VISION 20005/2004
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Reden wir ruhig über Sexualität - es lohnt sich

Artikel drucken Keine Scheu vor heißen Diskussionen. Die Kirche hat die besseren Argumente (Von Christof Gaspari)

Es ist schwierig, über Sexualität zu sprechen. Das Thema betrifft jeden ja in seiner innersten Intimität. Das vergißt man heute leicht, da Sex öffentlich ausgebreitet wird. Überall erotische Motive, verführerische Bilder, exhibitionistisches Gehabe, lockere Reden über Sex.

Will man ernsthaft über gelungene sexuelle Beziehungen von Mann und Frau sprechen, so steht man vor einem Dilemma: Paßt man sich dem üblichen Jargon an, dem Stil der seichten Sprüche in Talk-Shows, so mag es gelingen, zunächst Interesse zu wecken. Man bedient dann einen gewissen Voyeurismus, der vielen von uns innewohnt. Allerdings bleibt man im Oberflächlichen hängen, quasi am Sportlichen, auf der Ebene der körperlichen Betätigung.

Vermeidet man diesen Zugang und verzichtet darauf, über Sexual- und Verhütungstechniken zu debattieren, so handelt man sich rasch den Vorwurf ein, leib- und sexualfeindlich, ja prüde zu sein. Typisch katholisch eben.

Wohl wissend, wie heikel die Sache ist, versuche ich es dennoch: Noch keine Zeit hat der körperlichen Dimension der Sexualität so viel Aufmerksamkeit zugewendet wie unsere. Da gibt es Umfragen über intimste Details des Sexuallebens, von Meßgeräten aufgezeichnete Reaktionen bei Geschlechtsakten, Aufklärungsbroschüren für alle Altersstufen und eine unübersehbare Flut von Pornographie für alle Geschmacksrichtungen.

Wäre die Sexualtechnik also das entscheidende Kriterium für erfüllte Beziehungen, so müßten wir heute in einer der glücklichsten Perioden der Geschichte leben. Dem ist aber offensichtlich nicht so: die Zunahme von Frigidität und Impotenz, das Überhandnehmen von perversen Verhaltensweisen (gleichgeschlechtliche Beziehungen, Mißbrauch von Kindern, Vergewaltigungen...), kaputte Ehen, ein aggressiver Feminismus - all das sind Zeichen eines Fehlschlags des Konzepts der sexuellen Liberalisierung als Weg zu menschlicher Erfüllung (siehe auch den Beitrag von Christa Meves S. 4-5).

Ich erwähne diese Entwicklung nicht, um zu triumphieren, nach dem Motto: Wir haben es euch immer schon gesagt. Die vielen negativen Folgen sind zweifellos ein Grund, die Opfer dieses Irrwegs zu beklagen. Das soll aber nicht Thema dieses Artikels sein. Warum erwähne ich dann diese Symptome eines epochalen Fehlschlags? Weil daraus Lehren zu ziehen sind.

Nena O'Neil, Autorin des Buches “Die offene Ehe", eines Plädoyers für Partnerwechsel, hat in einem späteren Werk, “The Marriage Premise" im Rückblick auf ihre Erfahrungen mit diesem Lebensstil folgendes festgehalten: “Sexuelle Treue kann man nicht als eine bloße Leerformel bei der Eheschließung abtun oder als einen moralischen oder religiösen Glaubensgrundsatz; sie entspricht vielmehr einem Bedürfnis, das in unseren tiefsten Empfindungen, in unserer Suche nach emotionaler Sicherheit gründet; die Untreue schafft Situationen, die unsere emotionale Stabilität gefährden."

Und von dem verstorbenen Psychotherapeuten Viktor Frankl stammen die Sätze: “Je mehr es einem um die Lust geht, umso mehr vergeht sie einem auch schon." Und: “Je mehr die Aufmerksamkeit vom Partner abgewendet und dem Sexualakt selbst zugewendet wird, umso mehr ist dieser gehandicapt."

Christen sollten aus diesen schmerzlichen Erfahrungen zunächst eine Lehre ziehen: Es besteht überhaupt kein Grund, sich der Lehre der Kirche zu schämen - auch wenn sie nach wie vor als antiquiert hingestellt wird. Im Gegenteil: Sie ist aktueller denn je. Ja, sie ist der einzige Ausweg aus der heutigen Verwirrung, der heutigen Misere.

