VISION 20003/2010
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Zitate zum Mißbrauchsskandal

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In den letzten Wochen und Monaten gab es eine unüberblickbare Zahl von Meldungen und Kommentaren zum Thema. Einiges von dem, was uns bedenkenswert erschien, haben wir gesammelt. Im folgenden auszugsweise einige Passagen.

Gottesvergiftung
Der Spiegel, der uns vorgehalten wird, er zeigt uns etwas, das Mißbrauch in der Kirche besonders schwer macht: Er schändet den heiligen Namen Gottes. Er verstellt oft für ein ganzes Leben den Zugang zu dem Gott, der mit uns ist und der uns befreit. Mißbrauch im sexuellen oder durch Gewalt oder durch beides, wenn sie durch Geistliche, Priester, Ordensleute geschehen, können zur „Gottesvergiftung“ werden. Die Personen, die die Nähe und den Namen Gottes nahebringen sollen, werden zu Zerstörern der Gottesbeziehung. Das ist es, was den Mißbrauch in der Kirche noch einmal schlimmer macht, und deshalb ist das Wort „heiligen Zornes“, das Jesus gesagt hat, so schrecklich ernst: „Wer diesen Kleinen ein Skandalon, ein Ärgernis gibt, dem wäre es besser, man hinge ihm einen Mühlstein um den Hals, um ihn ins Meer zu versenken.“ Ärgernis den „Kleinen“, den Abhängigen, den Wehrlosen, den Kindern und Jugendlichen: Das trifft Gottes Zorn und Weh. (…) Ist es nicht die Tragik dessen, was wir jetzt erleben, daß ein Evangelium der Befreiung zu einer Mißbotschaft des Mißbrauchs geworden ist? Dazu muß die Kirche umkehren, wir alle.
Auszug aus der Predigt Kardinal Schönborns beim Klage- und Bußgottesdienst am 31.3.10

Kein Zusammenhang mit Zölibat
Aus der Sicht eines Kriminalpsychiaters: Warum werden Menschen pädophil?
Prof. Hans-Ludwig Kröber: Das ist nach wie vor nicht eindeutig zu sagen, es gibt da sehr unterschiedliche Theorien. Schlüs?sel?erlebnisse als Kind und Jugendlicher spielen häufig eine Rolle, zum Beispiel erste Verliebtheitsgefühle oder sexuelle Erlebnisse mit anderen Kindern, und ein anschließendes Steckenbleiben der sexuellen Entwicklung auf so einer Doktorspielebene. In jedem Fall werden Menschen in ihrer Entwicklungsphase zu Pädosexuellen, und nicht erst, nachdem sie lange Zeit auf Sex verzichten mußten. Man wird, nebenbei bemerkt und rein statistisch gesehen, eher vom Küssen schwanger, als vom Zölibat pädophil.
Die Tagespost v. 10.4.10


Die Wahrheit ist, daß alle Institutionen die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, Menschen anziehen, die mißbräuchlichen Kontakt mit ihnen suchen. Das gilt für Sportvereine, Einrichtungen der Jugendhilfe, und natürlich auch für die Kirchen. Einer der führenden Experten in Deutschland, Hans-Ludwig Kröber, sieht keinerlei Hinweis darauf, daß zölibatäre Lehrer häufiger pädophil seien als andere. Leider hat die Wissenschaft noch keine Screeningmethoden entwickeln können, mit denen man solche Menschen herausfinden kann. Es bleiben also nur die verantwortungsvolle Beobachtung und die schnelle Reaktion bei Auffälligkeiten. Da sind die Strukturen der Kirche sogar hilfreich. Sie kann vernetzter und professioneller reagieren als ein örtlicher Sportverein.
Andererseits wird aber über den mißbrauchenden Jugendwart in Niederbayern bloß im Lokalteil der örtlichen Zeitung berichtet, handelt es sich aber um den Pfarrer, gibt es bundesweite Schlagzeilen. Zurecht, weil es ein schwereres Verbrechen ist. So entsteht freilich ein verzerrtes Bild über die Häufigkeit. Außerdem sorgt die Kombination von Sakralität, Sexualität und Kindergesichtern naturgemäß immer für besondere Aufmerksamkeit. Was immer man schließlich von der katholischen Sexualmoral halten mag, sie war jedenfalls auch in Zeiten der Verharmlosung von Pädophilie für jeden, der sich daran hielt, ein Bollwerk gegen Kindesmißbrauch.
Manfred Lütz, Psychiater und Theologe, in „Informationsblatt der Priesterbruderschaft St. Petrus“ April 2010


