VISION 20003/2010
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Absturz in den Himmel

Artikel drucken Eine Gottesbegegnung, die das Leben eines 30jährigen umkrempelt (Von Urs Keusch)

Das sind die schönsten Wunder Gottes: Wenn in die Nacht, in die Verzweiflung, ja, in die Hölle eines Menschen das Licht der Liebe Gottes einbricht, machtvoll, ein Blitz aus heiterem Himmel, unverdient – reine Gnade.

Neulich kam ein Buch heraus, das eine solche Geschichte erzählt, die Geschichte von Dario Pizzano: 1974 geboren lebte er in Erfurt. Nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann war er Eventmanager und DJ. Eines Tages macht er eine überwältigende Gotteserfahrung, studiert daraufhin katholische Theologie und arbeitet heute in der Erwachsenenbildung. Was er mit Gott erlebt hat und was diesem Erlebnis vorausgegangen ist, schildert ein empfehlenswertes Buch, das sich besonders für junge Menschen eignet.
Darios Leben kennt lange nur die Extreme: Sex, Drugs und Rock’n Roll – ein Leben auf der Überholspur. Nach außen ist es glamourös, erfolgreich, doch eigentlich ist er immer nur auf der Suche nach dem nächsten Kick: „Ich wollte berühren, fühlen, Schmerz empfinden, Grenzen überschreiten, daher wohl meine Sucht nach Anerkennung, nach Sex und körperlichen Grenzerfahrungen. Musik durfte nicht leise sein, sie mußte bis zur Schmerzgrenze gehen, Alkohol saufen, bis der Arzt kommt...  Ab in den Flieger, ab nach Mallorca, ab nach Ibiza, ab nach Napoli! Ab auf den nächsten Trip. Alkohol, Drogen. Partys. Frauen. Immer sollte es irgendwo noch heftiger sein.“
Am 28. November 2005 fährt Dario mit dem Auto auf der Landstraße von Seeberg nach Hause. Da geschieht etwas, was vor ihm schon Paulus und andere Menschen erlebt haben: die Barmherzigkeit, die Gnade, den völlig unverdienten, überraschenden Einbruch der erbarmenden Liebe Gottes in sein Leben. Dario nennt es „Absturz in den Himmel“.
Er hält seinen Wagen an; was er damals erlebt hat, bringt er in dieses Gestammel: „Vielleicht 20 Minuten lang: Wärme und Licht. Wärme und Licht. Liebe. Wärme und Licht. Liebe. Immer neu. Immer anders. Immer stärker. Nicht zu vergleichen mit Drogen. Keine Entfremdung. Kein Rausch. Ich bin ganz bei mir, bin bei mir, wie ich nie in meinem Leben bei mir war. Es ist ganz klar, ganz stark. Dieses Einströmen von etwas Wunderbarem. Meine innere Bitterkeit verfliegt, meine Härte zerbröselt, mein Eispanzer bricht innerhalb nur einer Sekunde. Ich heule mein ganzes Leben raus, den ganzen schrägen Film. Alle Schleusen gehen auf. Es ist so unglaublich, so unbeschreiblich schön. – Plötzliches Wissen, spontane Gewißheit: Es gibt Gott! Er sieht mich. Er ist da!“
Dario Pizzano schreibt sein Leben auf und legt uns nun in Buchform vor: Exzess. Meine zwei Leben.  Er schreibt vor allem für seine jungen Freunde, „für Euch und für unsere ganze Generation, die wir gemeinsame Erfahrungen machten – mit unserer Sehnsucht nach Nähe und neuen Formen des Umgangs miteinander, mit Drogenexperimenten, mit Musik, die zu einem vollkommenen Ausdruck unseres Selbst wurde, mit wildem, wahllosen Sex und tastenden Suchereien nach Liebe und Angesehenwerden.“
Und er will ihnen vor Augen führen, was für ein unendliches Geschenk ihm Gottes barmherzige Liebe gemacht hat: „Ich bin heute ein Mensch, der sich wie neugeboren fühlt, weil er ein wärmendes Licht im Herzen spürt, das still und kraftvoll brennt und mir Kraft ohne Ende gibt. Wenn Ihr dieses Licht auf die Waagschale legt und auf die andere Seite alle sexuellen Abenteuer, alle Trips und alle euphorischen Zustände, die ich je in meinem Leben erfahren habe – und Ihr wißt alle: das waren eine Menge –, dann würde ich keine Sekunde zögern und nach dem Licht greifen.“ Gott ist tatsächlich der barmherzige Vater...
Was Dario erlebt hat – diesen „Absturz in den Himmel“ –, das möchte Gott auch allen anderen Menschen schenken, denen es so oder ähnlich ergeht wie ihm, vor allem den jungen und verführten Menschen heute, die Opfer sind einer unaufhaltsamen Flut der Verunreinigung, des Gemeinen, des Dämonischen. „Ich bin heute ein Mensch, der sich wie neugeboren fühlt“, sagt Dario von sich.  Sich neugeboren zu fühlen,  das ist vielleicht das tiefste Bedürfnis der menschlichen Seele. Immer suchen wir die verlorene Reinheit unseres Herzens wieder. Und wir finden sie nur, wenn der Erlöser auch in unser Totenreich hinabsteigt und uns seine eigene Reinheit und Heiligkeit schenkt.
