VISION 20002/2015
« zum Inhalt Schwerpunkt

Das Teuerste ist für uns Jesus Christus

Artikel drucken Über das Selbstverständnis der Christen in einer glaubenslosen Welt (Von Weihbischof Andreas Laun)

Die westliche, ganz auf das Diesseits fixierte Gesell­schaft steht dem Phänomen Religion verständnislos, oft sogar feind­lich gegen­über. Der Anspruch der Christen, die Wahrheit in Person zu kennen, erscheint da als unzumutbare Provokation.

Es ist zwar schon lange her, aber es gab einmal im Rahmen der Werbung für die Mission kleine Figuren, die ein schwar­zes Kind darstellten, zu dessen Füßen eine Kasse montiert war, die dazu einlud, eine Münze einzuwerfen: Immer, wenn ein frommes weißes Kind von seinem ersparten Taschengeld ein wenig opferte, nickte der kleine arme Neger – „Neger“ war damals noch korrekt! – dankbar und das weiße Kind wusste: Erstens, dass es ein gutes Werk getan hatte, und zweitens, dass dieses Geld verwendet würde, um aus möglichst vielen Heidenkindern gute Christenkinder zu machen und dass diese durch die Taufe in den Himmel kommen würden.
Nun, die Zeit ist vorbei, man kann lächeln, aber man sollte auch nicht auf Grund eigener „Aufgeklärtheit“ spotten. Denn so peinlich das Modell gewesen sein mag, damals kannten Katholiken die Lehre der Kirche und dachten über die Mission im Wesentlichen richtig! Das heutige Missverständnis, Mission sei nicht wichtig, ist um nichts besser! Die Öffentlichkeit hat heute nicht Irrtümer von damals überwunden, sondern sie durch neue Irrtümer ersetzt und zwar solche, die viel schwerer wiegen, weil sie im Unglauben wurzeln und auf Unverständnis für Religion überhaupt beruhen!
Zu bedenken ist: Für ungläubige Menschen sind alle Religionen ohnehin nur Menschenwerk, Aberglaube, vielleicht auch der Kitt, der ein politisches System über Jahrhunderte zusammenhielt, wie etwa das Reich der Pharaonen oder wie die Götterwelt der Römer dies für das Imperium besorgte. Positiv werten lässt sich Religion aus ungläubiger Sicht auch als Kulturträger. Aber sonst sind Religionen ohne Wert, gerade in dem, was sie von sich selbst sagen!
Was die Bibel über die Nichtigkeit der heidnischen Götter sagt, sagt der moderne Atheismus erst recht über Juden und Christen, eigenartigerweise mit einer besonderen, feindseligen Leidenschaft, die merkwürdig ist für jemanden, der ohnedies alles Religiöse nur für eine Art Märchen hält. Es ist, als fürchtete sich jemand vor einem Schatten, obwohl er stets beteuert, dass er nicht an Gespenster glaubt!
Wenn man heute über Religionen redet, lässt man diese selbst kaum zu Wort kommen, sondern gibt ihnen den Rahmen vor, innerhalb dessen es sie geben darf: „Religiös korrekt“ und dann auch annehmbar für die säkulare Welt sind nur Religionen, die „lieb mit­einander“ sind, die andere Religionen nicht zu missionieren versuchen, die den „Frieden unterstützen“ und im übrigen all das „lehren“, was zu vertreten ihnen der moderne, totalitäre Züge annehmende Moralismus der Gutmenschen abverlangt.
Die Religionen sollten verurteilen und in ihre Lehren aufnehmen, was der Zeitgeist ihnen zu verurteilen vorschreibt. Sie sollten die „europäischen Werte“ lehren und sich ideologisch wie die Außenstelle einer politischen Partei verhalten. Dann sind sie „gute Religionen“. Was sie darüber hinaus noch glauben oder von ihren Mitgliedern verlangen, könne dann getrost ihnen überlassen bleiben, vielleicht als harmloses Kuriosum.
Bei allem bisher Gesagten blieb die Frage offen: Was ist eigentlich eine Religion? Ohne hier den Versuch einer Definition zu wagen und ohne auch nur die bekanntesten Religionen durchforsten zu wollen, ist festzustellen: Der gemeinsame Nenner aller Religionen ist wohl ein Got­tesbezug in Form einer Suche nach Gott, einer Lehre über Gott, einer Wegbeschreibung, wie man zu Gott gelangen kann, wobei bei all dem offen bleibt, was jeweils mit „Gott“ gemeint ist.
Von den vielen Religionen, die in dieser Beschreibung enthalten sind, unterscheiden sich jene, die sich für ihre Inhalte nicht auf eigene Gedanken berufen, sondern auf eine Art Offenbarung, die sie von Gott selbst als Botschaft empfangen haben. Dabei denkt man vor allem an die sogenannten Hochreligionen, das heißt das Judentum, das Christentum und den Islam. Viele meinen, man müsse auch den Hinduismus nennen und sogar den Buddhismus, obwohl dieser keinen personalen Gott kennt! Auch diese Frage sei hier beiseitegelassen.
Viel wichtiger ist ein ganz anderer Gesichtspunkt, durch den auch der Islam sozusagen ausscheidet. Denn Juden und Christen behaupten nicht, sozusagen per Post ein Buch erhalten zu haben, das ihnen von Gott her etwas mitteilt, sondern sie sagen: Gott war von Anfang an bei uns, Er hatte, seit es uns überhaupt gibt, eine väterliche Beziehung zu uns Menschen, diese Beziehung hatte dann auch die Gestalt eines Bundes, den wir Menschen zwar oft und oft gebrochen haben, aber Gott gab nicht auf. Er erneuerte den Bund wieder und wieder.