Waren es vielleicht meine Sünden?
Als Jesus vor seinem Verrat zu seinen Freunden sagte: „Einer von euch wird mich verraten“, fragten alle aufgescheucht durcheinander: „Bin ich es etwa, Herr?“ Jeder wußte: Ich könnte es sein! Ja, ich! Niemand von uns weiß, auf welche Seite er kippen wird, wenn Versuchungen und Prüfungen über ihn kommen werden (Judas, Petrus!). Darum sind die Priester, die sich so schwer an den Kindern versündigt haben, auch in uns. Wir alle könnten diese Priester sein. Unverdiente gnädige Fügung hat uns bisher bewahrt vor solchen Sünden, dafür haben wir vielleicht andere begangen, vielleicht noch schlimmere. Und wenn wir Christen als Kirche ein Leib sind: Waren es vielleicht meine Sünden, mein Mangel an Liebe und Gebet, meine Gleichgültigkeit gegenüber der Kirche, die den Leib der Kirche so geschwächt haben, daß jene priesterlichen Glieder zu Fall gekommen sind? Jesus sagt: „Meint ihr, daß nur sie Schuld auf sich geladen haben, alle andern Christen von Jerusalem, der Schweiz, Deutschlands, Österreichs ... etwa nicht? Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt“ (Vgl Lk 13.4-5). „Hier gibt es nur eine Rettung: mache dich selber für alle Sünden der Menschen verantwortlich!“ (M. Dostojewskij)
Urs Keusch in „Kath. Wochenzeitung“ v. 30.4.10


Eine verschwindende Minderheit
Im Moment konzentrieren sich die Vorwürfe stark auf kirchliche Einrichtungen. Wird da ein verzerrtes Bild gezeichnet?
Stefan Hopmann: Daß der Fokus derzeit auf den Ordensschulen liegt, ist nach allem, was wir aus der Forschung wissen, grob irreführend. Empirisch machen die Vorkommnisse dort eine relativ kleine Minderheit aus. Es hat offenbar viel damit zu tun, daß die Ordensschulen in Österreich halt eine starke Stellung hatten. Nur ist es völlig irreführend, jetzt so zu tun, als ob das katholische Internat der wichtigste Ort der Horrors war. Nein. Das ist quer durch alle Einrichtungen und quer durch alle Schichten passiert. Und das ist wichtig, daß man das zur Kenntnis nimmt. Weil man sonst Gefahr läuft, eine einzelne Gruppe, die trotz der schlimmen Ausnahmen empirisch sogar zu den vergleichsweise weniger anfälligen gerechnet werden muß, für etwas zu prügeln, was die ganze Gesellschaft verbockt hat.
Salzburger Nachrichten v. 20.3.10, Hopman ist Erziehungswissenschafter an der Universität Wien.

Nur 0,3 Prozent aller Täter, die sexuellen Mißbrauch an Minderjährigen begehen, sind aus dem kirchlichen Bereich. Das sagte der Gerichtspsychiater Reinhard Haller in einem Interview mit dem ORF Vorarlberg. 99,7 Prozent aller Täter kommen aus dem familiären Umfeld oder aus Vereinen. Haller ist Mitglied der unabhängigen Kommission, die sich mit den Mißbrauchsfällen in der katholischen Kirche befaßt und die von Waltraud Klasnic geleitet wird. (…) Auch die „Trittbrettfahrer“ sprach Haller an: Etwa 50 Prozent aller Anzeigen wegen sexuellen Mißbrauchs seien derzeit Fehlanzeigen. Diesem Problem wolle er sich stellen.
Kath.net v. 28.4.10


Alles in einen Topf geworfen
Es ist ein Fehler von Anfang an gewesen, daß die Beschuldigten es zugelassen haben, daß der Begriff Kindesmißbrauch – das ist ja ein riesig breites Etikett – benutzt wurde, ohne daß darauf gedrungen wurde, zu unterscheiden, um was es hier konkret geht. Mit der Konsequenz, daß unter dem Begriff Kindesmißbrauch die verschiedensten Dinge subsumiert wurden. Da gibt es schwerwiegende Übergriffe, durch die Kinder zum Opfer werden. Es gibt aber auch Bagatellfälle, die zwar auch nicht akzeptabel, aber im Vergleich zu dem schweren Mißbrauch relativ belanglos sind. Hinzu kam, daß unter dem ohnehin weiten Begriff Kindesmißbrauch etwas aufgeführt wurde, was mit den sexuellen Übergriffen nichts zu tun hat, nämlich körperliche Strafen im Unterricht. Das alleine ist ein weites Thema, das man ebenfalls von Anfang an hätte diefferenziert behandeln müssen: Sind Kinder mit dem Stock geschlagen worden? Sind sie schwer geohrfeigt worden oder war das ein Klaps auf den Hinterkopf? Hinzu kommt die Zeitdimension und der damit verbundene Wandel der moralischen Maßstäbe: Köerperliche Strafen hat die Mehrheit der Bevölkerung in den sechziger und siebziger Jahren als normale Erziehungsmittel angesehen.
Der Grundfehler der katholischen Kirche war also, daß sie nicht von Anfang an darauf insistiert hat, die Fälle konkret beim Namen zu nennen: Wer hat was wann wo gemacht? Die Gründe sind nachvollziehbar: Man schämt sich, man will Leute schützen, man will keine unappetitliche Einzelheiten in die Öffentlichkeit bringen. Der verständliche Verzicht auf solche Klärungen hat dazu beigetragen, daß aus extrem unterschiedlichen Dinge eine Kette von Ereignissen wurd,e die sich gegenseitig zu einem Negativbild ergänzen.
Prof. Hans Mathias Kepplinger, Mainz in „Die Tagespost“ v. 24.4.10