Warum? Weil sie allein den Menschen richtig sieht, seiner wahren Bestimmung gerecht wird. Der Mensch ist eben kein Zufallsprodukt der Evolution, dem man bei entsprechender Konditionierung alles ohne Schaden antrainieren könnte. Nein, er ist als Abbild Gottes geschaffen. Dazu müssen wir uns bekennen. Davon müssen wir bei unseren Überlegungen ausgehen, wenn wir auf dem Boden der menschlichen Realität bleiben wollen.

Als Gottes Abbild ist der Mensch dazu berufen, die Liebe zu leben. Sehnt sich nicht jeder danach geliebt zu werden - und zu lieben? Um dieses Grundbedürfnis kommen ja auch die Aufklärungsbroschüren, die “Bravos" und Konsorten nicht herum. Auch in diesen Werken wird von Liebe gesprochen und die sexuelle Betätigung mit der Liebe in Beziehung gesetzt. Geschähe das nicht, würden die meisten jegliches Interesse an den Produkten verlieren. Denn jeder, besonders der junge Mensch weiß tief in seinem Inneren, daß es beim Thema Sex um die Liebe geht. Um die wahre Liebe.

Ich erinnere mich an Jugendseminare, in denen wir die 13-14jährigen gefragt haben, welche Voraussetzungen jemand mitbringen müßte, mit dem sie sich sexuelle Beziehungen vorstellen könnten. Und da kamen immer Antworten wie: “Er nimmt mich an, wie ich bin." “Er bleibt bei mir, auch wenn es Probleme gibt." “Ich kann mit ihm über alles reden." “Wir gehen durch dick und dünn miteinander."

Sexuelle Beziehungen sind nun einmal die Sprache der Liebe. Stürmische Gefühle zu empfinden, sehr verliebt zu sein, sich unwiderstehlich zu jemandem hingezogen zu fühlen - all das sind wunderschöne Erfahrungen. Aber die Liebe ist viel mehr. Sie ist unfaßbar groß, stark, unergründlich, unausschöpfbar...Sie hört niemals auf, wie der Apostel Paulus schreibt. Und: Gott ist die Liebe, sagt uns der Apostel Johannes.

Im Blick auf die Offenbarung können wir wesentliche Dimensionen der Liebe erkennen. Da ist zunächst ihre Unbedingtheit. Bei Jesaja lesen wir: “Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht. Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände" (49,15f). Die Liebe sagt also unbedingt ja zum anderen. Die Sprache der Liebe, die sexuelle Beziehung, muß also, um wahrhaftig zu sein, ausdrücken: Ich nehme dich unbedingt an, so wie du bist, heute, morgen und immer. “Man kann nicht auf Probe lieben," hat Papst Johannes Paul II. klargestellt.

Eine weitere Dimension kennzeichnet die wahre Liebe: die Hingabe. Im Johannes-Evangelium stellt Jesus diese Dimension in den Vordergrund: “Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben." (13, 34) Und zur Klarstellung: “Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt." (15, 13) Wahre Liebe bedeutet also totaler Einsatz, ohne Hintergedanken, ohne etwas zurückhalten zu wollen. In der sexuellen Beziehung wird genau diese Botschaft transportiert: Ich gebe mich dir ganz hin.

Und noch eine dritte Dimension darf nicht fehlen: Liebe ist fruchtbar. Sie läßt sich nicht einsperren, für sich konsumieren. Sie will weitergegeben werden. Das ist die Tragödie des Mannes, der im Gleichnis sein Talent vergraben hat: Er hat die Liebe, die Gott ihm geschenkt hat, nicht fruchtbar gemacht.

Über all das sollten wir reden, wenn das Thema Sexualität angeschnitten wird. Das sind die wesentlichen Fragen. Das sind die Herausforderungen, vor denen der Mensch steht, wenn er sich um ein erfülltes Sexualleben bemüht. Die wertneutrale Darstellung von Methoden körperlicher Annäherung lenkt vom Eigentlichen ab, rückt Nebensächliches in den Vordergrund.