Zuletzt – und damit trennt sich die Geschichte der Juden von jener der Christen – ist etwas Unerhörtes geschehen: Gott selbst wurde Mensch, einer von uns! Die Juden glauben nicht, dass dies geschehen sei, sie warten immer noch auf einen „Messias“, der von Gott her kommen soll. Dass dieser Messias Jesus gewesen sei, können sie nicht glauben. Für Christen aber ist genau dies die Wahrheit, von der sie überzeugt sind.
Darum, weil in Jesus Gott selbst gekommen ist, nennen sie Jesus ihren „Herrn“ und „Meister“, sind und waren oft schon bereit, ihr Leben für ihn hinzugeben, und sind überzeugt, dass Er an einem geheimnisvollen Ende aller irdischen Zeit wiederkommen wird. Genau genommen: Er ist in der Geschichte bei Seiner Kirche geblieben, aber verborgen. Dann aber wird Er – endlich und heiß ersehnt – in „Macht und Herrlichkeit“ kommen.
In der Zeit „dazwischen“ denkt die Kirche nach über das Geschehene und wartet! Und wenn sie nach ihrem „Teuersten“ gerade auch von ihren Feinden gefragt wird, antwortet sie wie Starez Johannes (stellvertretend für alle Christen gegenüber dem Antichristen in Vladimir Solojews Buch Kurze Erzählung vom Antichrist): „Das Teuerste am Christentum ist für uns Christen Christus selbst. – Er selbst und alles, was von Ihm kommt. Denn wir wissen, dass in Ihm die ganze Fülle der Gottheit wohnt.“ Und das ist natürlich aufreizend für die Welt, die über sich keinen Himmel und keinen Gott anerkennen will!
Das Unerhörte, was Juden und Christen eigentlich wieder eint, ist die Deutung dieser Geschichte Gottes mit uns Menschen als Geschichte einer großen Liebe: Beide sind überzeugt, dass die Beziehung Gott und Mensch am besten als Liebesgeschichte, als eine eheliche, bräutliche Beziehung zu begreifen ist: Gott ist der Bräutigam, die Menschen, das Volk Gottes, die Kirche bilden die Braut.
Von daher versteht man: Der Himmel ist nicht die mythische Vorstellung von einem ewigen Feiern nach weltlicher Art, sondern etwas ganz anderes: Der Himmel ist eine Hochzeit zwischen Gott und den Menschen, die dazu bereit waren!
Wenn aber die Kirche eben dies ist, die Gemeinschaft Got­tes mit den Menschen auf Erden, dann folgt: Unmöglich kann sich die Kirche gegen die Ordnung Gottes stellen, Seine Gebote abändern, auch nur ein Jota von der Lehre Jesu abstreichen, Sein Licht durch eigene „Lichter“ ersetzen lassen! Gender und andere Selbst-Erfindungs-Programme ideologischer Lobbys sind absolut nicht verhandelbar!
Und daraus folgt auch: Diese Kirche wird jeden Versuch, die Welt als neuen Turm von Babel zu bauen und die Menschen als eine Art Ameisenhaufen zu reglementieren, ablehnen und widerständig bleiben! Darum kommt es heute auch, wenn es um das Recht auf Leben und um die Familie geht, zur Konfrontation zwischen Welt und Kirche, die diese Grundlagen der Schöpfungsordnung verteidigt!
 Der Konflikt ist vorprogrammiert, wo Menschen die höhere Autorität Gottes nicht mehr anerkennen. Darum kam es in der Geschichte immer wieder zur Feindseligkeit gegen Juden und auch zu Christenverfolgungen – immer ging es eigentlich gegen Gott, den man zu treffen sucht in Seinem Volk und in Seiner Kirche! Dass es dem „Vater der Lüge“ gelungen ist, Christen zu Antisemiten werden zu lassen, gehört zu den absurdesten Meisterleistungen des großen „Verwirrers“! Es ist sicher richtig, wenn ein Jude unserer Zeit gesagt hat: Die nächste Verfolgung wird kommen. Sie wird beide gemeinsam treffen, Juden und Christen!
Das wird so sein, aber auch für die künftigen Verfolger gilt: Offenbar lernen auch sie nicht aus der Geschichte: Wer sie auch waren, von Nero über die Schergen der französischen Revolution bis hin zu Hitler, Stalin sowie deren Vasallen und Nachahmern weltweit: Letztlich sind sie alle gescheitert oder schon wieder auf dem Weg in ihren Untergang.
Unerschrocken hält die Kirche allen Menschen ihren Glauben entgegen, „dass ihr Herr und Meister der Schlüssel, der Mittelpunkt und das Ziel der ganzen Menschheitsgeschichte ist“ (2. Vatikanisches Konzil GS 10). Folgerichtig erklärte Papst Johannes Paul II.: „Die christliche Offenbarung wird in der Geschichte der wahre Leitstern für die ganze Menschheit bleiben: Die Wahrheit, die Christus ist, erscheint nötig als universale Autorität.“ (zitiert nach Dominus Jesus Nr. 23).
Wer an diesen Sätzen Anstoß nimmt, zeigt, dass etwas in seinem geistlichen Leben aus den Fugen geraten ist. Die Kirche bevormundet niemand, sie drängt niemandem etwas auf, sie weiß sich nur als Verwalterin der „Geheimnisse Gottes“ (1 Kor 4,1) und indem sie dies tut, ermöglicht sie den Gläubigen, in diesen Geheimnissen zu leben und ihre Heimat zu finden.

© 1999-2020 Vision2000 | Sitz: Beatrixgasse 14a/12, 1030 Wien | Mail: vision2000@aon.at | Tel: +43 (0) 1 586 94 11