VISION 20005/2004
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Kleiner großer Kämpfer

Artikel drucken Ein halbes Jahr mit Sascha, einem leukämiekranken Buben (Eva-Maria Wenglorz)

Zwei eigene Kinder hat das Ehepaar Wenglorz, 25 weitere Kinder hat es in Pflege genommen. 1998 kam die Anfrage, ob Sascha, ein sechsjähriger, leukämiekranker Bub, bei ihnen Aufnahme finden könne.

Am 17. September war es soweit. Am Nachmittag durften wir unseren kleinen Schatz auf der Onkologie des UKE kennenlernen. Es war ein erbärmlicher Anblick! Der kleine kahlköpfige Kerl war vom Cortison stark aufgeschwemmt, hatte einen riesigen aufgequollenen Bauch - und was uns am meisten traf - einen leeren, grenzenlos traurigen Blick. Behutsam näherten wir uns einander an. Sascha zeigte uns sein Zimmer. Dort packten wir gemeinsam den mitgebrachten “Zauberrucksack" aus. Der Funke sprang über, und wir wußten: Das ist unser Kind.

Von den Ärzten erfuhren wir, daß Sascha an einer seltenen Form der Leukämie litt und daß seine derzeitige Verfassung eine Entlassung wohl erst in vier bis fünf Monaten erlaubte. Um langsam eine Beziehung aufzubauen, fuhren wir zweimal in der Woche die 230 Kilometer in die Klinik. Manchmal blieb der Papi auch über Nacht, was Sascha besonders freute.

Waren es unsere regelmäßigen Besuche, die Sascha eine neue Lebensperspektive gaben? Jedenfalls durfte er schon nach fünf Wochen entlassen werden. Die medizinischen Werte hatten sich, für alle unfaßbar, so erstaunlich verbessert, daß wir Sascha am 21. Oktober nach Hause holen konnten.

Nun begann für uns eine aufregende, aber auch wunderschöne Zeit. Der kleine Bursche mit seinem großen Herzen eroberte uns alle im Sturm. Von Tag zu Tag blühte er mehr auf. Bald begann er zu lachen und später, im Advent, auch zu singen. Er war lernhungrig und wißbegierig. Hatte er doch so viel nachzuholen! Und er holte sich: Zärtlichkeit, Anerkennung, Aufmerksamkeit. Ahnte er, daß ihm nicht mehr viel Zeit blieb?

Wir spürten von Anfang an, daß Sascha ein ganz besonderes Kind war. Drei wunderschöne Monate durften wir mit Sascha erleben. Mit dem Wachsen der Haare wuchs auch sein Schalk und sein Charme. Seine Augen blitzten oft vor Freude und Übermut. Aber er hatte auch ein sehr großes mitleidiges Herz.

Nie konnte er jemanden traurig oder mit Schmerzen sehen. Immer war er zum Helfen und Trösten bereit. Wenn er der Meinung war, etwas falsch gemacht zu haben, schlang er seine Ärmchen um meinen Hals, und schluchzend entschuldigte er sich -zigmal. Solche Situationen taten mir in der Seele weh, stand sein Schmerz doch in gar keinem Verhältnis zu dem Geschehen.

Unvergeßlich wird uns seine Vorfreude auf das Weihnachtsfest bleiben. In seiner kindlichen Erwartung auf das Christkind nahm er uns mit in das Geheimnis der Weihnachtsbotschaft.

Dann im Januar: Völlig unvorbereitet traf uns die vernichtende Nachricht: Der gefürchtete und doch nicht für möglich gehaltene Rückfall war eingetreten. Noch merkte man Sascha nichts an. Er feierte seinen siebenten Geburtstag mit vielen Geschenken und mit viel Post.

Mit der Zeit merkte man dem Kleinen aber an, daß es ihm nicht gut ging. Er wurde immer müder und lustloser. Da er wieder Chemotherapie bekam, verbrannten die Schleimhäute in Mund und Magen. Oft weinte er nun beim Essen oder aß gar nicht erst. Die Nächte waren besonders schlimm, oft halfen selbst Schmerzzäpfchen nicht.

Wir ließen ihn bei uns zu Hause (not)taufen und Sascha verfolgte alles mit wachem Blick und inniger Anteilnahme. Nach der Taufe lebte er nur noch drei Monate. In dieser Zeit war er uns ein Vorbild an Hingabe und “sich loslassen". Er ließ jede Tortur, jede schmerzhafte Behandlung ganz gelassen über sich ergehen. Wir hatten den Eindruck, daß er sich von dieser Welt zurückzog und dadurch innerlich erstarkte.

