VISION 20005/2004
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Über das Ende der Zeit

Artikel drucken Ein Buch, das nicht platten Optimismus, sondern Hoffnung vermittelt

Heute ist oft davon die Rede, daß die Kirche die “Zeichen der Zeit" erkennen solle. Damit wird meist die Aufforderung verknüpft, die Kirche müsse sich in Glaubens- und Sittenfragen der Zeit anpassen. Das heißt, die Kirche solle ihre Identität aufgeben und sich in weltliche Strukturen auflösen. Was Jesus aber mit “Zeichen der Zeit" in Mt 16,3 meint, verlangt das genaue Gegenteil: die Wachsamkeit für die Ankunft des Endes, des hereindrängenden Endgültigen, das sowohl das Gute wie das Böse sichtbar machen wird, die Wachsamkeit für die Wiederkunft Jesu.

Zu diesem Thema hat der katholische Philosoph Josef Pieper (1904-97) eine gleichermaßen tiefgründige wie einleuchtende Betrachtung geschrieben, die man als Klassiker bezeichnen kann. Pieper geht davon aus, daß sich die Frage nach Beginn und Ende der Zeit und besonders der menschlichen Geschichte zwangsläufig und unabweisbar jedem stellt.

Die Philosophie kann aber nur unzureichende Antworten geben, wenn sie nicht die religiösen Überlieferungen befragt. Dabei kann auch der Philosoph nicht an der biblischen Botschaft, die nun einmal da ist und sich zu diesem Thema ausführlich äußert, vorübergehen: “In allem lebendigen Philosophieren geht es so zu, daß der Bereich des ’rein Philosophischen' notwendig überschritten wird in den Bereich von Aussagen hinein, deren Wesen es ist, nicht Resultat menschlicher Erkenntnisbemühung, sondern bereits vor aller denkerischen Aktivität uns als ein Empfangenes oder zu Empfangendes vor die Augen gebracht worden zu sein."

Pieper entlarvt alle nichtchristlichen Utopien so gefeierter Philosophen wie Kant oder Fichte als innerlich widersprüchlich, als unbegründetes Wunschdenken. Schon die Aussage Kants, “daß das menschliche Geschlecht im Fortschreiten zum Besseren immer gewesen sei und so fernerhin fortgehen werde", hat keinerlei Einsichtigkeit. Pieper zeigt, wie unsinnig im Grunde “optimistische", rein innerweltliche Fortschrittstheorien sind.

Dabei bleibt er aber nicht stehen, sondern greift auf die endzeitlichen Aussagen des Neuen Testamentes zurück. Er interpretiert sie nicht weg (wie das heute oft geschieht), sondern zeigt, wie einleuchtend die Ankündigungen der Apokalyptik sind: die Verfolgung der Christen, die Unterdrückung des Glaubens an Jesus Christus (der als störendes Hindernis zur Einigung der Menschheit abgelehnt wird), internationale Machtzusammenballungen, das Aufkommen mächtiger Diktatoren als Vorläufer des Antichrist, die (kurze) Herrschaft des Antichrist als eines politischen Machthabers einzigartigen Formats vor der Wiederkunft des Herrn. Mit Ausnahme des letzteren sind das ja alles keine neuen geschichtlichen Phänomene. Im Gegenteil: Sie sind gerade dem 20. und 21. Jahrhundert besonders vertraut. Sie sind die genannten “Zeichen der Zeit".

Die Frage ist jetzt nur, warum man sich überhaupt mit den Ausführungen Piepers beschäftigen soll. Machen sie nicht schwermütig und pessimistisch? Wäre es nicht besser, einfach in den Tag hineinzuleben? Nun, Jesus hat nie Optimismus gelehrt, sondern Hoffnung. Das ist etwas ganz anderes. Das Wesentliche an der Hoffnung ist aber gerade, daß sie sich durch das Schlimme hindurch bewährt, weil sie in Gott gründet. “Optimismus" gründet höchstens in einem willkürlichen “positiven Denken".

Und die Schwermut? Die Beschäftigung mit dem Ende der Zeit ist zweifellos keine lustige Sache. Noch schlimmer wirkt sich allerdings die Flucht vor dieser Frage aus, bis hin zur Verzweiflung - und dann bietet der Sprung in den Glauben des Neuen Testamentes echten Trost. Josef Pieper gelingt es, diesen Glauben einsichtig zu machen. In einem verflachten und weltlich mißbrauchten Christentum regt er die Konfrontation mit den zentralen Fragen unseres Glaubens wieder an. Daher sollen wir die “Zeichen der Zeit" umso intensiver beobachten, uns innerlich wappnen und entsprechend handeln.

Die echte christliche Lehre vom Ende der Zeit führte übrigens in der Kirchengeschichte nie zu Lähmung und Fatalismus. Pieper weist im Gegenteil nach, “daß man im Angesichte eines ausdrücklich als katastrophisch, nämlich als Herrschaft des Antichrist gedachten Endes der Zeit zu leben vermochte, ohne irgendetwas einzubüßen an innergeschichtlicher Aktivität, die vielmehr in einer Art von metaphysischer Zuversicht zu wurzeln scheint und sich in einer unvergleichlichen Kraft des Bauens und Gründens ausweist."

Das ist eine Hoffnung, wie sie eine politische Utopie nicht geben kann.

Wolfram Schrems

Über das Ende der Zeit - Eine geschichtsphilosophische Meditation. Von Josef Pieper, 3. Aufl. 1980, 160 Seiten, kart., Euro 12,95.

Diese und andere Bücher können bezogen werden bei: Christoph Hurnaus, Waltherstr. 21, 4020 Linz, Tel/Fax: 0732 788 117; Email: hurnaus@aon.at

 

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