VISION 20003/2010
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42 Überfälle und keine Folgen

Artikel drucken Verfolgte Christen in Ägypten

Anläßlich des Schweigemarsches für verfolgte Christen am 19. März in Wien sprach der koptische Bischof Anba Damian über die Situation der Christen in Ägypten. Dort wurden heuer in der Nacht vom 6. auf den 7. Jänner, dem Weih?nachtsfest der Kopten vor drei Kirchen in der südägyptischen Stadt Nag Ham?madi gezielt das Feuer auf Christen eröffnet. Sieben Kopten und ein muslimischer Polizist kamen ums Leben.

Wir wollen die Situation unserer Glaubensgeschwister im Land verbessern, insbesondere ihre Gleichstellung erreichen. Seit 1971 gab es 42 Überfälle auf Kopten, Kirchen, religiöse Institutionen, Vergewaltigungen und Tötungen von unschuldigen Menschen. Wir können es auch nicht verstehen, wenn unsere Glaubensgeschwister zuunrecht eingesperrt und gefoltert werden. Zugegeben: Verfehlungen ge?hö?ren nun einmal zum Menschen. Aber nicht menschlich ist es, daß man die Täter nicht bestraft. Nicht ein einziges Mal sind die Täter verurteilt worden. Kriminelle Kopten hingegen verurteilt man. Einem meiner Freunde ist ein medizinischer „Kunstfehler“ unterlaufen und er mußte hinter Gitter. Da gab es kein Pardon.
Wir meinen, daß die Quelle der ägyptischen Gesetzgebung die Scharia ist. Diese besagt nun, daß wenn der Täter Moslem und das Opfer ein Christ ist, so kann er nicht bestraft werden. Deswegen haben Richter ein Problem, den Moslem zu verurteilen. Das bedeutet einen Freibrief für Übergriffe. Wir verlangen daher ein Gesetz, das Taten unabhängig von der Religionszugehörigkeit beurteilt.
Der Umgang mit uns Kopten ist schädlich für das ganze Land, für dessen Ruf, dessen Tourismus, dessen Wirtschaft – und für den Islam. Denn wenn man da schweigt, entsteht der Eindruck, daß Terrorismus und Islam untrennbar miteinander verbunden sind. Hier bedarf es klarer Worte, damit nicht der Eindruck einer Symbiose zwischen beiden entsteht. Es darf einfach nicht sein, daß die Kriminellen weiterhin in Schutz genommen werden. Ich kenne viele Moslems, die das ablehnen.
Die Geschichte von Nag Hammadi hat jedes Maß übertroffen: daß unschuldige Menschen unmittelbar nach dem Gottesdienst erschossen werden. Dafür kann man kein Verständnis haben. Wir haben weltweit für diese Opfer gebetet, auch für die muslimischen, die es bei dieser Schießerei gegeben hat. Und die Kollekte, die wir gestartet haben, ist den koptischen und muslimischen Familien der Opfer gewidmet worden. Und ich sage Ihnen noch etwas: Ich bete auch für die Täter. Sie sind arme Werkzeuge.
Wir wenden uns an die Politiker unseres Landes, damit die Täter nicht weiterhin geschützt bleiben, an die Verantwortlichen, damit die Islam-Lehrer unter Kontrolle gehalten werden und die Freitagsgebete nicht zur Aufstachelung der Beter mißbraucht werden, an die vernünftigen Menschen unseres Landes, damit die Gläubigen aller Religionen gerecht behandelt werden.
Besonders appellieren wir an die Imame. Sie haben große Verantwortung. Denn unter ihren Zuhörern gibt es viele Analphabeten, die praktisch alle relevanten Informationen über das gesprochene Wort beziehen. Sie werden stark von den Predigten beeinflußt. Unlängst habe ich in einem Vorort von Kairo mitbekommen, was ein Imam gesprochen hat. Das war keine Predigt, sondern eine Kriegserklärung. Ich habe mich damals gefragt: Wie werden die einfachen, undifferenziert denkenden Zuhörer darauf reagieren? Wenn die das hören, gehen sie auf uns los!
Daß es uns Kopten gibt, ist ein achtes Weltwunder. Es ist nur dem Wirken Gottes zu verdanken.