Der normale Weg zu dieser Erfahrung ist für uns Christen das Sakrament der heiligen Beichte. Also ging Dario Pizzano zu einem Priester und sagt ihm: „Mein bisheriger Weg bestand nur aus Geld, Macht und Sex. Drei Ehefrauen habe ich verschließen, fünf Kinder gezeugt. Und alle hassen sie mich… Mein Leben ist eine einzige Katastrophe.“ Er legt eine Lebensbeichte ab und macht die Erfahrung: „Gott zeigte sich mir in Wahrheit als der wahre Vergeber und Versöhner. Gott ist tat?sächlich der barmherzige Vater, der mich ohne alle Bedingung annimmt und mir alle Schuld verzeiht, so daß sie wirklich aus der Welt ist.“
Aber damit war es nicht getan, wie Dario es sich erhofft hatte und wie viele Menschen glauben, die eine Bekehrung erlebt haben. Vielmehr beginnt nun ein steiler und steiniger Weg. Er schreibt: „Abstieg war angesagt – und ich wollte doch zu neuen Ufern aufbrechen, wollte nichts mehr wissen von allem, was hinter mir lag… Familienschuld wurde endlich aufgedeckt. Alle sind und waren Opfer und Täter in einem. Alle. Mein Vater war das Opfer seines Vaters. Meine Mutter das Opfer ihrer Mutter. Meine Schwester war das Opfer ihres Vaters. Und so weiter. Und weil wir Opfer waren und mit unserer Opferrolle nicht umgehen konnten, taten wir uns und anderen großes Leid an, wurden zu aktiven Tätern, die sich in diesem Pingpong des Irrsinns neue Opfer suchten…“
Es beginnt ein langer, schmerzhafter Weg der Aufarbeitung seiner Lebensgeschichte. Dario bittet die Menschen, an denen er schuldig geworden ist, um Vergebung. Den vollständigen Ausstieg aus seiner Drogen- und Tablettenabhängigkeit und aus seiner schweren Depression schafft er nicht ohne therapeutische Hilfe. Ja, er erfährt gerade in der Hilfe durch andere Menschen Gottes Fürsorge und Nähe.
Bedenkenswert ist auch, was Dario nach dieser heilenden Got?teserfahrung vom neuen Umgang mit seiner Geschlechtlichkeit sagt: „Die Veränderung meiner sexuellen Praxis und meiner sexuellen Einstellungen ist vielleicht der fühlbarste Unterschied zu früher. Ich ekle mich mittlerweile regelrecht vor Pornografie oder auch Selbstbefriedigung… Sexualität ist nur mit Liebe wirklich erfüllend. Voller Sex braucht die volle Liebe, der Rest ist vom Teufel. Was habe ich nur selbst erlebt und was habe ich an der Theke für Geschichten gehört von One-Night-Stands, Betrügereien und ihre Folgen!... Welch ein schreckliches Elend! Welch ein Preis für die schnelle Nummer! Das mache ich nie, nie mehr… Mit meiner Uta werde ich das erst haben, wenn ich vor dem Altar für immer ja zu ihr sage. Das ist für uns beide überhaupt nicht schwer. Wahre Liebe wartet. Das habe ich endlich kapiert.“
Nicht weniger erfrischend ist, was Dario Pizzano nun über die Familie schreibt, die er vorher als Einrichtung für Spießer gehalten hatte: „Die familiären Bindungen, die vorhandene oder fehlende Liebe, das geschenkte oder entzogene Vertrauen, sind das nicht die psychischen Bausteine, auf denen sich stabiles, gesundes, starkes Leben aufbaut? Liebe – das ist es doch, was die Menschen ihr Leben lang suchen. Das einzige Ziel, für das es sich zu leben lohnt. Der einzige authentische Antrieb. Liebe! Was ist eine intakte Familie? Die einzige Lebensform, so denke ich heute, in der wir einander gerecht werden können… Eine intakte, liebevolle Familie ist der wahre Nährboden für gesunde und selbstbewußte Menschen.“
Das Buch ist auch darum sehr empfehlenswert, weil heute nicht wenige junge, aber auch ältere Menschen ähnliche Erfahrungen machen wie er. Sie erleben unerwartet  – meist in einer Lebenskrise – die liebevolle Wirklichkeit Gottes und machen dabei umwerfende Erfahrungen. Dann meinen leider viele, es sei nun alles getan, von jetzt an sei endloses Schweben angesagt. Doch dies erweist sich als Irrtum und führt bei vielen zur Entmutigung. Der hl. Franz von Sales sagt dazu: „Gewöhnlich geschieht Genesung des Leibes wie der Seele nur allmählich, Schritt für Schritt, von Stufe zu Stufe, mit großem Aufwand an Mühe und Zeit… Das Bemühen um Reinigung unserer Seele kann und soll nur mit unserem Leben ein Ende finden“. Auch zu diesem geduldigen und beharrlichen Weg möchte das Buch alle ermutigen, die mit ihrer Vergangenheit noch nicht fertig geworden sind. Sind wir das überhaupt je?

Exzess. Meine zwei Leben. Von Dario Pizzano, Pattloch, 271 Seiten, 16,99 Euro

 

 

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