VISION 20002/2015
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Wo ist Gott im Leiden der Menschen?

Artikel drucken Eiine Anfrage, die viele Menschen immer wieder quält: (Von Urs Keusch)

Die Frage nach dem Leiden be­wegt Menschen seit jeher, heute be­sonders, da Lust zum Le­bens­prinzip wurde. Und der Mensch steht vor der Frage: Wie kann ein liebender Gott das viele Elend zulassen. Gedanken zu einem brennend aktuellen Thema.

Die literarische Welt feiert in diesem Jahr den 200. Todestag von Matthias Claudius, einem ihrer liebenswürdigsten Dichter. Kaum jemand hat  in der Schule nicht irgendein Lied von ihm gelernt oder gesungen: „Der Mond ist aufgegangen“, „Ich danke Gott und freue mich“ usw. Warum erfreut sich dieser Dichter – auch als Mensch – heute noch so großer Beliebtheit? Weil er sich durch alle Lebenskümmernisse und Tragik hindurch ein Leben lang die Heiterkeit des Glaubens und ein kindlich-fröhliches Herz bewahrt hat.
Er und seine Frau Rebekka mussten vier ihrer Kinder an „Freund Hain“ (Tod) abgeben. Als der kleine Matthias stirbt, bekennt der Dichter später einmal: „Ich dachte lange schon, mein Glaube sei fest und stark; in der Stunde aber, in der ich meinen Matthias in den Sarg legte, da wollte Ergebung und Demut fast nicht halten; der Glaube ward hart geprüft; da erst lernte ich verstehen, was es mit dem Menschenleben auf Erden auf sich hat. Was vorherging, war nur Kinderspiel.“
Matthias Claudius hat das unerbittliche „Warum?“ angesichts des „sinnlosen Leidens“, wie wir es gewöhnlich nennen, bis auf den Grund ausgekostet. Wer seine eigenen Kinder leiden und sterben sieht, geht durch die grimmigsten Feuer der Anfechtung. Matthias Claudius ist hindurchgegangen, und er ist geläuterter daraus hervorgegangen, mit mehr Licht und mit mehr Glauben.
Von solchem Glauben, solchem inneren österlichen Licht bezog er die Heiterkeit, die Gelassenheit, das Tröstliche und Trö­stende, das sein Dichten und sein Leben so sommerlich warm überstrahlt. Er bezog es vom Bild des Heilandes, das er tief im Herzen trug. Darum schreibt er einmal einem Freund: „Wer nicht an Christus glauben will, der muss sehen, wie er ohne ihn raten kann.“
Es zerbrechen viele Menschen am schweren Leiden, das sie an anderen erleben oder an sich selbst erfahren, vor allem am chronischen Leiden, dem Leiden unschuldiger Kinder, den Grausamkeiten des Krieges, Naturkatastrophen und vor allem an den teuflischen Qualen der Folter. Nicht umsonst  wird das Leiden in der Schöpfung als „Felsen des Atheismus“ bezeichnet, weil viele daran zerschmettern.
Dumpf und schwer wie der Chor von Gefangenen geht die Klage über die Welt: Wie kann Gott, der allmächtige Schöpfer dieser Welt, Vater genannt werden, der seine Menschen so arg leiden lässt? Gerade das Leiden unschuldiger Kinder (Dostojewski) wird zum schärfsten Anklagepunkt gegen Gott und hat schon viele um ihren Glauben und ihren Verstand gebracht.
Aber – und auch das ist wahr: Solches Leiden hat auch schon viele aus Lethargie und bürgerlicher Bequemlichkeit herausgerissen und sie dahin gebracht, der leidenden Welt Herz und Arme zu öffnen. So z.B. den großen Mann der Nächstenliebe, Friedrich Bodelschwing, der als Vater alle seine vier Kinder leiden sah und sie innerhalb von zwei Wochen durch Diphtherie an den Tod verlor. Rückblickend sagte er einmal: „Damals merkte ich erst, wie hart Gott gegen Menschen sein kann, und darüber bin ich barmherzig geworden gegen andere.“ Und von vielen anderen herausragenden Gestalten der Nächstenliebe könnten wir Ähnliches berichten. Auch der gigantische Fortschritt in der Medizin ist ohne die tiefe Betroffenheit gegenüber dem Leid in der Welt gar nicht erklärbar.
Die Frage, warum es in der Schöpfung so viel unverschuldetes Leiden (auch der Tiere) gibt, warum ein Vater im Himmel viele seiner Kinder so sehr leiden lasse und dazu noch schweige – diese Frage ist so alt wie die Menschheit. Und die Bücher, die darüber geschrieben wurden, kann keine Bibliothek fassen. Es gibt dazu unendlich viele Antworten, doch keine kann uns wahrhaft Ruhe verschaffen. Keine hilft wirklich, das Leben besser zu tragen, wenn schweres, lang anhaltendes Leiden uns trifft oder wir solches bei anderen mitansehen müssen.
Eine Frau, die schwerste Phasen von Depression durchmachen musste, erzählte mir einmal, wie sie sich vorgenommen hatte, sich das Leben zu nehmen. Vorher sei sie noch in eine Kirche gegangen. Da sei ein großes Kreuz gehangen, und vor dieses habe sie sich hingestellt. Und sie habe zu Christus aufgeschaut und gesagt: „Ich kann nicht mehr. Es geht nicht mehr. Verzeih mir, wenn ich es nun tun muss.“