Im Jänner, kurz nach dem Attentat in Nag Hammadi hatte der Bischof ein Interview für Kirche in Not gegeben. Dabei machte er folgende Feststellungen:


Was weiß man inzwischen über die Attentäter?
Bischof Damian: Die drei mutmaßlichen Täter, die auf die Jugendlichen geschossen hatten wurden schnell festgenommen. Doch sie sind nur Werkzeuge anderer, die in der hinteren Reihe sitzen und planen. Dieser Mord?anschlag war kein Zufall, sondern von langer Hand geplant. Es gibt Menschen, die den Bischof hassen und die Christen der Diözese ins Herz treffen wollten. Was die Attentäter angeht, kam von offizieller Seite die übliche Aussage, die lautet: „Ach, da handelt es sich um psychisch Kranke.“ Dazu kann ich nur sagen: Die Märchen hören nicht auf, denn diese immer gleiche Geschichte hören wir stets wieder. Wir haben die Nase voll und halten es nicht mehr aus. Die Kopten haben nichts Böses getan und niemanden verletzt. Wir haben nur den unverschämten Anspruch, als gleichberechtigte Mitbürger leben zu wollen.


Sie fordern also eigentlich nur Religionsfreiheit – ist diese Religionsfreiheit für die Christen in Ägypten denn nicht gegeben?
Bischof Damian: Im Augenblick ist es in Ägypten beinahe schon kriminell, wenn man in einer privaten Wohnung beten will. Wer als Christ eine Wohnung oder ein Haus kaufen will, muß unterschreiben, daß er diese Immobilie niemals als Gebetsraum nutzen wird. So weit sind wir in Ägypten! Wir bekommen keine Genehmigung, Kirchen zu bauen oder zu erweitern. Und wenn einer auf die Idee käme, sein Haus zu einer Kirche zu machen, dann muß er damit rechnen, daß es in Brand gesteckt wird. Denn es gibt niemanden, der uns in Schutz nimmt.


Kommen wir noch einmal konkret auf den Mordanschlag zurück – in Deutschland war zu lesen, daß es sich um einen Racheakt für die Vergewaltigung eines muslimischen Mädchens durch einen Christen gehandelt habe. Was halten Sie von dieser Erklärung?
Bischof Damian: Dieses Märchen haben wir natürlich auch gehört. Das trifft absolut nicht zu, es ist eine Verleumdung. Denn seien wir ehrlich: Wenn das der Fall gewesen wäre, wäre der Vergewaltiger schon längst mitsamt seiner ganzen Familie ermordet und sein Haus abgebrannt worden. Wir haben in Ägypten eine Kultur der Lügen. Das muß ich so deutlich sagen. Denn es geschieht beinahe täglich, daß christliche Mädchen entführt werden, daß ihnen Organe entnommen werden, daß sie vergewaltigt und in die Prostitution geschickt werden. Davon redet keiner! Die Wahrheit sieht vielmehr so aus, daß es schon seit geraumer Zeit in dieser Region Gewalt gegen Christen gegeben hatte und daß der Bischof sich geweigert hat, auf eine Aufklärung dieser Gewalt zu verzichten, so wie es die örtlichen Behörden von ihm verlangt hatten. Der Bischof verlangte Schadenersatz für die Menschen, die ihre Häuser und Geschäfte verloren hatten. Er weigerte sich, das Geschehene zu ignorieren und vor den Kameras zu lächeln. Daraufhin wurde ihm gesagt: „Wir werden dir zeigen, wie Islam geht, wenn du nicht tust, was wir wollen!“

Bischof Anba Damian ist koptischer Bischof in Deutschland. Das Interview ist aus:„Kirche in Not“-Berichte v. 27.1.10

 

 

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