VISION 20004/2015
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Höchste Zeit, Klartext zu reden

Artikel drucken Über falsch verstandene Toleranz (P. George Elsbett LC)

Mehr oder weniger unbeteiligt alles geschehen zu lassen, ohne den Mund aufzumachen, ist eine heute weitverbreitete Haltung. Man müsse eben tolerant sein, so die Rechtfertigung. Aber christlich ist das nicht. Ein Appell, mutiger Position zu beziehen.

Ich stehe vor der Tür. Gut, nicht direkt davor, sondern ein paar Schritte daneben. Christoph schaut etwas nachdenklich über die Bergspitze, die etwa 600 m entfernt aufragt. Vor mir breitet sich eine herrliche Berglandschaft aus, hinter mir steht die Schutzhütte. Sie war schon in den 1930er Jahren in den Hang gebaut worden.
Inzwischen hat eine Touristengruppe die Hütte verlassen. Manche tragen nicht einmal richtige Wanderschuhe. Der Gruppenleiter gibt Anweisungen in einer Fremdsprache. Ein halbe Minute später startet die Gruppe im Gänsemarsch zum Gipfel. Das darf doch nicht wahr sein, denke ich. Innerhalb weniger Minuten sind dicke Wolken aufgezogen. Begreifen die denn nicht, was das heißt? Noch hört man kein Donnergrollen, aber es ist nur eine Frage von vielleicht 15 Minuten.
Was tun? Soll ich dem Touristenführer, der offensichtlich keine Ahnung vom Wetter im Ge­birge hat, nachlaufen? Alles daransetzen, dass seine Gruppe doch in der Schutzhütte bleibt? Aber das geht mich doch nichts an. Oder wenn dann das Gewitter doch nicht so arg werden sollte…?
Warum fällt mir diese Geschichte ein? Vielleicht, weil ich in den vergangenen Wochen Zeitungen gelesen habe und die Heuchelei fast nicht mehr aushalte? Wie brutal egoistisch! Oder vielleicht sollte man es doch einfach sagen, wie es ist: pervers.
Ein Versuch der Erklärung: Welcher halbwegs denkende Mensch würde dem oben erwähnten Touristenführer eben nicht hinterherlaufen? Gleichgültigkeit steht der Liebe als deren Gegensatz gegenüber, mehr als der Hass. Der Hass interessiert sich wenigstens noch für den anderen oder für das, was er tut, dem Gleichgültigen ist es völlig egal.
 Ich bin der Erste, der sagt: „Ja, wir müssen die Menschen vor allem durch unser Zeugnis und unsere Liebe zum Herrn führen. Ja, ich kenne auch Franz von Sales und sein „Ein Tropfen Honig lockt mehr Fliegen als ein ganzes Fass voll Essig.“ Da bin ich voll dabei. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich einfach zuzuschauen habe, wenn jemand genau dort hingeht, wo ihn der Blitz treffen muss.
Pervers ist es, weil wir heute so weit sind, dass wir Menschen, die eben nichts sagen und nichts tun, als ganz besonders „tolerant“ und „respektvoll“ darstellen. Wenn es aber doch offensichtlich ist, dass man nicht intoleranter und nicht mehr mangelnden Respekt haben könnte als das. Und außerdem, für uns Christen geht es hoffentlich nicht nur um Toleranz, nicht nur darum, jemanden auszuhalten, sondern darum, ihn zu lieben. Und zwar bis zum Geht-nicht-Mehr ...
Aber gut, so sind wir halt heute aufgeklärt und tolerant. Wir bringen unsere Kinder um – und nennen das Liebe für die Mütter. Wir bringen unsere Alten um – und nennen das Barmherzigkeit. Wir ziehen Leute durch den Dreck und nennen das kritisches Denken.Wir zeigen unseren Zehnjährigen, wie sie in Porno- und Selbstbefriedigungs-Sucht versklavt werden können – und nennen das sexuelle Aufklärung. Wir streichen Stellen wie die zweite Lesung vom Sonntag über das Gericht Gottes aus unseren Messtexten (... wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat, 2Kor 5,10) oder wenigstens aus unserem Bewusstsein – und nennen das dann sogar Liebe zur Wahrheit. Denn Paulus hätte das ja nicht so meinen können, man müsse das in den historischen Kontext stellen, und eigentlich sei das ganz anders zu verstehen.
Und wenn es jemand wagt zu erwähnen, dass Jesus fast ein ganzes Kapitel der Scheidung der Böcke von den Schafen (Mt 25) widmet, weil die Böcke eben der Unterlassungssünde, dem Nichts­tun, dem Einfach-Zuschauen, wenn sie die Ärmel hätten hochkrempeln sollen, schuldig geworden sind, dann wird gekontert, Jesus habe das sicherlich nicht so gemeint.
Einverstanden, nicht jeder kann sich gegen Regenbogen-Zebrastreifen wehren. Aber wenn wir sogar so weit sind, dass wir Schwarz plötzlich Weiß und Blau plötzlich Grün nennen, dann haben wir ein Problem. Und wenn ich in meinem Leben das Evangelium so weit gezähmt habe, dass es mir nichts mehr sagen darf – außer das, was ich selbst bestimmt habe, dass es mir zu sagen hat –, dann haben wir Christen versagt.
Den Mut zu sein, was wir sind, die Liebe, die bereit ist, sich selbst vom Blitz erschlagen zu lassen, sodass es meinen Mitmenschen nicht treffen wird, das wünsche ich uns allen,

Der Autor ist Hausoberer der Niederlassung der Legionäre Christi in Wien und Regionalkoordinator des Regnum Christi in Österreich.

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