VISION 20003/2010
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Sie sind der Trost des Papstes

Artikel drucken Eindrücke einer österreichischen Familie in der Dominikanischen Republik (Von Gudrun und Martin Kugler)

Eine Autostunde von dem entfernt, was wir Zivilisation nennen, begegneten die Kuglers einer Lebensweise, die ernste Anfragen an die westlichen Prioritäten und an unsere Art, das Leben, auch das religiöse, zu gestalten, stellen.
„Despacio“

Das erste, das einem beim Heraustreten aus dem Flughafen von Puerto Plata auffällt, ist ein riesiges Schild mit der Aufschrift „Despacio“ (langsam). Eigentlich sind Autos gemeint, aber es trifft genau die Stimmung im Land. Langsam. Warum heute, wenn ich es auch morgen machen kann? Ganz im Gegensatz dazu war unser erster Eindruck bei der Rückkehr beim Anblick von deutscher Flughafenfunktionalität und Autobahn in emsiger Nahtlosigkeit: perfektionierte Produktivität.
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß dieser Produktivität als oberstem Gebot alles geopfert wird. Vielleicht hatten wir deshalb keine Probleme, die Kinderabteile in den überfüllten deutschen Zügen ganz für uns allein zu haben.
Was die einen zu viel haben, haben die anderen zu wenig. Bei uns ist es eine Frage des verlorenen Lebensgefühls – dort eine der fehlenden Möglichkeiten. Gesellschaftliche Tendenzen brauchen eine ganze Reihe von ausgeprägten Einzelschicksalen. Der völligen „Spannungslosigkeit“ dort steht hier das Gefühl gegenüber, „unters Rad zu kommen“. Bei uns wird der Produktivität fast alles untergeordnet, bei denen fast nichts. Wahrscheinlich fühlt man sich dort besser, wenn auch nichts weitergeht.

Kindlicher Glaube
In der Dominikanischen Republik glauben alle an Gott. Wir haben einen kindlichen Glauben vorgefunden: Die Menschen benehmen sich wie Kinder vor Gott: Sie tun zwar oft nicht, was die Kirche ihnen sagt, aber sie wissen sehr wohl, daß sie gemeint sind. Es stört sie auch nicht, wenn sie darauf hingewiesen werden. Man geht in die Kirche, weil man weiß, daß man ein Sünder ist. Bei uns sagt der Sünder: Das ist nichts für mich, die meinen ja, ich wäre ein Sünder. Dort können die Priester viel direkter und konkreter predigen als sie es bei uns tun: Ihre Predigt wird nicht als Ausschluß sondern als Hilfe und Orientierung verstanden.
Orientierung haben die Menschen in der Dominikanischen Republik allerdings auch nötig. Familien ohne Patchworkelemente haben wir in der Dominikanischen Republik nur selten angetroffen. Ein elfjähriges gläubiges Mädchen aus einer katholischen Schule fragte uns: „Seid ihr kirchlich verheiratet?“ Unsere Bejahung hieß für sie, daß unsere Beziehung dauern würde, denn kirchliche Ehen trennt man nicht.
Die Dominikaner wissen, was richtig wäre, scheinen sich aber mit einem inneren Kompromiß überraschend leicht zu tun. „Ich lebe mit dem einen zusammen, obwohl er nicht der richtige ist. Die Kirche findet das nicht gut – aber was sollte ich denn sonst tun? Wenn der Richtige kommt, heirate ich kirchlich, ganz klar!“


„Wem vertraut ihr?“
In der Predigt findet man so gut wie keine theoretischen, unpersönlichen Fragestellungen. Vielmehr geht es darum, die Seelen auf die richtige Seite zu ziehen und zu motivieren. Der folgende Dialog zwischen Priester und Gemeinde hat uns zu Beginn der Fastenzeit sehr beeindruckt:
„Vertraut ihr auf euch selbst und andere Menschen?“ – „Nein!“, ruft die Gemeinde.
„Vertraut ihr auf Geld und Besitz?“ – „Nein!“
„Wem vertraut ihr dann?“ – „Gott!“ „Und was findet man, wenn man auf Gott vertraut?“ – „Freude!“
Das Bekenntnis tut uns gut. Irgendwie reinigt es, säubert es, besiegelt es, wenn man diese Worte wie ein Versprechen hinausrufen kann. Diese Art der Predigt birgt natürlich die Gefahr, daß der Glaube oberflächlich bleibt. Wie so oft, was hier zu viel, ist dort zu wenig. Und umgekehrt.

