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Himmel oder Hölle

Artikel drucken Ein Interview-Buch mit Pfarrer Gerhard M. Wagner (Doris de Boer)

Es war einer der großen Skandale in der jüngsten Kirchengeschichte Österreichs: Im Februar 2009 war Gerhard Maria Wagner von Papst Benedikt XVI. zum Weihbischof in der Diözese Linz ernannt worden. Doch diese Ernennung des als erzkonservativ verschrieenen Kirchenmannes schlug ein wie eine Bombe: Sofort hagelte es Kritik von allen Seiten. Die Medien begannen eine Hetzkampagne ohnegleichen. So endete die Bischofskarriere des Windischgarstener Pfarrers schon nach wenigen Tagen und kam über den Ernennungsstatus nicht hinaus.
Im November 2014 erschien das neue Buch von Fast-Weihbischof Gerhard Maria Wagner. Im Gespräch mit Norbert Blaichinger behandelt dieses Interview-Buch Fragen, welche die Menschen bewegen und spricht Probleme der Kirche direkt an, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Sieben Tage lang trafen sich der Publizist Blaichinger und der promovierte Dogmatiker, und jeden Tag standen andere Themen im Mittelpunkt der Gespräche: die Kirche, Gottesdienst und Theologie, Sexualität, Sterben und Tod, Himmel, Hölle und Fegefeuer…
Anfangs ist es etwas mühsam, sich durch das Buch zu lesen. Denn Vorwort und die behandelten Fragen am Vorabend sind sehr ausführlich und die wenigen, allgemein gehaltenen Fragen werden teils über mehrere Seiten hinweg beantwortet. An manchen Stellen blickt durch, dass der Interviewer selbst nicht ganz im Glauben verwurzelt ist. So verwundert es, dass er, statt die Sonntagsmesse des Pfarrers zu besuchen und mitzuerleben, erzählt, dass er währenddessen einen Spaziergang machte.
Abgesehen davon aber findet sich im Buch eine fundierte Situationsanalyse von Kirche und Gesellschaft heute. Wagner führt aus, dass wir in einer überwiegend gottlosen Gesellschaft leben. Auch innerhalb der Kirche sei die Lage nicht rosig: Priester und Laienmitarbeiter schwimmen oft mit dem Zeitgeist und verkünden nicht mehr die gesunde Lehre, sprechen nicht mehr von „Opfer“ oder vom „Kreuz“: „Von der Liebe sprechen alle, aber von den Geboten wird geschwiegen.“
Unverhüllt gibt Pfarrer Wagner zu, dass sich die Kirche in einer gigantischen Krise befindet, die vielleicht die größte ihrer Geschichte ist. Die Nachwuchskrise im Priesterberuf sieht Wagner als eine logische Folge der Glaubensverdrossenheit in unserer heutigen Konsum- und Wohlstandsgesellschaft, die sich in einer mangelnden Sehnsucht nach Gott, der Erlösung und den Sakramenten ausdrücke.
Er ruft Bischöfe, Priester und Laienchristen dazu auf, mutig für die Wahrheit des Glaubens einzutreten, Gottes Gebote zu verkünden und zu leben: „Ich bin überzeugt, dass wir letztlich als Christen in unserer pluralistischen Gesellschaft sinnvoll nur dann 'ankommen', wenn wir die Werte vertreten und leben, die uns unser Glaube gibt. Ein Christentum zu Billigpreisen auf dem Wochenmarkt unseres Zeitgeistes und auf den Altären persönlicher Selbstverherrlichung interessiert, überzeugt und begeistert auf Dauer niemanden.“
Seit Jahrzehnten setzt sich Pfarrer Wagner vehement für den Schutz des Lebens ein: „Die Kirche verteidigt das menschliche Leben ohne irgendeinen Kompromiss, vom Anfang bis zum Ende.“ Und er warnt: „Wo es heute erlaubt ist, Unschuldige zu töten, ist das Fundament der Gesellschaft schwer bedroht.“
Angesprochen auf die Anti-Baby-Pille betont er: „Die Frau ist kein chemischer Mistkübel.“ Auch in Fragen der Sexualmoral bringe es viel Gewinn, sich an die Kirche zu halten.
Immer wieder finden sich im Buch Hinweise auf das Pfarrleben in Windischgarsten. So scheint diese Pfarre eine absolute Vorzeigepfarre zu sein, in der Pfarrer Wagner sich zudem großer Beliebtheit erfreut. Seit 1988 ist der gebürtige Linzer dort Pfarrer.
Eine Besonderheit, die Pfarrer Wagner einführte, ist die tägliche Anbetung. Auch die Nähe zu den Menschen ist ihm wichtig: So  hat er Familienrunden eingerichtet, bietet fast täglich Beichtgelegenheit an, ein Krankenbesuchsdienst besucht alle Kranken der Pfarre und es gibt etwa 40 Gebetskreise in der Pfarre. Der Pfarrer selbst macht fast täglich einen Hausbesuch.
Man gewinnt durch das Buch viele Anregungen für das eigene Pfarrleben und findet darin das Profil eines engagierten Seelsorgers und geistlichen Hirten, der sich nicht von Menschenfurcht, sondern von Gottesfurcht leiten lässt und der die Lehre der Kirche ganzheitlich und froh vertritt. Das Buch zeigt so die Schönheit des Glaubens auf und die Fülle, die sich in einem Leben aus dem Glauben offenbart.

Himmel oder Hölle. Sieben Tage mit Dr. Gerhard Maria Wagner, Pfarrer von Windischgarsten, Edition Innsalz, 338 Seiten, 19,80 Euro

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