Sexuelle Verfehlungen: die Zahlen
Die römische Glaubenskongregation hat in den vergangenen neun Jahren 300 Anzeigen pädophiler Handlungen durch Kleriker behandelt. Diese Zahl nannte der Promotor Iustitiae Charles J. Scicluna, eine Art Strafverfolger der Behörde für schwere kirchenrechtliche Vergehen, in einem Interview mit der katholischen italienischen Tageszeitung «Avvenire». Demnach gingen im Vatikan seit Inkrafttreten des Dekrets „De delictis gravioribus“ von 2001, das die Zuständigkeit für solche Kirchenprozesse der Glaubenskongregation zuweist, insgesamt 3.000 Beschuldigungen wegen sexueller Übertretungen von Diözesan- und Ordenspriestern ein. Es habe sich um Vorgänge aus den zurückliegenden 50 Jahren gehandelt, so Scicluna. Der Großteil der Fälle betreffe die USA. Etwa 60 Prozent der Anzeigen hätten sich auf „sexuelles Hingezogensein zu Heranwachsenden desselben Geschlechts“ bezogen, 30 Prozent auf heterosexuelle Beziehungen. Zehn Prozent beträfen Akte der Pädophilie im eigentlichen Sinn. Diese 300 Fälle seien „immer noch zu viele“, betonte Scicluna. Allerdings sei „das Phänomen nicht so verbreitet, wie einige glauben machen wollen“.
Kath.net v. 13.3.10

Der Papst im Visier
Jeder ehrliche Beobachter muß zugestehen, daß niemand so zielstrebig für die lückenlose Aufklärung der Mißbrauchsfälle und die Heilung der Opfer gekämpft hat wie Ratzinger als Kardinal und später als Papst. Man denke nur an die schonungslose Auseinandersetzung mit dem Gründer der "Legionäre Christi". Die Forderungen des Papstes in Bezug auf sexuellen Mißbrauch sind seit langem bekannt. Wenn ihm nun Schweigen vorgeworfen wird, geht es um etwas anderes. Diejenigen, denen das unfehlbare Lehramt der katholischen Kirche ein Dorn im Auge ist, wittern Morgenluft. Sie möchten den Felsen Petri mit seinem kompromißlosen Einsatz für die Würde des menschlichen Lebens, diese Festung in der Brandung des Meeres zu Fall bringen. Da die Gegener plötzlich eine entscheidende Chance zu sehen glauben, setzen sie zum Generalangriff an. (...) Die Antwort des Papstes lautet: Wir müssen für die begangenen Verbrechen Buße tun, Gott läßt es bewußt zu, daß uns die Welt unsere Sünden vor Augen hält. Und wenn der Papst dabei ausdrücklich von "unseren Sünden" spricht, identifiziert er sich in der Schicksalsgemeinschaft des Volkes Gottes wie Jesus selbst bereits mit den Sündern und ihrer Schuld vor Gott.
Erich Maria Fink und Thomas Maria Rimmel in "KIRCHE heute", Nr. 5/2010

Ich kann verstehen, wenn Bischöfe oder Äbte so manchen Vorfall verschwiegen haben. Sie dachten dabei wohl mehr an das eigene Image als an die Qual des Opfers. Manches wurde einfach unterschätzt oder in einer falsch verstandenen Barmherzigkeit verdrängt. Und wenn nun massenweise Klagen kommen, folgt erst einmal lähmende Irritation. Aufklärung ist wichtig, rechtliche Konsequenzen für den Täter richtig und interne Hinterfragung mißbrauchsfördernder Strukturen notwendig.
Ich verurteile aber die Art und Weise, wie die Medien damit umgehen. Neben der uns Deutschen typischen Überreaktion entdecke ich auch eine klammheimliche Schadenfreude der Kirchengegner und eine einseitige Sichtweise der Zusammenhänge. Ist dem Opfer etwa geholfen, wenn der Täter nicht nur namentlich, sondern auch noch mit Gesicht öffentlich gemacht wird? Vor allem, wenn er schon tot ist? Hier werden die Angehörigen mitverurteilt, mindestens gesellschaftlich ins Abseits gedrängt. Es wäre besser, dem Opfer zu helfen, als das Umfeld des Täters (Familie, Kloster…) so akribisch zu outen.
Jörg Müller SAC, Priester und Psychotherapeut, in Münchner Merkur v. 1.3.10

 

 

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