Wir waren seit Januar fast täglich zur Bluttransfusion im Krankenhaus. Zwischendurch einmal pro Woche nach Hamburg. Notwendige Knochenmarkpunktionen wurden gemacht. Da die Thrombozyten immer wieder so stark absackten, riet man uns Ende März, Sascha die Milz entfernen zu lassen.

Vorher aber gaben wir noch ein kleines Fest für unser Sorgenkind. Wir bestellten einen Zauberer und Clown und freuten uns über Saschas Staunen. Niemand ahnte, daß es ein Abschiedsfest war.

Die Milzoperation hatte Sascha prima überstanden. Alle freuten sich auf ein baldiges Wiedersehen. Doch plötzlich, nach zwei Wochen, setzten Atemprobleme ein. Sascha mußte auf die Kinderintensivstation. Der Papi blieb Tag und Nacht bei ihm, gab ihm Sicherheit und Geborgenheit. Nach einer Woche war Saschas Befinden so dramatisch, daß er in eine künstliche Beatmung gelegt werden mußte.

Sascha bat nicht mehr um Heilung während des Nachtgebetes, sondern tröstete mit rührenden Worten Jesus am Kreuz. Er wußte, daß er sterben würde, und er hatte - eher als wir - dem Herrn über Leben und Tod sein “Ja" dazu gegeben. Sascha bereitete uns liebevoll auf seinen Tod vor, ja, er sagte uns sogar die Sterbestunde voraus. Er hatte eine tiefe, ganz selbstverständliche Beziehung zu Jesus und zur Gottesmutter. In seinen größten Schmerzen bat er wimmernd: “Mami, bete, bitte bete."

Sascha verfiel von Tag zu Tag mehr. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst. Jede Berührung tat ihm weh. Er reagierte kaum noch, trotzdem waren wir überzeugt, daß er uns hörte. So konnten wir uns von ihm verabschieden, uns für sein Dasein bedanken. Irgendwie aber hatten wir das Gefühl, daß der Kleine nicht loslassen konnte. Wir beschlossen, die Mutter zu bitten, ins Krankenhaus zu kommen. So eilte sie an Saschas Sterbebett, und nach dieser Begegnung konnte der Kleine für immer loslassen.

Als Sascha von diesem Leben in die andere Welt ging, lag ein staunendes Lächeln auf seinem Gesicht. Dieses kleine Gesicht, das von dem Erstickungstod so grausam gekennzeichnet war, verklärte sich und die Herrlichkeit des Himmels lag auf unserem Kind. Dieses Kind, das Hingabe und Geschenk war, Sinn und Erfüllung für uns, gab ganz still und leise sein Leben in die Hand des Schöpfers zurück.

Wir wollten Sascha zu uns nach Hause überführen lassen. Unsere Kinder, Freunde und Bekannte sollten die Gelegenheit bekommen, sich noch einmal in Ruhe von ihm zu verabschieden. Wir bahrten ihn in seinem Kinderzimmer auf. Freunde und Bekannten kamen. Tag und Nacht saßen unsere großen Kinder bei Sascha, spielten ihm auf der Gitarre vor, sangen Lieder, sprachen mit ihm...

Die Beerdingung sollte ein Fest für unseren Kleinen werden. Die Kapelle war erfüllt von den Lob- und Dankgesängen, die wir ausgesucht hatten. Die Predigt über Saschas Leben und Sterben hatten wir selber geschrieben, denn niemand kannte ihn so gut wie wir. Mit den Klängen des “Ave Maria", von einem unserer ehemaligen Pflegekinder gesungen, war die Trauerfeier beendet, und der kleine Sarg wurde von meinem Mann, unserem Sohn, einem Freund und Herrn Bartels vom Jugendamt zu seiner letzten irdischen Ruhestätte getragen. Sascha wollte immer einen Papi, der ihn trägt. Nun trug ihn sein Papi ein letztes Mal. Am Grab sangen wir noch gemeinsam “Großer Gott, wir loben dich" und ließen bunte Luftballons steigen, mit einem Gruß an einen kleinen großen Kämpfer, für dessen Leben wir unendlich dankbar sind.

Das Leben mit “Saschi" war oft abgrundtiefer Schmerz, aber auch himmelstürmende Hoffnung. Es war bedingungslose Liebe, aber auch atemberaubende Faszination. Sicher hat er jetzt einen Platz ganz nahe an Gottes Herzen, denn da ruhen die Kreuzträger dieser Welt. Und er war einer der tapfersten, die ich je kannte.

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