Ein weißes Baby!
In der Dominikanischen Republik liebt man Kinder. Ganz besonders kleine weiße Kinder – und überhaupt: unser weißes Baby! Überall lief man zusammen, um die Kleine zu bewundern, ihre Beinchen zu küssen und laut auszurufen: „So weiß! Man kann sogar die Adern sehen!“ Für einen Dominikaner sind Kinder das Zweitgrößte – gleich nach der Auswanderung in die USA oder zumindest nach Europa. Auf ein Kind ist man dort stolz. Man trägt es vor sich her wie eine Trophäe. Wo immer wir hinkamen, wen immer wir trafen, junge Männer auf Motorrädern, alte Frauen mit Kopftüchern, man bewunderte die Kinder, streichelte ihnen über den Kopf und sagte: „Que Dios te bendiga!“ (Daß Gott dich segne). In ihrer Natürlichkeit erkennen sie den Wert des Menschen.
Gleichzeitig sind sie durch und durch geprägt vom Wunsche, ein westliches Leben zu leben. Zwei Kinder sind modisch, drei gehen gerade noch, zur Not, – aber vier sind zu viel Arbeit und Sorge und täten der „tranquilidad“ (Ruhe) nicht gut. Laut Frank Schirrmacher (Minimum, 2006) handelt es sich hier um den Einfluß des Fernsehens. Trotzdem lernen wir von den Menschen: Kinder sind kein Zeitverlust, sondern unsere wertvollste „Investition“. Wir dürfen uns an ihren Ärmchen und Beinchen erfreuen, und ihnen lange in ihre Augen schauen, und dabei darf die Zeit vergehen. Unsere Seele und unsere Liebe wachsen dann. Unsere europäische Gesellschaft hält andere Werte hoch – und wir neigen dazu, dies unbewußt zu übernehmen.

Wir sind einfach da
Am Ende einer langen Wanderung durch die Wildnis kamen wir in ein winziges Bauerndorf. Dieses Dorf liegt am Ende eines kilometerlangen Feldweges, und ist nur mit Pferd oder Allradantrieb erreichbar. Wir waren in diesem Dorf willkommen, und der Dorfälteste, ein 87jähriger Yukabauer, lud uns ein, in seinem Haus einen Regenguß abzuwarten.
Auf unsere Fragen nach seiner Herkunft von der Küste und den Schwierigkeiten der Umstellung zum bäuerlichen Leben im Landesinneren antwortete er: „Nein, gar nicht. Ich habe die Landwirtschaft als Bub gelernt – und hier sind wir (aqui estamos).“
Ja, sie sind einfach da. Bei uns will man immer irgendwo hin.

Die Vorabendmesse
Nach diesem Gespräch wurden wir beim Einpacken ins Auto von einem Dutzend junger Männer, die ihren Samstag Nachmittag im abwartenden Sitzen auf einer Mauer verbrachten, schweigend und teilnahmslos beobachtet. Auf der Rückfahrt, ein paar Kilometer weiter, trafen wir auf eine große Gruppe von festlich angezogenen, fröhlichen Menschen. Gute Schuhe auf schlechtem Feldweg, Hühner, Hunde, Esel mitten drinnen. Pflanzen mit überdimensionalen Blüten und Blättern, Holzhütten in rosa, gelb oder hellblau, mit sauber gefegtem Lehmboden, eine Autostunde von dem entfernt, was wir Zivilisation nennen.
Wir halten an und fragen, ob es denn etwas zu feiern gäbe? „Ja! Ein Fest“, sagte ein alter Mann mit nur wenigen Zähnen für alle, die neugierig auf uns starren. Welches Fest? Die Vorabendmesse meinte er! „Wir sind auch katholisch,“ sagen wir, und alle freuen sich. Diese Menschen sind der Trost des Papstes.

Dr. Martin und Dr. Gudrun Kugler verbrachten mit ihren Kindern Sophie, Nikodemus und Zita Februar und März in der Dominikanischen Republik. Die hier wiedergegebenen Gedanken entsprechen ihren Erfahrungen und wurden weder statistisch noch wissenschaftlich überprüft. Das Ehepaar Kugler betreibt die Kairos Consulting für Non-Profit-Initiativen und die katholische Partnerbörse https://www.kathtreff.org.

 

 

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