VISION 20003/2010
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Die Antwort ist Heiligkeit

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Die Kirche hier im Westen macht jetzt eine Erfahrung, die viele ihrer Glieder in anderen Kontinenten dauernd machen: daß sie gegen den Strom schwimmen müssen, daß sie mit Anfeindungen und Verfolgungen rechnen müssen. Ähnliches zeichnet sich nun auch in unseren demokratischen, pseudo-toleranten Systemen ab. Was sich in den letzten Monaten in den Medien abgespielt hat, ist ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen kann.
Wir dürfen uns nicht in Wehleidigkeit und Selbstmitleid ergehen. Auch wenn jetzt viele die Kirche verlassen, können wir darauf vertrauen, daß diese auf Fels gegründete Kirche selbstverständlich nicht untergehen wird. Das ist die zeitlos gültige Zusage des Herrn. Damit sich diese Zusage aber auch hier in Europa verwirklicht, bedarf es einer Erneuerung des Glaubens hier. Die derzeitige Krise ist dazu ein guter Anlaß.
Es geht darum, daß ich und Sie, liebe Leserin, Sie, lieber Leser, Konsequenzen aus der Miß?brauchskrise ziehen. Warum ich? Werden Sie fragen. Wir haben doch weder Kinder belästigt, noch Gewalt angewendet! Und dennoch. Bei der Krisenbewältigung geht es um uns, jeden von uns. Diese Krise stellt uns nämlich vor wesentliche Fragen: Was ist wirklich wichtig in meinem Leben? Wohin geht mein Geld, meine Zeit, meine Gedanken? Unterscheide ich mich in meiner Lebensführung, meinen Prioritäten vom Lebensstil, den der Zeitgeist predigt?
Eine ernsthafte Prüfung ist angebracht. Die Versuchung zur Selbstzufriedenheit ist groß. Ich merke es, wenn ich abends den Tag Revue passieren lasse: Ja, die Sünden der anderen, die hätte ich sofort parat. Aber was mich betrifft, muß ich mich schon anstrengen, um auf die eine oder andere Lieblosigkeit, das eine oder andere Versäumnis zu stoßen. Nicht weil ich so sündenrein wäre, nein, weil ich zu wenig bewußt in der Gegenwart Gottes lebe – und nach weltlichen Kriterien steht man eben relativ leicht gut da.
Diese Oberflächlichkeit ist Ausdruck eines Alltagslebens, in dem Gott eine nachgeordnete Rolle spielt und der Zeitgeist zu viel Spielraum bekommt. Genau an diesem Punkt muß die Neuausrichtung ansetzen.
Papst Johannes Paul II. hat uns bei seinem Amtsantritt zugerufen: „Öffnet die Tore für Christus! Reißt sie weit auf! Habt keine Angst!“ Und Papst Benedikt XVI. wird nicht müde, es uns in Erinnerung zu rufen: Im christlichen Leben geht es primär und immer wieder, Tag für Tag, Stunde um Stunde um Jesus Christus. Welche Rolle spielt Er in deinem Leben, in deinem Alltag, bei deinen Entscheidungen? Alles andere ist nachgeordnet, leitet sich von der Grundentscheidung für Jesus Christus ab.
Jesus Raum i
m Leben zu geben, darum geht es. Nur Er kann mir dazu verhelfen, nicht in Sorgen zu ersticken, in Verbitterung, Panik, Ängstlichkeit oder Resignation zu versinken. Er schenkt mir die Hellhörigkeit, Gelegenheiten wahrzunehmen, in denen ich Seine Liebe weitervermitteln kann und die ich bisher im Alltagstrott übersehen habe: Gespräche in einem Tonfall zu führen, die anderen – auch wenn sie meine Ansicht nicht teilen – das Zuhören erleichtern, Momente zu erfassen, in denen mein Gegenüber bereit ist, ein aufbauendes Wort anzunehmen, Geduld zu bewahren, wo ich sonst aufbrausend reagiert hätte… Es geht um unsere Heiligkeit im Alltag. Wir brauchen viele „Mutter Teresas“, die aus der eigenen Got?tesnähe einer Welt, die sich von Gott verabschiedet, wieder die Sehnsucht nach dem Heiligen wachrufen.
Wenn ich das hier schreibe, merke ich, wie weit ich – trotz allem – von dieser Vertrautheit mit Christus entfernt bin. Aber ich will mich nach ihr neu ausstrecken, will heute, ja jetzt damit beginnen – und morgen nicht wieder auf diese Entscheidung vergessen. Und weil dies – ich kenne meine Schwäche – dennoch geschehen wird, fasse ich jetzt schon den Vorsatz, übermorgen wieder neu zu beginnen.

Christof Gaspari

 

 

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