VISION 20002/2015
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Christus nicht nur als Lehrer sehen

Artikel drucken Was den Christus der Esoterik vom Christus des katholischen Glaubens unterscheidet

Viele Christen haben esoterisches Gedankengut übernommen. Sie meinen, dies mit dem Glau­ben vereinbaren zu können, wird doch auch unter Esoterikern von Christus gesprochen. Im Folgenden eine Hilfe zur Unterscheidung.

Wie geht man damit um, dass auch in der Esoterik von Christus gesprochen wird?
P. Clemens Pilar: Es geht darum aufzuzeigen, worin der Unterschied zwischen dem Christus der Bibel und dem Christus der Esoterik besteht. In der Bibel ruft Jesus die Menschen in eine Beziehung, die erlösend ist. In der Esoterik hingegen ist die Lehre entscheidend. Jesus kommt dort nicht als Erlöser vor, der die Menschen durch Sein Leiden am Kreuz und Seinen Tod erlöst, sondern – je nach Spielart – als der größte Lehrer aller Zeiten, als aufgestiegener Meister, der die Menschen auf einem spirituellen Weg unterweist oder als Mensch, der sich durch viele Reinkarnationen geläutert hat. Im Vordergrund steht stets: Er ist Vorbild oder Lehrer, der den Menschen zeigt, wie sie den Weg der Selbstvergöttlichung gehen können. In der gnostischen Spielart ist Christus ein Lichtwesen aus der göttlichen Welt, um im Menschen das Göttliche, das in die Materie gefallen ist, zu erwecken, damit es wieder aufsteige ins Göttliche – aber durch Erkenntnis der richtigen Lehre oder durch Erleuchtung.

Ist Jesus, so gesehen, eine einmalige historische Erscheinung oder eine Reinkarnation?
P. Clemens: Das ist je nach Spielart unterschiedlich. Es gibt Richtungen, die sagen, Jesus sei ein Avatar, der schon in verschiedenen Gestalten aufgetreten war: etwa als Krishna, dann sei er als Jesus gekommen und später als Mohammed… Irgendwann einmal kommt er dann als Maitreya. Außerdem gibt es die Variante, dass er zwar eine einmalige Gestalt, aber nicht am Kreuz gestorben, sondern vom Kreuz heruntergeholt und gesundgepflegt worden sei. Er sei nach Kaschmir oder in die Himalaya-Gegend gegangen. Dort warte er bis zur großen Zeitenwende, um mit den anderen großen Lehrern zurückzukommen…

Versteht sich die Esoterik als eine Art übergeordnete Betrachtung, die aus den verschiedenen Religionen, auch aus dem Christentum nach Belieben auswählt?
P. Clemens: Dass Christus in der Esoterik vorkommt, ist verständlich. Die Esoteriker kommen an Ihm eben nicht vorbei, weil Er nun einmal die maßgeblichste religiöse Gestalt ist. Sie sammeln zwar aus allen großen religiösen Traditionen, sehen sich selbst aber über ihnen.  Aus den konkret verfassten Religionen wollen sie die Menschen heraus und zur „Urwahrheit“ führen, denn die Religionen seien unvollkommene oder verbogene Formen der Religiosität. Und zu diesen gehöre auch das Christentum. Die Kirche habe eine falsche Lehre über Christus gebracht: Er sei nicht der Erlöser am Kreuz, sondern ein großer Lehrer.

Christus also nicht der Mensch gewordene Gott, sondern ein erleuchteter Mensch?
P. Clemens: Das hängt davon ab, wie der Esoteriker es jeweils interpretiert. Der eine wird sagen, er sei ein erleuchteter Mensch, der den anderen voraus sei und nun den Weg der Weisheit lehren könne. Andere sagen: Hier manifestiere sich tatsächlich das Göttliche, aber nur um den Menschen klarzumachen, dass sie ebenfalls göttlich sind: helfen, die eigene Christus-Natur in sich zu erwecken, um letztlich mit dem Göttlichen im Ganzen eins zu werden. Unterstellt wird: In mir schlummert die Christusnatur – und ich muss sie selbst verwirklichen.

Gibt es für diesen „Christus“ einen Vater?
P. Clemens: Nein. Für diesen Christus gibt es nicht das Gegenüber des Schöpfergottes. Nicht die Beziehung, der Dialog ist entscheidend. Auch ist das endgültige Ziel nicht Gemeinschaft, sondern die Erleuchtung. Der Unterschied zwischen den esoterischen Wegen und dem Weg der Bibel liegt oft in sehr feinen Details. Für uns heißt es ja auch, dass Gott Mensch geworden ist, damit der Mensch vergöttlicht wird. Und: Wir sollen Kinder Gottes, ganz eins mit Ihm werden. Wir sollen vollkommen sein, wie auch der Vater im Himmel vollkommen ist. Auf dem Weg der Esoterik wird hingegen gelehrt, der Mensch könne sich gewissermaßen zur Gottheit aufblähen: Ich verwirkliche mich dann als Gottheit. Im Christentum vergöttlicht die Beziehung zu Gott den Menschen – in der Esoterik muss sich der Mensch selbst als Gott verwirklichen. Christus ist dann der spirituelle Lehrmeister, der den Menschen Erleuchtung ermöglicht. Aber er ist nicht der Erlöser. Daher kann der Esoteriker auch sagen, man könne sich den Lehrmeister, der einem am ehesten entspricht, aussuchen: Der eine habe eher einen Bezug zur Christusfigur, der andere zur Buddhafigur, ein dritter wieder zu einer hinduistischen Gottheit… Wie du die Erleuchtung erlangst, ist egal…

