebe zu meinem Mann vergessen läßt. Das geschieht, wenn ich den Kindern systematisch Vorrang einräume. So kann ich die Kinder als Vorwand nehmen, um nicht ein Wochenende oder einen Abend zu zweit mit meinem Mann zu verbringen. Jede Liebe muß in ihrer Ordnung stehen - und nicht zum Vorwand werden, um der ehelichen Beziehung zu entfliehen, nicht nur der leiblichen, sondern auch dem Dialog der Liebe, dem Gespräch im Alltag.

Kann also Treue eine Untreue verbergen?

Ponsard: Es gibt eine gegenseitige Untreue, die darin besteht, daß die Partner nichts mehr voneinander erwarten. Ein Paar kann sich für andere einsetzen, ja zerfransen... um voreinander zu fliehen.

Wie aber bleibt man treu?

Ponsard: Die eheliche Treue steht nicht nur bei den großen Versuchungen auf dem Spiel. Um sie geht es ganz konkret im Alltag in der Art, wie man mit dem Partner umgeht, wenn er von der Arbeit heimkommt, wie man bei Tisch aufsteht, um seiner Frau einen Weg zu ersparen, usw... An die Treue zu denken, wenn man am Bettrand sitzt und seine Socken auszieht, während ein nacktes Mädchen unter der Decke wartet - das ist zu spät! Tag für Tag, in vielen Details muß man an der Treue arbeiten. Wer im Kleinen treu ist, wird es auch im Großen sein, heißt es.

Muß man um der Wahrheit willen seinem Partner alle Versuchungen eingestehen?

Ponsard: Meiner Meinung nach nein. Ich habe loyal zu sein, aber nicht unbedingt alles zu sagen. Gott konfrontiert uns auch nicht mit allen Folgen unserer Sünden, aus Barmherzigkeit. Der Ehepartner wird nicht unbedingt die ganze Wahrheit ertragen können. Auch ist es keine Untreue, wenn man einen Bereich für sich hat.

Muß man das gesamte spirituelle Leben teilen?

Ponsard: Ich denke, es kommt darauf an, miteinander unterwegs zu sein, aber nicht im Gleichschritt. In der Ehe sind wir zur Heiligkeit - der eine durch den anderen - berufen. Da gibt es nicht auf der einen Seite unser Leben mit Gott und auf der anderen das Eheleben. Es ist vielmehr ein Leben für Gott im Wege der Ehe. Seinen Glauben nicht mehr so zu leben wie als Unverheirateter: das ist Treue.

Andererseits wenn wir gemeinsam zur Heiligkeit berufen sind, so folgt doch jeder einem besonderen Anruf, auf den er persönlich Antwort gibt. Man darf seinen Ehepartner da nicht nachahmen und etwa im Gleichschritt marschieren wollen. Man muß auch dem anderen nicht alles sagen. Jedes geistliche Leben, auch das von Ehepartnern, spielt sich zutiefst in der Einsamkeit und der Stille ab. Die Treue bewegt uns dazu, den spirituellen Weg des anderen zu respektieren und zu fördern, ohne ihn jedoch zu lenken und ohne in das eindringen zu wollen, was sich nicht mitteilen läßt.

Und wenn einer der beiden arg untreu ist?

Ponsard: Liebe wird umsonst geschenkt. Bei der Treue gilt nicht: Wie du mir, so ich dir. Treu ist man auch - und vor allem - dann, wenn der andere untreu ist. Dann tritt man in das Geheimnis des Bundes - es ist auch das Geheimnis des Kreuzes - ein. Es gibt keine Treue, die nicht irgendwann einmal ein Kreuz bedeutet. Ich verpflichte mich zur Treue, selbst wenn mein Ehepartner zutiefst und anhaltend untreu ist. Das ist auch die Weise, wie Gott die Treue hält.

Ja, aber Gott ist eben Gott! Da versteht man die Reaktion der Jünger: Wenn es so um die Beziehung zur Frau steht, ist es besser, nicht zu heiraten.

Ponsard: Der treue Gott ist der Angelpunkt unserer Treue. “Der Herr ist treu; er wird euch Kraft geben und euch vor dem Bösen bewahren." (2 Thess 3,3). Wenn wir das Wagnis der Treue auf uns nehmen, so ist es, weil wir uns von Christus gerettet wissen. Die christliche Ehe ist immer eine Ehe zu dritt, bei der Gott sich einbringt: Gott aber kann nicht untreu sein, auch nicht bei einer Scheidung. Wir finden uns meist allzu leicht mit Scheidungen ab. Gott ist in der Ehe treu, selbst wenn die Menschen es nicht mehr sind.

Warum aber zwingt uns Gott, treu zu sein?

Ponsard: Er zwingt uns nicht, wir haben Ihn an unsere Liebe gebunden! Nicht er bindet uns, wir sind es. Man kann von Ihm nicht verlangen, Seinem Wort untreu zu werden. Gott hat sich engagiert, also muß man Ihm sagen: “Jetzt nimm Deine Verantwortung wahr!"

Deine Verantwortung...?

Ponsard: “Wir rechnen mit Dir." Ihm das immer wieder sagen, vor allem in aussichtslosen Situationen. Es gibt Tage, da muß man den Himmel bestürmen. Beten wir ausreichend, vor allem in den Pfarren, für die gefährdeten Ehen, für jene, die sich scheiden lassen? Dabei darf man drei Dinge nicht aus den Augen verlieren: daß wir erhört werden, selbst wenn die äußeren Umstände dagegen zu sprechen scheinen; daß Gott nichts tut, was wir selbst tun müssen; daß Er uns oft durch Dritte zu Hilfe kommt. Der Rat eines Priesters, eines Eheberaters, eines Psychologen sind nicht zu verachten.

Das Gespräch mit Christine Ponsard - die Journalistin verstarb heuer nach einem tapfer ertragenen Krebsleiden - ist ein Auszug aus Famille Chrétienne v. 2.1.97, das Adrian geführt hat.

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