Da sei es in ihrem Innern hell geworden, und sie habe ein warmes Licht gefühlt, aus dem eine Stimme zu ihr sprach: „Aber Kind, was habe ich getan, als mir das Schwerste zugemutet wurde?“ Von da an habe sie eine ganz andere Haltung zu ihrer schweren seelischen Krankheit gefunden. Und sie sei seither von solcher Versuchung frei geblieben.
So sieht das Wort im Schweigen Gottes und die Antwort auf das schwere Leiden aus. Sie steht in keinem Buch, nicht einmal im Buch Ijob. Sie hängt lebensgroß am Kreuz. Und sie geht in menschlicher, zerschlagener Gestalt durch die Welt und sucht Eingang bei allen Häusern, in denen gelitten wird. Das war auch die Antwort von Papst Franziskus, als er dem von schweren Naturkatastrophen heimgesuchten Volk der Philippinos gegenüber stand: „Viele von euch haben den Herrn gefragt: ‚Warum, Herr?‘ Und jedem von euch – in eurem Herzen – antwortet Christus mit Seinem Herzen, vom Kreuz herab. Ich habe keine anderen Worte als diese.“ (Predigt vom 17.1.15)
Es gibt auch keine andere Antwort, die wirklich trägt. „Ich bin das Liebeswort des väterlichen Herzens“, sagte einmal der Herr zu Heinrich  Seuse. Und über dieses „Liebeswort“ sprach der Vater: „Dieser ist mein geliebter Sohn, auf Ihn sollt ihr hören!“ (vgl. Mk 9,7) Auf Ihn sollt ihr hören! Auf Ihn sollt ihr schauen! „Wenn man an sein Leiden denkt, soll man dessen inne werden und erkennen, dass es Gott ist, der da leidet“ (Juliana von Norwich).
Niemals kann das Leiden in der Schöpfung mit menschlichen Gedanken durchdrungen und erklärt werden. Wir sollten uns darum hüten, leichtsinnig vom Schweigen Gottes im Leiden der Schöpfung zu sprechen, wo doch der Vater in der zerschlagenen Gestalt seines Sohnes zu uns spricht, der „mit uns weint und mit uns geht“ (Franziskus).
Alles Leben wurzelt zu tief im göttlichen Geheimnis der Schöpfung, als dass es erklärt werden könnte. Darum kann das Leiden nur im Aufblick zu Jesus angenommen werden, der es bewusst und freiwillig in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit an sich genommen hat. Wer das Leiden in Geduld annimmt, wie er ganz selbstverständlich die Freude annimmt, die Liebe, die süße Frucht, die Gesundheit, die Lust, wird vielleicht eines Tages  mit der Erkenntnis beschenkt, „dass in Wirklichkeit Ich [Christus] es bin, der alles, was du leidest, selbst ertrage“ (Hl. Mechthild von Hackeborn).
Es steht uns Menschen darum nicht zu (schon gar nicht den Christen), nur die schöne, lustvolle, fröhliche, die ver­gnügliche Seite des Lebens anzunehmen. Solche Gesinnung verrät überdies eine gemeine Gesinnung gegenüber all unseren leidenden Brüdern und Schwestern, die zur Stunde vereinsamen, weinen, hungern, klagen, sterben. „Wehe den Menschen, die nach Zerstreuungen haschen müssen, um sich einigermaßen aufrecht zu erhalten!“ (Matthias Claudius)
Nun ist das die große Versuchung unserer Zeit. Aber wir gleiten dabei immer tiefer in ein Meer von Traurigkeit. Das Leben wird uns zum Überdruss.  Und die Segnungen des Leidens bleiben uns versagt, wie sie ein großer Mann und Erzieher erlebte, Johann Heinrich Pestalozzi, der von sich sagte: „Das Leiden meines Lebens war mir mehr wert als mir der Genuss meines Lebens je wert sein kann. Das Leiden meines Lebens machte in mir reifen, was sonst nie in mir gereift wäre, wenn ich glücklich gewesen wäre.“
Dieser österliche Glaube schwindet in unserer westlichen Welt in ganz erschreckender Weise. Man denke an Beihilfe zum Suizid, Euthanasie. Das Licht der Hoffnung geht uns Menschen aus, „es wird Nacht und mehr Nacht“ (Nietzsche). Es liegt an uns, „solange es noch heißt: Heute!“, diesen Glauben neu zu ergreifen und zu vertiefen, wenn wir nicht wollen, dass wir eines Tages – wenn schweres Leiden über uns kommt oder das Sterben nach uns greift –, ins Leere greifen, in die Leere fallen. „Wer nicht an Christus glauben will, der muss sehen, wie er ohne ihn raten kann.“
Darum ergeht an jene, die noch glauben können, diese beschwörende Bitte: „Mit deinem Geist musst du die ganze Erde der Länge und Breite nach starkmütig umfangen, keine einzige Seele auf Erden darfst du vom Gebet ausschließen. Selbst den unvernünftigen, leidenden Kreaturen musst du ein menschliches Mitleiden erweisen und sie der Güte Gottes empfehlen.“ (Worte des Herrn an die hl. Maria Bernarda in: Nimm und schreibe!, Tagebuchaufzeichnungen)

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