VISION 20005/2004
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Arm, wer nichts zu betrauern hat

Artikel drucken Das Leid, wenn der Partner stirbt (Von Inge M. Thürkauf)

Die Bildungsprogramme der Pfarreien und kirchlichen Einrichtungen enthalten vielfältige Angebote im Hinblick auf Weiterbildung, Unterhaltung und Information. Doch was man kaum in den Kursen und Veranstaltungen finden kann, ist der Einbezug der Witwen. Sie scheinen im kirchlichen Bereich ein vergessener oder doch zumindest vernachlässigter Stand zu sein.

Aber es war gerade Jesus, der den Witwen eine hohe Achtung zuteil werden ließ. Durch Ihn wurde die Witwe in der Gemeinschaft gewürdigt, Witwenschaft galt nicht länger als Schande, im Gegensatz zum Alten Testament, wo eine Witwe durch den Tod ihres Mannes auch von der übrigen Gesellschaft getrennt und Glied der Gruppe der Witwen wurde. Diese Gruppe war zum größten Teil gezwungen, auf der untersten Stufe der sozialen Leiter zu leben.

Der Tod des Mannes bedeutet für die Frau einen herben Bruch mit dem bisherigen Leben. Sie muß mit der schier nicht zu begreifenden Wahrheit fertig werden, daß sie nun Witwe ist, eine “ihres Mannes Beraubte", wie die ursprüngliche Bedeutung des Wortes aus dem Althochdeutschen “Wituwa" übersetzt heißt.

Plötzlich spricht man von dem Menschen, mit dem man vielleicht Jahrzehnte das Leben geteilt hat, in der Vergangenheit: Er ist nicht mehr, er war. Erst noch haben wir mit ihm gesprochen, ihm in die Augen gesehen, seine ganze Existenz ist in der vollen Wirklichkeit vor uns gestanden - und nun ist er verstummt. Der direkte Kontakt mit ihm ist nicht mehr möglich. Sein Körper wurde in die Erde gesenkt, über uns ist eine unaussprechliche Leere hereingebrochen.

Aber der Alltag soll nun weitergehen, für die Umwelt möglichst so, als wäre nichts geschehen. Doch wird es nie mehr so sein, wie es einmal war. All die Dinge, denen man eben noch eine so große Bedeutung zugemessen hatte, sie werden belanglos, wertlos, weil ein innig mit uns verbundener Mensch eine unfaßbare Öde hinterlassen hat. Der Kontrast zwischen der sichtbaren Wirklichkeit und der Abwesenheit des geliebten Menschen ist schmerzlich und beklemmend.

Beim Sterben eines Familienvaters, des Ehegatten, sind oft liebe Angehörige und Freunde zugegen, die sich beeilen, die Hinterbliebenen zu stützen und ihre Hilfe anzubieten. Doch auch für Freunde und Verwandte geht das Leben weiter. Nach einiger Zeit kehren sie zu ihren eigenen Pflichten zurück, die Anteilnahme läßt nach. Freunde können nur vorübergehend helfen. Edvard Munchs Bild “Das kranke Kind" illustriert, wie der Tod von den einzelnen Familienmitgliedern verarbeitet wird: Jeder schaut auf dem Bild in eine andere Richtung. Jeder reagiert auf seine eigene Art auf die Tragödie des Todes.

Dieses alles dominierende Leid kann sich in Bitterkeit wandeln, die alle anderen seelischen Kräfte erstickt, und der Schrei: warum gerade ich? wird zur Anklage gegen Gott, der diesen Tod zugelassen hat. Besonders wenn die Frau mit Kindern zurückbleibt, die versorgt, erzogen und auf den weiteren Lebensweg gebracht werden müssen, wird sich das Gefühl der Verlassenheit, der Verlorenheit, der Einsamkeit übermächtig melden. Diese Empfindungen sind Feinde aller Menschen, die ein Leid zu tragen haben. Selbst Jesus erlebte diese Stunde der Einsamkeit, dort im Garten Gethsemani, als Er sich danach sehnte, mit Seinen Jüngern zu wachen und zu beten. Sie aber schliefen.

Dem Leid, das Gott zuläßt, kann man auf zwei Arten begegnen: mit Bitterkeit oder in der gläubigen Annahme. Diese Annahme wird der Weg sein, der uns mit Gott verbindet, weil nur Er den Kummer des Herzens in Freude verwandeln kann. “Da hast du meine Trauer in Tanzen verwandelt", ruft der Psalmist aus. Nur durch den Glauben an Jesus Christus werden wir erfahren können, daß Leiden einen neuen Sinn erhält: Es wird zur Teilnahme am Heilswerk Jesu. Dadurch, daß wir uns aus freien Stücken mit dem Leiden und dem Tod Christi vereinigen, werden wir - wie der hl. Paulus lehrt - ersetzen, was an den Leiden Christi noch fehlt.

Alles aber, was wir haben, auch die Liebe, ist uns nur als Leihgabe anvertraut. Wir können darüber nicht frei verfügen. Das Leben als Ganzes ist ein Geschenk. Über lange Zeit hinweg haben wir zu den Beschenkten gehört. Die Trauer um den Verlust des Nächsten ist der Preis für das Geschenk der Liebe, die wir erfahren durften.

Wie arm ist der, der nichts zu betrauern hat, er kann auch nichts verlieren, weil nichts da ist, wofür es sich lohnt zu trauern. Wenn wir Leid und Schmerz aus dieser Perspektive betrachten, mischt sich in unsere Trauer Dankbarkeit, Dankbarkeit darüber, daß wir die Erfahrung der Liebe, des Zusammengehörens machen durften. Nicht nur trauern über den Verlust, sondern auch danken, daß dieser Mensch, der uns vorangegangen ist, sein Leben mit uns eine Strecke weit geteilt hat.

Wenn die Dankbarkeit im Herzen Platz genommen hat, kann man auch wieder beginnen, an den nächsten, den übernächsten Tag zu denken. Anfangs werden die verschiedenen Pläne noch in viele Ängste verpackt sein, die oft die Hoffnung vertreiben. Zu jedem neuen Schritt des Weges braucht man Ermutigung. Die Dankbarkeit wird das Tor öffnen zu dem Tag, an dem man das erste noch zaghafte Ja sagen kann zu einem neuen, eigenständigen Leben.

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