Für den christlichen Normalverbraucher ist das alles sehr ver­wirrend. Wie soll er all das durchschauen?
P. Clemens: Diese Verwirrung hängt auch damit zusammen, dass viele Christen ihren Glauben nicht wirklich verstehen. Da mischt sich Glaube und Aberglaube. Für viele ist Gott ja auch so etwas wie eine himmlische Instanz, die hilft, wenn man Probleme hat. Man vollzieht diverse Rituale, spricht bestimmte Gebete, zündet ein Kerzerl an … Aber man sucht nicht die Beziehung zu Gott. Und dabei ist die Christus-Nachfolge entscheidend, um durch Ihn zur Gemeinschaft mit Gott und den anderen Menschen erlöst zu werden. Jesus zufolge ist der Gottesbeweis der Bibel, dass Gemeinschaft gelingt: „Alle sollen eins sein … damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ Nicht dass der Mensch Wunderkräfte, Erleuchtung bekommt, sondern dass Gemeinschaft gelingt. Das ist auch der Knackpunkt für die Kirche. Der lebendige Glaube, der in den Beziehungen erkennbar wird, ist entscheidend.

Viele Christen verstehen sich als Mitglieder einer Religionsgemeinschaft: r.k. – und nicht so sehr als Menschen, die in die Nachfolge Christi eingetreten sind. War das im Anfang nicht anders? Wollten die Jünger eine neue Religion gründen?
P. Clemens: Erstaunlicherweise haben die frühen Christen zunächst typisch religiöse Erscheinungsformen abgelehnt. Die junge Kirche entlehnt etwa ihre Begriffe vielfach aus der profanen Welt: Sie spricht vom Presbyter, dem Ältesten, ein profaner Begriff. Ebenso vom Episkopos, dem Aufseher, dem Hüter. Kultkleidung wurde abgelehnt. Man errichtete keine neuen Tempel. Jesus hatte ja gesagt, es käme die Zeit, in der man nicht mehr an bestimmten Orten, sondern im Geist und in der Wahrheit anbeten würde. All das hat den Christen den Ruf eingetragen, areligiös zu sein. Sie haben ernst genommen, dass Gott gegenwärtig sei: wo zwei oder drei in Seinem Namen beisammen seien. Dann ist das Entscheidende, dass Jesus Christus die Mitte ist. Die äußeren religiösen Erscheinungsformen sind im Übergang von der Antike zum Mittelalter auch bei den Christen wieder stärker in Erscheinung getreten. Für Außenstehende erscheint heute die Kirche als eine unter vielen Varianten von Religion: Muslime haben Moscheen, Buddhisten Pagoden – Christen Kirchen; buddhistische Mönche sind orange angezogen, katholische Pfarrer schwarz… (zu dieserm Thema siehe auch S.13)

Eine größere, über die Zeit fortbestehende Gemeinschaft be­nötigt aber auch Formen…
P. Clemens: Klar. Eine weltweite Gemeinschaft braucht unbedingt gemeinsame Formen. Es geht auch gar nicht anders. Gefährlich aber wird es, wenn man beginnt, Substanz und Erscheinungsformen zu verwechseln. Man bedenke: Nicht wenige waren entsetzt, als Papst Paul VI. die Tiara abgelegt hat. Viele stoßen sich am Umgang von Papst Franziskus mit manchen Insignien und Zeichen – und dabei führt er in vielem zum Ursprung des Evangeliums zurück.

Geht es um diese Rückbesinnung bei der Neuevangelisierung?
P. Clemens: Ein heute sicher entscheidendes Problem ist die richtige Christus-Verkündigung: dass Er nicht primär der Lehrer, sondern der Erlöser ist, dass es um die Beziehung mit Ihm geht.

Verkündigen Sie primär Christus als den Retter der Welt?
P. Clemens: Ja, als den Mensch gewordenen Gott, der die Welt zu retten gekommen ist und der den Menschen zur wahren Menschlichkeit erlöst. Das steht übrigens im Kontrast zur Esoterik, die meint, der Mensch müsse das Menschliche überwinden und der reine Geist müsse ins Göttliche aufsteigen. Wir verkünden das Gegenteil: Gott kommt als Mensch zum Menschen, damit der Mensch wagt, Mensch zu sein. Er wird als Mensch mit Gott vereint – und nicht nachdem er das Menschliche abgelegt hat.

Sie stehen einem Orden vor, der sich stark missionarisch engagiert. Merken Sie, dass man bei den Menschen ankommt, wenn man Jesus Christus verkündigt?
P. Clemens: Ja. Allerdings ist es schwierig, an die Fernstehenden heranzukommen. Insofern wir aber innerhalb der Kirche eine lebendige Verkündigung einbringen, bemerkt man doch ein richtiges Aufatmen. Da begegnet man Aha-Erlebnissen. Uns bewegt aber die Frage: Wie erreichen wir die vielen, die nicht mehr kommen? Da muss man sagen: Hier geht es um die Weitergabe von Mensch zu Mensch. Das bedeutet Zeugnis geben, einladen: in der Familie, im Berufs- und Freizeitleben…

Ein Appell an die Laien also?
P. Clemens: Unbedingt. Die Menschen heute sind ideologiemüde, aber dennoch suchend. Sie halten Ausschau nach glaubwürdigen Zeugen. Wenn sie einer glaubwürdigen Gemeinde begegnen könnten, hätte dies ein besonderes Gewicht. Papst Franziskus und Papst Benedikt haben es immer wieder gesagt: Wir sollten durch Anziehung evangelisieren. Dazu bedarf es der erwähnten Gemeinschaften, die wie die Stadt auf dem Berge leuchten.
P.  Clemens Pilar COp ist Generalsuperior des Kalasantiner-Ordens. Mit ihm sprachen A+CG

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