VISION 20003/2010
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Hat jeder seine eigene Wahrheit?

Artikel drucken Über eine moderne Irrlehre

Wehe es behauptet jemand in einer Gesprächsrunde, er habe die Wahrheit entdeckt. das trägt ihm sicher den Vorwurf ein, er sei überheblich, denn die Wahrheit kenne niemand, wir alle seien nur auf der Suche ...

Man muß schon zugeben: Immer wenn es um Lehrhaftes, geschweige denn um Lehramtliches geht, reagiert die vorherrschende Mentalität mit Unbehagen. Ja man lehnt es genauso ab wie alles, was den Menschen mit einer Wahrheit konfrontiert, die er nicht selbst erfunden oder zumindest überprüft hat. Und dennoch: Die Kirche lehrt. Sie hat den Auftrag, das zu lehren, "was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben." (1 Kor 2,9) Würde sie nicht lehren, wäre sie dem letzten Auftrag ihres Herrn untreu: "Geht zu allen Völkern ... und lehrt sie alles zu befolgen, was ich euch geboten habe." (Mt 28,19 f)

Es ist leicht zu erkennen, woher dieser diffuse Widerstand gegen jedes mit Autorität gesprochene Wort kommt: Allzu oft hat man die Wahrheit dazu mißbraucht, um kritische Geister zum Schweigen zu bringen, um die Menschen in Unterdrückungsregime einzugliedern und ihre Gewissen zu manipulieren. Wie so oft aber, führt die Reaktion auf eine Übertreibung in die gegenteilige Übertreibung. Und so erscheint es heute als Aufgabe des Menschen, seine Wahrheit selbst zu erfinden und seine Werte selbst zu schaffen. Dabei landet man im Relativismus und schließlich im Solipsismus: der Vorstellung also, es gäbe keine gemeinsame Wahrheit, weil jeder seine eigene habe, kein Gemeinschaftsprojekt, weil es nichts allgemein Wünschenswertes oder Abzulehnendes gibt. (...)

Halten wir fest, daß die moderne Pädagogik auf solchen Vorstellungen aufbaut: Das Kind soll alles selbst neu erfinden. Selbst im Katechismusunterricht vermeidet man, von Dogmen und Geboten zu reden. Da weicht man gern auf verschämte und unbestimmte Formulierungen aus, wie etwa "die Christen glauben, daß ..."

Dahinter steht eine zweifache Unkenntnis: eine philosophische und eine theologische. Daher bedarf es auch einer zweifachen Klarstellung. Soweit es um die Vernunft geht, ist in Erinnerung zu rufen, daß die Wahrheit nicht zu erfinden, sondern zu entdecken ist. Wenn alles Denken auf Erfindung beruht, ist schwer zu erkennen, wieso man anderen etwas aufdrängen könnte. Ein eentdeckte Wahrheit hingegen wird zum Gemeinschaftsgut. Man drängt sie nicht auf, vielmehr ist es die Wahrheit selbst, die sich aufdrängt. Jeder kann zwar etwas anderes denken, etwa daß sich die Sonne um die Erde dreht. Der Realität jedoch ist solche Meinung gleichgültig: Man kann die Erde nicht daran hindern, sich um die Sonne zu drehen. Ähnliches gilt für die Ebene des Glaubens. Gott hat zunächst durch die Propheten zu den Menschen gesprochen, zuletzt aber durch den Sohn, Sein anderes Ich. Auch das ist keine Erfindung, sondern eine Offenbarung. Man kann sie annehmen oder ablehnen. Annehmen heißt glauben. Ablehnen heißt den Glauben verweigern. Der wahre Gläubige bastelt sich seine Religion nicht zusammen. "Dieser ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.Wenn man jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen." (Joh 14,23)

Daher ist auch ein Lehramt erforderlich. Warum? Weil das Wort Gottes treu weitergegeben, richtig interpretiert, schlüssig aktualisiert werden muß. Gott geht nicht das Risiko ein, daß das Licht, das er den Menschen schenkt, langsam vernebelt wird und zuletzt in der Finsternis erlischt. Daher ist die Offenbarung untrennbar mit einem Lehramt verbunden. Jesus selbst setzt es ein, als er sprach: "Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab; wer mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat." (Lk 10,16)

Das Lehramt ist weit davon entfernt, das persönliche Gewissen zu knebeln. Vielmehr bewahrt es dieses vor den inneren und äußeren Versuchungen, die das Wort Gottes fortgesetzt verdrehen. Dort nämlich, wo das offizielle Lehramt abgelehnt wird, schießen die selbsternannten Parallel-Lehrämter ins Kraut.

Die Schätze der Offenbarung können sich also fortschreitend in der Kirche entfalten, mit unterschiedlichen Akzenten, die allerdings niemals widersprüchlich sein werden.

Alain Bandelier
Aus Famille Chrétienne Nr. 1677


Eine einmalige Gelegenheit, Père Bandelier persönlich zu erleben: er hält vom 14. bis 20. Juni Schweigeexerzitien auf Französisch im Foyer de Charité am Sonntagberg. Siehe dazu die Ankündigung Seite 28.

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