Gott hat den Menschen, wie schon erwähnt, nach Seinem Abbild geschaffen, als Mann und Frau, dazu berufen, ein Fleisch zu sein. Im Einssein von Mann und Frau leuchtet das Geheimnis des Dreifaltigen Gottes in der Schöpfung auf, hat Papst Johannes Paul II. festgestellt. Welch wunderbare Berufung! Da ist keine Spur von Sexualfeindlichkeit. Vielmehr wird offenkundig, daß die Faszination der sexuellen Begegnung letztlich von ihrem Transzendenz-Charakter ausgeht. Sie vermittelt für kurze Zeit die Erfahrung des Einsseins mit einem anderen in intensiver Weise. Es geschieht Hingabe und Annahme in ganzheitlicher Weise, mit allen Sinnen, mit Geist, Seele und Leib.

Allerdings lebt diese Erfahrung von der Wahrhaftigkeit des Geschehens. Die sexuelle Erfüllung ist darauf angewiesen, daß Hingabe nicht nur angedeutet oder suggeriert wird, sondern tatsächlich stattfindet. Und sie lebt davon, daß die Annahme des anderen nicht auf einen Urlaub beschränkt oder bis auf weiteres zugesagt wird, sondern für das Leben gilt.

Wo die Tiefendimension fehlt, wird das äußere Geschehen sexueller Begegnung schal, ja geradezu trivial. Wenn Umarmung, Zärtlichkeit, Streicheln, Entblößung nicht mehr Boten von Vertrautheit, Beschützen, Hingabe sind, bleibt nur ein Reiz-Reaktionsgeschehen, an dem Häute, Drüsen und Organe beteiligt sind. Dann muß die Phantasie stimuliert werden, um Illusionen in den inhaltslosen Vorgang zu projizieren, um ihn künstlich reizvoll zu machen. Von diesen Illusionen lebt die Porno-Industrie.

Entscheidend dafür, den Transzendenz-Charakter des Sexualaktes zu erhalten, ist seine Fruchtbarkeit. Die Ganzhingabe ist Quelle neuen Lebens, Ursprung einer menschlichen Person, die es in Ewigkeit geben wird. Mann und Frau werden damit ein Fleisch nicht nur im Moment der Umarmung, sondern in den Kindern, die ihnen geschenkt werden. Unfaßbar groß ist das, was da geschieht. Nichts Größeres kann der Mensch in seinem Leben wirken, als einem Abbild Gottes ins Dasein zu verhelfen.

Daher ist es so wichtig, diese lebensspendende Dimension der Umarmung nicht durch gekonnte Verhütung systematisch auszuschalten. Wer darauf verzichtet, bringt damit zum Ausdruck, daß er sein Schicksal nicht restlos in die eigene Hand nehmen, sondern offen für das Wirken Gottes in seinem Leben bleiben will. Und sollte die Zeugung aus guten Gründen aufgeschoben werden, so sorgen die Zeiten der Enthaltsamkeit dafür, daß das Zusammenkommen nicht zur Routine verkommt.

Diese wenigen Überlegungen machen deutlich, welch wunderbares, erfüllendes Abenteuer die nach dem Plan Gottes gelebte Sexualität darstellt. Die Ehe ist zwar kein Garant, wohl aber der optimale Raum für das erfolgreiche Bestehen dieses Abenteuers. Muß es nicht zu denken geben, wenn vielfach der Eindruck entsteht, die Ehe sei gerade das Gegenteil, nämlich das Grab des sexuellen Glücks? Dieses ersticke in der Routine des Zusammenkommens, im Absolvieren ehelicher Pflichten, im Befriedigen triebhaften Begehrens.

Es stimmt, die Ehen, auch die christlichen, sind von all diesen Gefahren bedroht. Wer wollte es leugnen? Daher ist die Frage nach dem Gelingen sexueller Beziehung nicht nur ein Thema für die Heranwachsenden, sondern gerade auch für die Ehepaare. Sie sind herausgefordert, sich zu fragen, ob sie in ihren Beziehungen noch die Sprache der Liebe sprechen, vor allem auch mit kleinen Zeichen, Aufmerksamkeiten im Alltag. Denn von der Art, wie sie ihren Weg des Einswerdens gestalten, wird es abhängen, wonach sich die Jugend orientiert. Je mehr Ehepaare Zeugnis für ein erfülltes Leben zu zweit geben, umso leichter wird es den jungen Menschen fallen, sich auf diesen herausfordernden, aber faszinierenden Weg einzulassen.

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